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Pop:Parallel-Weltreise

Das Victoria & Albert Museum erzählt die Geschichte von "Pink Floyd". Diese Band hat ihre Bildsprache dazu benutzt, von den Musikern selbst abzulenken - zur Musik hin. Es ist die beste Londoner Pop-Ausstellung seit Jahren.

Die Geschichte des Covers von Pink Floyds zehntem Studio-Album "Animals" hätte auch die einer Flugzeugkatastrophe werden können. Der schweineförmige Riesenballon, den das Hipgnosis-Designteam im Dezember 1976 über der Londoner Battersea Power Station aufsteigen ließ, riss sich von seinem Halteseil los und begann, mit einer Steiggeschwindigkeit von 600 Metern pro Minute in die Einflugschneise des Flughafens Heathrow zu trudeln. Kein Polizeihelikopter kam mit. Es habe "ein wenig Panik" geherrscht, erinnert sich Aubrey Powell, der wie so oft gemeinsam mit dem 2013 gestorbenen Storm Thorgerson für das Coverdesign verantwortlich zeichnete. Dann trieb der Westwind das Ding Richtung Kent, von wo sich tags darauf ein Farmer meldete: "Sucht ihr ein Schwein? Das liegt bei mir im Feld und verschreckt meine Kühe." Der Ballon wurde eingesammelt, und es entstand ein weiteres Pink-Floyd-Bild, das weit mehr war als ein Coverfoto.

Genauso ist diese Entstehungsgeschichte weit mehr als ein wohlbekanntes Rockhistörchen - zumindest, wenn man sie noch einmal inmitten eines vollendet ausgearbeiteten Pink-Floyd-Universums zu hören bekommt. Durchstreift man die Retrospektive, die das Londoner Victoria & Albert Museum der Band derzeit widmet, fühlt es sich tatsächlich so an, als sei man in eine Parallelwelt geraten. Angefangen vom überdimensional nachgebauten Innenraum des Bedford-Busses, mit dem die Vorläuferband Tea Set durch England tourte, bis zum letzten Raum, in dem die "Comfortably Numb"-Version des "Live 8"-Auftritts von 2005 im Surround-Sound läuft, schwimmt man permanent durch einen virtuellen Pink-Floyd-Äther.

Vier Jahre haben Anbahnung und Planung gedauert. Vor allem Drummer Nick Mason und Designer Aubrey Powell trafen sich in dieser Zeit immer wieder mit der Kuratorin Victoria Broackes. Ob Gitarrist David Gilmour und Bassist Roger Waters, deren Verhältnis als schwierig zu bezeichnen stark untertrieben wäre, in dieser Zeit je denselben Raum betraten, ist unklar. "Their Mortal Remains" ("Ihre sterblichen Überreste"), so der charakteristisch morbide Titel der Schau, ist jedenfalls die mit Abstand beste Londoner Pop-Retrospektive seit Queens "Stormtroopers in Stilettos" 2011 in der Truman Brewery.

"Their Mortal Remains" ist materialreich, ohne zu verwirren, wie es die mit Kostümen und Albumcovern vollgestopfte David-Bowie-Ausstellung am selben Ort tat. Sie ist respektvoll und kenntnisreich, nähert sich ihrem Gegenstand aber nicht mit ans Peinliche grenzender Verherrlichung wie im vergangenen Jahr "Exhibitionism", das Rolling-Stones-Spektakel in der Saatchi Gallery. Vor allem aber profitierte das V&A-Team davon, dass es mit dem Werk des visuell innovativsten Mega-Acts aller Zeiten arbeiten konnte, einer Band, die ihre Bildsprache, das wird im Laufe der Ausstellung immer klarer, dazu nutzte, um den Blick von den Musikern selbst abzulenken. Besonders vielsagendes Symbol ihrer programmatischen Publikumsabgewandtheit sind vier den Gesichtern der Band nachempfundene Gummimasken, mit denen Ersatzakteure jede "The Wall"-Show eröffneten. Selbstmythisierung ist ein fester Bestandteil so gut wie jeder Pop-Identität, aber nur wenige trieben einen solchen materiellen Aufwand dabei wie Pink Floyd.

Pink Floyd: Their Mortal RemainsDate: 13 May - 10 October 2017 -- Pressematerial zur Ausstellung im V&A Museum London

Flammender Händedruck - die Feuerstunts für das Cover von "Wish You Were Here".

(Foto: Aubrey Powell Collection)

Strukturell ist das Ganze erfreulich geradlinig: Die Karriere der Band wird Album für Album aufgerollt, von "Piper at the Gates of Dawn" über "Atom Heart Mother", epochemachende Alben wie "Dark Side of the Moon" und "Wish You Were Here", "Animals" und "The Wall" bis zur Zeit nach Waters' Abschied aus der Band mit "A Momentary Lapse of Reason", "The Division Bell" und "The Endless River". Die Headsets, mit denen jeder Besucher ausgestattet wird, erfassen per Sensor den Standort und spielen die zum jeweiligen Foto, Bühnenentwurf, Liedtext oder Film passenden Songs und Interviews ein. Gleich im ersten Raum erinnert die Schau daran, dass diese weiße, englische Mittelschichtband, wie alle großen britischen Acts der Sechziger, ihre musikalischen Wurzeln in der Musik des schwarzen Amerika hatten - selbst der Name ist ja abgeleitet von denen zweier schwarzer Bluesmen, Pinkney "Pink" Anderson und Floyd Council. Auch die große musikalische Bedeutung des hochkreativen, von psychedelischen Drogen zur Strecke gebrachten Mitbegründers Syd Barrett (wie Thorgerson ein Schulfreund von Waters), der Pink Floyd 1968 verließ, wird wiederholt gewürdigt. Die perfekte Entsprechung von Bild und Ton beginnt dann aber mit den Klangteppichen der Alben seit den Siebzigerjahren, die das von Baretts Nachfolger Gilmour so genannte "psychedelic noodling" der frühen Jahre ablösten. Dabei muss man sich zunächst nicht einmal mit den Lyrics befassen, um zu erleben, wie Klang und Bilder sich zu einem stimmigen Ambient-Ganzen zusammensetzen. Allein im abgedunkelten Raum, in dem sich die Prisma-Pyramide von "Dark Side of the Moon" beständig als 3-D-Projektion dreht, könnte man ohne Weiteres Stunden verbringen.

Ohne in die sowieso nie abzuschließende Debatte einzusteigen, ob "Dark Side of the Moon" nun wirklich das erste "reine Konzeptalbum" war oder nicht, legt die Ausstellung überzeugend dar, was diese Platte so wegweisend machte. Einerseits war sie mit 821 Wochen in den BillboardCharts ein unglaublicher kommerzieller Erfolg - und das, so argumentiert der britische Komponist Howard Goodall in seinem Katalogbeitrag, gerade wegen und nicht trotz der komplexen musikalischen Anforderungen an die Hörer. Andererseits hob es sich von zeitgenössischen anglo-mystischen Prog-Rock-Projekten wie Jethro Tulls "Aqualung" oder Genesis' "Nursery Cryme" durch die Thematisierung des entfremdenden psychologischen Drucks ab, den das Leben im 20. Jahrhundert auf das Individuum ausübte. Waters fasste seine "Meditation über den Wahnsinn", genährt nicht zuletzt von den Erfahrungen der Band mit der psychischen Erkrankung Syd Barretts, in die Form klanglich optimistischer Songs. Das Album verband, so Goodall, "Erlösung und Akzeptanz mit der Anerkennung von Leiden".

Es gibt genügend sorgsam recherchierte Einzelheiten aus der Bandgeschichte, um den Hardcore-Fan zufriedenzustellen. Allein die Storys der Albencover gäben eine eigene kleine Ausstellung her. Da sind zum Beispiel die Original-Dias, die zeigen, wie der amerikanische Stuntman Ronnie Rondell Jr. immer wieder in Brand gesteckt wurde, um den berühmten Händedruck mit seinem Kollegen Danny Rogers für "Wish You Were Here" perfekt ins Bild zu setzten. "Beim 15. Mal fing sein Gesicht Feuer, und er sagte: Jetzt reicht's", sagt Powell. Ihren Höhepunkt erreichte die Cover-Megalomanie mit "A Momentary Lapse of Reason" von 1987, für das Thorgerson 700 gusseiserne Betten auf einem englischen Strand aufstellen ließ. Er musste sie dann wegen Regens alle wieder abbauen lassen, ohne ein einziges Foto gemacht zu haben. "Ich werde nie verraten, was das kostete", bemerkt er in einem Dokumentarfilm.

Selbst die bei den meisten Pop-Ausstellungen seltsam tot wirkenden Instrumente, etwa Gilmours Strato- und TelecasterGitarren oder Masons aufwendig gestaltete Bass-Drum-Felle, bekommen, eingebettet in einen nachempfundenen Studiokontext, eine gewisse Leuchtkraft. In einem kleinen Clip erklärt der 2008 gestorbene Keyboarder Rick Wright, wie er sich einen Akkord aus Miles Davis' "Kind of Blue" heraushörte, der ihm noch für den Song "Breathe" fehlte. Und auch der legendär vielschichtige Studio-Produktionsprozess mit seinen Endlosschleifen, Oszillatoren, Delays, Synth-Pads und Echoeffekten ist dokumentiert - schließlich war "ein Mix genauso eine Performance wie ein Live-Auftritt", wie Gilmour betont. "Wir alle hatten den Finger gleichzeitig am Regler."

Wirklich gelungen ist eine solche Ausstellung aber nur dann, wenn sie auch für Nicht- oder Gelegenheitsfans spannend ist. Das ist die Londoner Schau ganz zweifellos, und die riesigen Säle des V & A, die nicht selten ein kaum zu überwindendes Problem für die Präsentation kleinteiliger Ausstellungen darstellen, sind wie gemacht für "Their Mortal Remains". Die architektonische Opulenz des Pink-Floyd-Designs verlangt geradezu nach diesen Dimensionen, auch wenn sich natürlich der Bombast der Bühnenshows in einem musealen Zusammenhang nie ganz nachempfinden lässt. So wird ein Raum von den gut vier Meter hohen Metallprofilen dominiert, die Storm Thorgerson für das Cover von "The Division Bell" entwarf (sein letztes für Pink Floyd).

Grundsatzfragen, die sich bei der Betrachtung der Jahrzehnte währenden Laufbahn einer Band immer stellen, lauten: Wie bedeutend ist das Verhältnis der Musiker untereinander für ihre kreative Arbeit? Wie stark drängt ihr eigenes Leben in die Songs? Die erste beantwortet die Ausstellung kaum. Während die verbleibenden Bandkollegen den Beitrag Barretts und Wrights überraschend bewegend würdigen, ist der Ausstieg von Waters 1985, sein Versuch, die Gruppe aufzulösen und der nachfolgende Rechtsstreit kein Thema. Das war wohl der Preis, den das V & A für die Mitarbeit von Gilmour und Waters zahlen musste. Der zweiten Frage aber, jener nach den persönlichen Impulsen und Inspirationen, geht "Their Mortal Remains" durchaus nach.

Neben Thorgerson ist es vor allem der Zeichner Gerald Scarfe, der das Design der Band von Mitte der Siebzigerjahre an mitbestimmt. Pièce de résistance ist in London die auf Scarfes Vorlage basierende, bis zur Decke reichende Bühnen-Aufblasfigur des dämonischen "Lehrers", der mit seinem Prügelstock durch eine Mauer steigt. Unter dieser extrem bedrohlichen Figur ist in einer kleinen Vitrine ein echter Prügelstock aus Bambus ausgestellt sowie das sogenannte "Caning Book" aus Roger Waters' Schule, der Cambridgeshire High School for Boys. Darin sind Prügelstrafen für Waters, Barrett und Thorgerson verzeichnet, unter anderem für unerlaubtes Fernbleiben. Eine prägnantere Verbindung zwischen einem biografischen Detail und seiner künstlerischen Verarbeitung ist kaum denkbar. Solche Bezüge stellt "Their Mortal Remains" erstaunlich nachvollziehbar her. Am Ende hat man das Gefühl, viel besser zu verstehen, wie das oft so hermetisch wirkende audiovisuelle Gesamtkunstwerk Pink Floyd in die Welt kam.

Pink Floyd - Their Mortal Remains. Victoria & Albert Museum, London. Bis 1. Oktober. Info: www.vam.ac.uk. Katalog 25 Pfund.

© SZ vom 15.05.2017

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