Pop Psychedelisch erneuert

Aaron Brooks ist nach einer persönlichen Krise und dem Ende von "Simeon Soul Charger" zurück mit dem Soloalbum "Homunculus"

Von Jürgen Moises

Der Begriff "Homunculus", der lässt an Klone, Roboter, an künstliche Intelligenz denken, an Science-Fiction-Filme und Literatur. Oder wenn man es historischer, mythologischer will: an "eine alte Praxis", wie es Aaron Brooks beschreibt, "nach der Alchemisten chemische Substanzen kombinierten, um einen kleinen Menschen zu kreieren". An diese Vorstellung knüpft der Sänger, Gitarrist und Songwriter mit dem gleichnamigen Titel seines Solodebüts an, das er an diesem Mittwoch in der Milla vorstellt. Aber da ist noch mehr. Denn als "Symbol für Wiedergeburt und spirituelle Erneuerung" verstanden, steckt hinter "Homunculus"auch eine private, sehr persönliche Geschichte. Und die hat viel mit Simeon Soul Charger zu tun, der Band, bei der Aaron Brooks bis noch vor drei Jahren gesungen und gespielt hat.

Simeon Soul Charger, die sich zwischen 2008 und 2016 mit drei Alben und durch ihre Live-Auftritte einen wirklich guten Ruf in Europa erspielt hatten, waren aber nicht nur eine Band. Sondern sie waren, so könnte man es vielleicht sagen, auch so etwas wie ein modernes Hippie-Märchen oder alternatives Lifestyle-Experiment. Von 2011 an lebten die vier Musiker aus dem amerikanischen Ohio nämlich in einem alten Bauernhof in dem kleinen Nandlstadt bei Freising. Dort waren sie über einen Freisinger Fan gelandet, der die Band zunächst nur für Konzerte nach Bayern einlud. Bald darauf hatten die Musiker mit Bernd Buchberger ihren Manager und mit Gentle Art Of Music ihr Plattenlabel in Bayern und zogen schließlich selber auch hierher.

Mit seinen Bandkollegen von "Simeon Soul Charger" versuchte Aaron Brooks den Hippie-Traum auf einem alten Bauernhof in Nandlstadt bei Freising zu leben.

(Foto: Alexey Testov)

Seit 2016 ist dieses Experiment Geschichte. Der Schlagzeuger Joe Kidd und der Gitarrist Rick Phillips sind wieder in den USA und spielen dort in neuen Formationen. Der Bassist Spider Monkey ist mit einer Bayerin verheiratet. Und Aaron Brooks? Der fiel, wie er offen erzählt, erst mal in ein tiefes, schwarzes Loch: "In der Zeit nach Simeon wurde ich psychisch krank, und zwar so sehr, dass ich vorübergehend in eine Einrichtung für psychisch Kranke musste. Während das Ganze als Erfahrung, um es milde zu sagen, grauenvoll, ein Albtraum war, brachte es am Ende doch eine Art Befreiung und Erneuerung mit sich. Und ich dachte mir, das Bild des Homunculus wäre dafür ein passendes Symbol."

Hört man sich dieses "Symbol" in Form der dreizehn darauf enthaltenen Songs nun an, könnte man sagen, dass sich dieses im Vergleich zu Simeon Soul Charger zwar nicht wie eine komplette Neugeburt anhört. Aber danach, dass Brooks als Musiker und Songwriter zur alten Stärke zurückgefunden hat. Wem der an den Siebzigerjahren geschulte Psychedelic-Rock von Simeon Soul Charger gefallen hat, den dürfte auch "Homunculus" begeistern. Wenn es bei Stücken wie "What Is A Man But An Animals End" komplexer wird und Elemente wie Chorgesang und Violine dazukommen, dann hat das etwas von Prog-Rock. Und bei Songs wie "By Your Halo Or The Fork Of Your Tongue" und "Bodega, Bodega" schlagen Folk- und Country-Einflüsse durch. Was die Texte angeht, da setzt Brooks etwa beim Opener "Consume" mit Sätzen wie "that's freedom, consume now" ein deutliches gesellschaftskritisches Zeichen. Der Song "The Idiot" ist ein wunderbares Liebeslied, in dem es heißt: "Auch wenn ich das Ende kenne, würde ich alles noch mal machen." Und bei Liedern wie "Everbody Dies" und "I'm Afraid" kommt man nicht umhin, an den vorangegangenen Zusammenbruch zu denken, etwa wenn Brooks Sätze wie "Ich habe Angst, dass mein Verstand keine Ruhe mehr findet" singt.

Dass wieder Ruhe eingekehrt wäre, in sein Leben, lässt sich nicht sagen. Zwar hat Brooks unter anderem mit Beni Wiedemann (Piano), Max Huber (Schlagzeug), Joachim Schwarz (Bass) und Isabel Schlegel (Cello) neue Musiker gefunden, mit denen er nach München auch in Dachau (25. Januar), Straubing (1. Februar), Landshut (6. Februar) und in Freising (23. Februar) spielen wird. Gleichzeitig führt er aber ein Vagabundenleben ohne festen Wohnsitz. Bis es im April nach England, in die Niederlande und Polen auf Tour geht, hat er bei bayerischen Freunden eine Bleibe. In der freien Zeit, die ihm dort bleibt, will er mit voller Kraft an neuen Songs arbeiten.

Aaron Brooks, Mittwoch, 23. Januar, 20 Uhr, Milla, Holzstraße 28