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Pop:Propheten der Wut

Wann, wenn nicht jetzt: In Los Angeles will die Polit-Rock-Supergroup "Prophets Of Rage" nicht nur Donald Trump stoppen.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt einen Moment bei diesem Konzert im Hollywood Palladium auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles, da wird einem klar, dass die Burschen auf der Bühne das alles wirklich ernst meinen. Da sind keine alten Männer an Mikrofonen, die noch mal ein bisschen Geld verdienen und ein paar Groupies treffen möchten. Sie nehmen sich selbst so ernst, wie das in der Kunst nur Rap- und Rockstars können, und sie haben eine Botschaft an die Welt. Aus den Boxen knarzt das Riff des Beastie-Boys-Klassikers "No Sleep Till Brooklyn", die Textzeile stammt aus dem Public-Enemy-Song "Fight The Power" und handelt davon, dass es Zeit für Rebellion und Revolte sei. Am Ende brüllen die knapp 4000 Menschen im Saal immer wieder: "No sleep till Cleveland - we'll fight the power!"

In Cleveland wird Donald Trump im Juli auf dem Parteitag der Republikaner wohl zum Präsidentschaftskandidaten ernannt. Und die Prophets Of Rage haben da ganz offensichtlich was geplant, das irgendwo zwischen Rebellion und Revolte liegt. Die Band besteht aus einigen großen Namen der jüngeren Popgeschichte, die sich zu einer Crossover-Combo zusammengefunden und nach zwei Auftritten in berühmten Clubs in Los Angeles am Sonntagabend auch in New York vorgestellt hat. Im Sommer soll es eine Tour geben, die bis zur Präsidentschaftswahl im November dauern soll. Das Ziel: Dem Hass von Donald Trump gegen alles und jeden eine anständige Portion Wut entgegenschleudern. Die Prophets Of Rage sind Tom Morello (Gitarre), Tim Commerford (Bass) und Brad Wilk (Schlagzeug), allesamt Gründungsmitglieder der Polit-Metal-Band Rage Against The Machine, die Rapper sind Chuck D von Public Enemy und B-Real von Cypress Hill. Die Propheten der Wut sind sich der politischen Bedeutung ihrer Vereinigung sehr bewusst, sie treten deshalb auf wie Boxer. Der dumpfe Sprechgesang von Chuck D ist der präzise Jab gegen das Trommelfell, der näselnde und hüpfende Klang von B-Reals Stimme der wilde Aufwärtshaken, die heftigen Schwinger liefert Tom Morello mit einer Mischung aus schweren Riffs und Soli, die das rechte Auge zucken lassen.

Prophets Of Rage Perform At The Hollywood Palladium

Propheten der Wut: Chuck D, B-Real, Tom Morello und DJ Lord auf der Bühne im Hollywood Palladium.

(Foto: Kevin Winter/AFP)

Rock-Rap-Crossover-Projekte sind nicht neu, es hat sie seit den Neunzigerjahren häufiger gegeben, als Vertreter der beiden Genres für wunderbar wütende Platten wie den Soundtrack zum Film "Judgement Night" miteinander gearbeitet haben. Die Prophets Of Rage stammen nun allerdings aus Bands, die mit ihrer Musik stets mehr erreichen wollten, als nur die Massen zu unterhalten. Rage Against The Machine attackierten im Jahr 2000 etwa den Parteitag der Demokraten ("Die Demokratie ist entführt worden"), acht Jahre später spielten sie bei einer Veranstaltung der Republikaner mit Megafonen ihren Song "Killing In The Name Of". "Wir sind eine Elite-Einheit aus revolutionären Musikern, die diesem riesigen Haufen Mist in diesem Wahljahr entgegentreten wollen", sagte Morello einen Tag vor dem zweiten Konzert ohne jede Selbstironie oder gar Selbstzweifel. Die Mitglieder verteilten auf dem Sunset Boulevard höchstselbst die Armbänder an die Besucher, die Einnahmen (jedes Ticket kostete 20 Dollar) gingen an eine Organisation, die sich für Obdachlose einsetzt. Morello zitierte eine Zeile aus dem Song "Guerilla Radio", die einen Tag später Chuck D vortragen wird: "Irgendwo muss es anfangen, irgendwann muss es anfangen. Wo wäre es besser als hier? Wann wäre es besser als heute?"

Beim Konzert spielen sie alte Songs, deren Texte von Rassismus handeln, von korrupten Politikern und der Ausbeutung der Arbeiterklasse, von Polizeigewalt und Amtsmissbrauch. Vom amerikanischen Albtraum. Es gibt auch neue Lieder, eines davon heißt "Party's Over" und ist Donald Trump gewidmet. Die wichtigste Textzeile lautet: "Du wirst niemals Präsident!" Freilich persifliert das Motto des Projekts ("Make America Rage Again") den Trump-Slogan "Make America Great Again".

Genau hier liegt jedoch auch das Problem der Prophets of Rage: Natürlich ist es grandios, einen Abend lang inmitten anderer wütender Menschen herumzuhüpfen, sie hin und wieder mit Bier zu beschütten und zu brüllen, wie unerträglich alles ist. Wer später jedoch darüber nachdenkt, der wundert sich: Ist die Basis von Trumps politischen Erfolgen nicht exakt diese Wut?

Die Prophets Of Rage sind aufgrund der Vergangenheit ihrer Mitglieder gesellschaftlich und politisch scharf profiliert. Und jetzt sind sie wütend auf das gesamte politische System. Nur: Wer gegen alles ist, der muss nie sagen, wofür er eigentlich ist. "Wir werden rund um den Parteitag der Republikaner wütend rocken", sagt Tom Morello: "Wir werden ordentlich Krawall machen." Und auf die Frage, ob denn auch eine Aktion auf der Veranstaltung der Demokraten geplant sei, antwortet er: "Alles ist möglich!" Eine Alternative zu Trump oder Hillary Clinton nennen sie jedoch weder in ihren Songs noch in Interviews.

Die Shows sind allerdings zweifellos aufregend, die Texte wuchtig, die Musik kraftvoll. Sie wird aufgeführt von Menschen, die tatsächlich daran glauben, dass ihre Kunst einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen kann. Warum auch nicht? In diesem Wahljahr sind schließlich schon sehr verrückte Dinge passiert. Und bis zum 18. Juli, bis Cleveland werden sie keine Ruhe geben. Die Prophets Of Rage machen die Musik, die dieser Wahlkampf-Wahnsinn verdient hat.

© SZ vom 07.06.2016
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