Pop Schluss mit den Männer-Vergleichen

Fabelhafte Spinnerinnen: "Warpaint".

(Foto: Rough Trade)

Auf ihrem neuen Album "Heads Up" emanzipiert sich die amerikanische Indie-Girlband Warpaint - und schafft somit einen eigenen musikalischen Schutzraum.

Albumkritik von Annett Scheffel

Man kann es einer Band schwer machen. Der kalifornischen Band Warpaint zum Beispiel - bestehend aus Jenny Lee Lindberg, Stella Mozgawa, Emily Kokal und Theresa Wayman - wurde gleich zu Beginn ihrer Karriere eine der schwersten Hypotheken ins Gepäck gelegt: der Vergleich mit Nirvana, der bislang letzten großen Subkultur-Rockband. Sie seien so etwas wie die "weiblichen Nirvana", las man 2010 bei der Veröffentlichung des Warpaint-Debütalbums "The Fool" nicht selten.

Nun wirkte dieser Vergleich nicht nur hilflos, weil er mehr auf die Kleidung (die Flanellhemden) Bezug zu nehmen schien als auf die Musik, er förderte auch ein Identitätsproblem zu Tage, das eine Indierock-Band aus vier Frauen im Gitarrenrock immer noch zu haben schien. Die vier Frauen konnten noch so cool und eigensinnig sein, die Schlagzeugerin noch so wendig, die Bassgitarre noch so geschmeidig, die Stimmungen in den Songs noch so feinsinnig - gesprochen wurde trotzdem immer zu viel über die Männer, mit denen sie zusammengearbeitet hatten. Über die Produzenten Flood (Depeche Mode) und Nigel Godrich (Radiohead) etwa. Oder über den Video-Regisseur Chris Cunningham, mit dem Bassistin Jenny Lee Lindberg verheiratet ist.

Letzter Ausweg Disco-Album?

Zurück blieb die Frage: Wie entwickelt man sich als Indierock-Girlband mehr als zehn Jahre nach seiner Gründung weiter? Mit der Ankündigung ihres dritten Albums "Heads Up" (Rough Trade) schien die Antwort von Warpaint zu lauten: Man erfindet sich als Disco-Act neu. Tatsächlich war die erste Single "New Song" mit dem supereingängigen Beat und der seichten Teenager-Poesie ("You got the moves / Bang, bang, baby") für die Band, von der man bisher eher schönen, vernebelten Halbschatten-Post-Punk kannte, ein erstaunlich weiter Vorstoß auf das Terrain des Power-Pop. Anders gesagt: Es war kein schlechter Song, aber er passte überhaupt nicht ins Bild. Sollte es so etwas wie eine Flucht vor Nirvana ins Disco-Land sein?

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Hört man sich nun die ganze Platte an, muss die Antwort wohl lauten: Nein. "New Song" war entweder Ablenkungsmanöver, Provokation oder Gag und vielleicht sogar eine absichtliche Antithese, um anschließend besser auf den Punkt zu kommen. Denn auf dem neuen, bisher besten Album der Band ist "New Song" der mit Abstand schwächste Song. "Heads Up" ist weniger Neuerfindung als Weiterentwicklung. Warpaint spielen immer noch ihre smarten, verhangenen Gitarren-Slowjams. Die Songs schweben in einer Art halbwachem Zustand herum: vage, entschleunigt, assoziationsreich. Und um alles - um die verwegenen Rhythmusspuren, das Elektronik-Wabern, um Emily Kokals und Theresa Waymans helle Gesangsstimmen - legen sich die melodisch verhallten Gitarren.

Devise: Undefinierbarkeit

Eigentlich ist also doch alles wie immer bei Warpaint. Nur die Einzelteile ihrer Musik sind noch kunstvoller ineinander verzwirbelt und schieben und ziehen die Songs in immer neue Richtungen. Mal dröhnen aus dem Hintergrund Orgelakkorde wie in einem Horrorfilm ("By Your Side"), mal säuseln Ambient-Flächen ("So Good"), mal pocht Stella Mozgawas Schlagzeug wie ein automatischer Drumcomputer ("Don't Wanna").

"Heads Up" ist also im Grunde das Gegenteil eines Disco-Albums: Es geht weder um gute Laune noch um Eingängigkeit. Das Fabelhafte an dieser Musik sind die verschiedenen Schattierungen und Stimmungen, die sich erst nach und nach aus den Songs herausschälen. Und genau hier liegt der entscheidende Unterschied zum männlichen Indierock: Bei Warpaint ist nichts eindeutig, kein Instrument im Vordergrund oder besonders laut. Stattdessen flieht ihre Musik in einen Raum der tausend Möglichkeiten. Am klarsten wird das im besten Song des Albums, einer genialen Spinnerei namens "Don't Let Go": Die beginnt als verträumter Folksong und verwandelt sich dann mit E-Gitarren und gelooptem Stimmenchor minutenweise in etwas Neues. Spätestens da kapiert man: Die Kalifornierinnen haben aus der Undefinierbarkeit ihrer Musik einen komfortablen Schutzraum gezimmert. Vor Nirvana - und so ziemlich allen anderen Bands - sind sie hier sicher.

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