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Pop:Poetische Poser

Chris Cornell live in Berlin

Rockmusik in der schwermütigen Variante: Soundgarden-Kopf und Temple-Of-The-Dog-Sänger Chris Cornell.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Zwei Wiederveröffentlichungen werfen ein neues Licht auf die alte Frage, ob Grunge ohne Punk möglich gewesen wäre.

"Green River + Soundgarden. 80s Seattle bands making huge sounds. (. . .) Friends one + all with similar. Life was great." Das Leben war großartig - mit diesen nüchternen Worten beginnen die CD-Booklet-Notizen zur Neuauflage des einzigen Albums des amerikanischen Allstar-ProjektsTemple Of The Dog. Es geht in ähnlich reduzierter Diktion weiter, sodass man die Dramatik dessen, was einige Zeilen weiter folgt, erst beim zweiten Lesen so richtig wahrnimmt: "We all lost our beautiful friend, Andrew. The rest of us hung." Die Vertreibung aus dem Paradies als lakonische Note, eines der traurig-schönsten Kapitel in der Geschichte der Rockmusik auf seinen nackten Kern reduziert.

Geschrieben hat den Text ein Urgestein der Seattle-Szene: der heutige Pearl-Jam-Bassist Jeff Ament, der damals bei all seinen Bands auch für Gestaltung und Kommunikation zuständig war. Ament erklärt hier in knappen Worten, wie Freundschaft, Leidenschaft, eine Tragödie und eine irre Kette von Zufällen einen Teil der Voraussetzungen für den Mainstream-Erfolg des sogenannten Grunge schufen.

Bereits seit den frühen Achtzigern hatten er und sein Freund, der Gitarrist Stone Gossard, gemeinsam bei Green River gespielt. Als sich Green River auflöste, gingen aus dem Split zwei Bands hervor, die die Bandbreite dessen markierten, was später unter dem Label Grunge zusammengefasst wurde: Mudhoney, mit den Green-River-Musikern Steve Turner und Mark Arm - und Mother Love Bone, denen Ament und Gossard vorstanden.

Der Sänger von Mother Love Bone war ein 22-jähriger, flamboyant auftretender Freddie-Mercury-Fan mit dem Namen Andrew Wood. Wood wurde von den Punkrock-Bescheidwissern aus Gossards und Aments Freundeskreis als Rocktrottel belächelt, galt aber als sehr talentiert. Und er teilte sich eine Wohnung mit Chris Cornell, dem Sänger der damals bereits aktiven Band Soundgarden, der in der Szene großen Respekt genoss. Außerdem hatte Wood seit seiner Jugend ein ausgewachsenes Drogenproblem. Nach mehreren erfolglosen Therapien kam es wenige Tage vor der Veröffentlichung des ersten Albums von Mother Love Bone - übrigens auch das erste einer Seattle-Band, das bei einer großen Plattenfirma erschien - zur Katastrophe: Wood fiel am 16. März 1990 im Alter von 24 Jahren nach einer Heroinüberdosis ins Koma. Drei Tage später wurden die Geräte abgeschaltet, dem bereits hirntoten Musiker konnte nicht mehr geholfen werden.

Cornell reagierte, indem er zwei Songs zu Ehren des Freundes schrieb, die stilistisch nicht zu Soundgarden passten: "Reach Down" und "Say Hello 2 Heaven". Er spielte diese Songs Gossard und Ament vor, die sich in einer Art Schockstarre befanden. Ament hatte sich nach dem Unglücksfall bereits halb von der Musik abgewendet und wollte sein Studium beenden, war von Stone Gossard aber zu einigen Sessions für eine neue Band mit einem Schulfreund, dem Gitarristen Mike McCready, überredet worden. Außerdem war ein junger Nachwuchssänger mit dem Namen Eddie Vedder zu Gast, um für das Projekt vorzusingen, aus dem später die größte amerikanische Alternative-Rockband der vergangenen 20 Jahre werden sollte - Pearl Jam.

Zunächst aber widmeten sich nun alle den Ideen von Cornell. Der Soundgarden-Schlagzeuger Matt Cameron half auf freundschaftlicher Basis aus, die Sessions entwickelten ein Eigenleben, weitere Songs kamen von allen Beteiligten hinzu. Lose inspiriert von Wood, vor allem aber getrieben von den Gefühlen, durch welche die Musiker zu dieser Zeit gingen. Alle waren in einer Art Tunnel, der Rest der Welt war egal, es war gemeinsame Trauerarbeit. Und so wurde aus den Jams irgendwann ganz von selbst ein Album: "Temple Of The Dog", ein letzter Gruß an Andrew Wood, benannt nach einer Zeile aus dessen Song "Man Of Golden Words".

25 Jahre nachdem das Album erschienen ist und im Kielwasser der Erfolge von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden zu einem Besteller avancierte, ist seine Entstehungsgeschichte heute längst zu einem Teil des Grunge-Mythos geworden. Die Bedeutung lässt sich nicht zuletzt an zwei nun auch auf Vinyl erschienenen üp- pigen Wiederveröffentlichungen ablesen: "Temple Of The Dog" liegt als Doppel-LP in der inzwischen üblichen 180-Gramm-Variante mit Gatefold-Cover, Lentikular-Artwork und eben den Linernotes von Ament vor. Und das einzige Album von Mother Love Bone wurde zu einer hochpreisigen Box aufgeblasen, zu der unter anderem noch eine zuvor erschienene EP sowie alle möglichen Artworks gehören.

Aber auch wenn diese Editionen sich vor allem an einkommensstarke Vinyl-Connaisseure richten, haben sie doch eine Berechtigung: Beide Alben sind seit Jahren nicht mehr auf Vinyl erhältlich, und die Musik erlaubt einen aus heutiger Sicht ungewöhnlichen Blick auf das, was damals in Seattle geschah.

Die allgemein anerkannte große Grunge-Erzählung geht so: 15 Jahre nach den Sex Pistols kam Punk über einen langen Underground-Umweg, der seinen Ausgangspunkt im New York der frühen Siebziger hatte, endlich auch in den USA im Mainstream an - und von dort erneut im Rest der Welt. Grunge gilt aus dieser Perspektive als letzte Innovation in der Geschichte der Rockmusik. Allerdings gibt es nur zwei Bands, die dieser Deutung aufgrund ihrer offensichtlichen Punk-Bezüge überhaupt entsprechen: die bis heute aktiven Mudhoney - und natürlich Nirvana, die allerdings nicht unmittelbar der Seattle-Szene entstammten, die als das Epizentrum der Bewegung gilt.

Insofern erscheint eine andere Perspektive sinnvoller. Man kann die Dinge, die damals an der amerikanischen Westküste passierten, schließlich auch als einen Wettstreit zweier konkurrierender Systeme begreifen, die sich auf unterschiedliche Weise an einer Neudefinition des Hard Rock der Siebzigerjahre versuchten.

In Los Angeles taten das zu dieser Zeit vor allem die Vertreter des sogenannten Sleaze Rock. Also Guns N' Roses, aber auch Bands, an die sich heute keiner mehr erinnert wie Faster Pussycat und die L.A. Guns. Von diesen unterschieden sich insbesondere Mother Love Bone eigentlich nur durch ihre Texte, die weder hedonistisch noch machohaft waren, sondern introspektiv und teilweise nahezu poetisch. Insgesamt spielten die Bands aus Seattle die Rockmusik in einer schwermütigeren, lebensabgewandteren Variante als die euphorischen Poser aus Los Angeles. Die Sehnsucht von Bands wie Soundgarden und Mother Love Bone war düster und undefinierbar, in Kalifornien war immer klar, worum es ging: Mädels, Tätowierungen, Drogen, Geld, Ruhm, dicke Karren. Trotzdem spielte klassischer Hardrock in beiden Szenen eine weitaus größere Rolle als Punk.

War Grunge also, mehr noch als andere künstlich konstruierte Szenen und Bewegungen, ein Marketing-Begriff, der sich kaum auf ein musikalisches Genre verdichten ließ? Wenn man jetzt, 25 Jahre später, Mother Love Bone und Temple Of The Dog noch einmal hört, drängt sich diese Deutung unbedingt auf. Chris Cornell etablierte bei Temple Of The Dog einen balladesken, stark von Blues inspirierten Stil, der Soundgarden später bei ihrem kommerziellen Erfolg mit Songs wie "Black Hole Sun" half. Gleichzeitig wies das Album bereits die grobe Richtung, die Ament und Gossard auch mit Pearl Jam verfolgten. Natürlich ergänzt um die Ideen des damaligen Nachtwächters Eddie Vedder.

Letztlich ist Grunge vor allem nicht ohne Bands wie Guns N' Roses zu denken

Im Prinzip geschahen all diese Dinge jedoch gleichzeitig innerhalb weniger Tage. Nachtwächter Vedder musste nach sieben Tagen zurück nach San Diego, sonst hätte er seinen Job verloren. Nur ein Jahr später eroberte er mit Pearl Jam die ganze Welt und zerbrach beinahe daran. Somit stand der Gewinner im Ringen der konkurrierenden Westküstensysteme fest. Auch wenn Guns N' Roses unbeschreiblichen Mega-Erfolg hatten, hatte die Seattle-Szene den nachhaltigeren Einfluss.

Die dunkle Seite der Richtungsentscheidungen bekam man als Hörer noch Jahre später durch den grauenvollen Alternative Rock der Neunziger und Bands wie Creed zu spüren. Aber man kann die Seattle-Klasse von 1991 ja nicht für alles verantwortlich machen. Die Historisierung dieses bislang letzten wirklich interessanten Kapitels der Rockmusik betreiben die Protagonisten heute übrigens überwiegend selbst: Die Wiederveröffentlichungen werden von einer Amerika-Tour von Temple Of The Dog flankiert, einer Band, die eigentlich nie eine war.