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Pop:Kleine Dinge, die schmerzen

Das neue Album "Soft Sounds From Another Planet" der Sängerin Michelle Zauner ist satt produziert und hauchzarter Dreampop.

Eigentlich war Michelle Zauners Musikkarriere schon vorbei. Seit 2011 hatte die Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln in der eher unbekannten Shoegaze-Rockband Little Big League gespielt. Dann erreichte sie im Sommer 2013 die Nachricht von der Krebsdiagnose ihrer Mutter: Stadium IV, wenig bis gar keine Chance auf Heilung. Zauner verließ ihr Indieband-Leben an der Ostküste und zog nach Oregon, um ihre Mutter zu pflegen, die sechs Monate später starb. In einem Akt der Selbsttherapie schüttelte Zauner in dieser Zeit Momente von Trauer, Verletzung, Verlust und vertrackten, parallel laufenden Liebesgeschichten in intime Lo-Fi-Songs. Wahrscheinlich hätte sie selbst am wenigsten gedacht, dass auf diesen kleinen Songs drei Jahre später ihre zweite Karriere aufbauen sollte.

Japanese Breakfast

Michelle Zauner wird mit ihren Songs die Dekade prägen.

(Foto: Ebru Yildiz)

Zunächst veröffentlichte Zauner unter dem Solonamen Japanese Breakfast dann 2016 eine sehr tolle Debütplatte, "Psychopomp" (Dead Oceans). Das Wort hatte sie der Psychoanalyse von Carl Gustav Jung entliehen. Die Platte machte Zauner zu einer der großen Indie-Entdeckungen des Jahres und bildete auf erstaunliche Weise beides ab: die Bewusstseinserkundungen einer vom Liebeskummer verkorksten Frau und die seelischen Abgründe einer trauernden Tochter. Alles verpackt in knappen, hauchzarten Dreampop-Songs. Eindringlich klare Bilder zogen sich durch Zauners Songwriting, von der geliehenen Zahnbürste des Geliebten und Streits auf dem Supermarktparkplatz bis zum Hund, der im Zimmer einer Verstorbenen herumschnuppert. Die kleinen Dinge, von denen Zauner sang, fühlten sich auf "Psychopomp" so schwerwiegend und lebendig an, dass sie beim Hören selbst schmerzten und - wie bei jeder guten Popmusik - gleichzeitig trösteten. Es waren Gitarren-Synthie-Balladen, wie man sie weit nach Mitternacht in einer Karaoke-Bar schmettern würde, um sich für einen Moment ganz allein zu fühlen und sich zu vergewissern, dass alles wieder gut wird.

Dass es sogar noch besser geht, zeigt Michelle Zauner mit ihrem gerade erschienenen zweiten Album "Soft Sounds From Another Planet" (Dead Oceans). Der Sound ist breiter, üppiger und klarer ausproduziert. Die Synthesizer drehen funkelnd Pirouetten, die Basslines federn wie in Soul- oder Funksongs, dazu wabert es psychedelisch, und die Elektronik zischt und sprudelt. Es ist experimentelle Popmusik im eigentlichen Sinne des Wortes, Musik, die viel und freimütig herumprobiert, die aber trotzdem ganz klar Pop sein und immer in Umarmungsnähe zum Hörer bleiben will.

Für die New-Age-Disco-Single "Machinist" verlässt Zauner sogar ihre Ich-Erzähler-Realität - und zwar in Richtung Weltraum als Sehnsuchtsort für eine kleine retrofuturistische Lovestory zwischen einer Frau und einem Computer. "All the time I felt so plugged in / You were tuning out", singt sie da - sie habe sich so angeschlossen gefühlt, während er abgeschaltet hätte. Zauners hauchig-warme Stimme trifft auf kühle Synthesizer, der Auto-Tune-Refrain auf ein Saxofon-Solo. Es ist eine Ziggy-Stardust-mäßige Distanzierung, um die Gedanken die Gang zu bringen. Den Rest des Albums widmet Zauner nämlich ganz irdischen, persönlichen Themen.

In "Road Head" seziert sie eine glücklose Romanze, die auf so banale wie erniedrigende Weise mit Oralsex im Auto am Rand eines Highways gekittet werden soll. "Like a makeshift siphon / pump and run", heißt es da messerscharf, wie bei einem provisorischen Überlaufrohr, absaugen und wegrennen! Schön ist, wie an vielen Stellen des Albums, Zauners Lust am Widerspruch. Denn so trist die beschriebene Transaktion auch anmutet, die Gitarren grooven lässig und perlend dahin.

Auch die dunstige Ballade "Boyish", die oberflächlich an Roy Orbinsons Sechzigerjahre-Hit "In Dreams" erinnert, behandelt zwischen melancholischen Reverb-Gitarren und Streichern die lähmenden Verhaltensmuster einer im wahrsten Sinne des Wortes erschlaffenden Beziehung: "I can't get you off my mind / I can't get you off in general." So ist es in allen Songs von Japanese Breakfast, sie machen Spaß und erzeugen gleichzeitig eine dumpfe Traurigkeit. Sie sind verträumt und existenziell. Man wird sich die Stimme von Michelle Zauner merken müssen - als eines der großen Songwriting-Talente der laufenden Pop-Dekade.

© SZ vom 10.08.2017

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