bedeckt München 29°

Pop:Operation Supergroup

Die Indiepop-Helden Courtney Barnett und Kurt Vile haben ein Album aufgenommen. Es ist der seltene Fall eines Supergroup-Albums geworden, auf dem man hören kann, wie sich zwei famose Musiker mit den Mitteln des je anderen neu erfinden.

Von Maximilian Sippenauer

Supergroups machen selten super Alben. Jüngstes Beispiel sind Prophets of Rage, die Band, für die sich "Public Enemy"-Legende Chuck D mit Rage-Against-The-Machine-Mitgliedern ein legendär beliebiges Album auflegte. Supergruppen sind die ewigen PR-Kalauer mit der Pointe, dass das musikalische Ganze am Ende weniger ergibt als die Summe seiner Teile.

Im Fall der selbstredend als Supergroup angekündigten Kollaboration zwischen der australischen Sängerin und Songwriterin Courtney Barnett und dem amerikanischen Sänger und Songwriter Kurt Vile ist das anders. Auf dem Cover von "Lotta Sea Lice" (Marathon) posieren Barnett und Vile nebeneinander auf Barhockern. Sie, schwarz gekleidet, sitzt mit weißer Gitarre vor weißem Grund, er in weißem Anzug mit schwarzer Gitarre vor schwarzem Grund. Nur die Gitarrenhälse kreuzen sich. Positiv und Negativ, Ying und Yang, auf alle Fälle, so will das Cover Glauben machen, geht es um Gegensätze, die sich vervollständigen, nicht um die Addition künstlerischer Größen.

Zauberhaft zu hören, wie sich die beiden mit den Mitteln des je anderen neu erfinden

Tatsächlich kommen die beiden zwar aus dem gleichen Genre, sie sind aber doch recht unterschiedliche Typen. So könnte man Kurt Vile musikalisch wie menschlich die personifizierte Kaugummiartigkeit heißen. Denn mitunter zelebriert der Mann aus Philadelphia das Zerdehnen von Riffs,das gutturale Mäandern seiner Stimme so sehr, dass man denkt, er hätte neben den Tremolo-Hebel auf seiner Gitarre noch einen hinter dem Ohr versteckt. Doch seine assoziativ-verspielten Songs formuliert er stilsicher mit einem im Grunde klaren und einfachen Vokabular aus dem Blues, Roots und Rock. Mit seinem wallend langen Haar, erinnert er dabei an den jungen Neil Young, der in minutenlangen Solos über nur ein, zwei Noten zu meditieren wusste.

Im Vergleich zu Viles etwas verplanten Schaukelstuhl-Rock schafft es der hippelige Grunge-Folk Barnetts selten still zu sitzen. Und dahinter steckt Kalkül. Schon auf ihrem 2015 erschienenen Debüt wehrte sie sich mit Songs wie "Pedestrian At Best" mit Händen und Füßen gegen das Klischee von der melancholisch zierlichen Singer-Songwriterin. Eine Attitüde, die ihr postwendend das Prädikat Tomboy einbrachte, also das des knabenhaft ungestümen Wildfangs.

"Lotta Sea Lice" ist nun keine klassische Kollaboration, sondern zeigt, was passieren kann, wenn zwei Künstler, die auf sehr unterschiedliche Art ähnliche Musik machen, aufeinandertreffen: ein raffiniertes Spiel mit diesen Zuschreibungen.

So covert Barnett etwa "Peepin Tom" von Viles drittem Solo-Album "A Smoke Ring of Halo". Im Original erzählt Vile unter getriebenen Gitarren Arpeggios vom jugendlichem sich nicht entscheiden können und alles gleichzeitig wollen und der Bewunderung für einen Tomboy, der genau das nicht tut. Barnetts Interpretation bleibt nah am Original und ändert doch die Perspektive. Sie nimmt Tempo aus dem Gezupfe und wo Viles Stimme erratisch wirkt, singt Tomboy Barnett dieselben Zeilen so klar wie ein Statement.

Umgekehrt funktioniert "Outta The Woodwork". Hier covert Vile Barnetts vielleicht intimsten Song. Der Song beginnt damit, wie das lyrische Ich unter Wasser die Luft anhält und dabei einer sinkenden Blume begegnet. Im Original ist der Track ein fast sechsminütiges Crescendo gegen Erwartungshaltungen mit Piano und Becken und Hall. Vile, ein Meister darin, das Melancholische nie zu ernst, den Unernst aber immer ein wenig melancholisch zu nehmen, verkehrt diese Melodramatik ins Surreale - eine Spinne zappelt an der Blume statt durchs Wasser - und erzählt dieselbe Geschichte fröhlich schulterzuckend mit Tamburine und Banjo.

Neben diesen Covern sind aber auch eine Handvoll gemeinsam komponierte Songs zu hören. Der gelungenste ist "Continental Breakfast", der schwächste "Blue Cheese". Die Duette sind zugleich Werkstattberichte und Protokolle einer interkontinentalen Freundschaft. Versatzstückhafte Collagen eines im Halbschlaf der Zeitzonenunschärfe zwischen Philadelphia und Melbourne geführten Dialogs. In dieser Verschlafenheit neigt "Lotta Sea Lice" auch zum Dahinplätschern. Ein echter Hit fehlt der Platte. Dafür kann man diese beiden großartigen Solokünstler dabei beobachten, wie sie sich selbst mit den musikalischen und lyrischen Mitteln des je anderen neu erzählen. Darin liegt der nicht geringe Reiz dieser Kollaboration, nicht im Supergroup-Bohei.

© SZ vom 27.10.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema