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Pop:Im Raum der Stille

Fabian Altstötter dringt als "Jungstötter" mit seiner sensationellen Stimme in die Sphären des großen Pop vor, wie nur selten jemand, der sich in Deutschland dorthin aufmacht.

Von Jan Kedves

Mit so einer sensationellen Stimme kann man nichts falsch machen? Stimmt nicht. Man könnte sehr viel mit ihr falsch machen, gerade weil sie so sensationell ist. Fabian Altstötter hat so eine heikle, bezaubernde Pop-Stimme. Warm, tief, weich, und doch auch männlich, wenn man in solchen Kategorien noch denken mag. Das rastlose Vibrato erinnert teils an Anohni, die Transgender-Sängerin von Antony And The Johnsons, was nur ein Widerspruch ist, wenn man in solchen geschlechtlichen Kategorien ... siehe vorherigen Satz. Genauso ließe sich die leise Koketterie des jungen Bryan Ferry heraushören oder das Zittern des Mark Hollis von Talk Talk, wenn man es eine Oktave herunter transponiert. Sogar mit Nick Cave ist Fabian Altstötter schon verglichen worden. Was wohl heißt: Man muss seine Stimme einfach hören. Alle sollten sich an ihr erfreuen!

Dazu gibt es nun ausgiebig Gelegenheit auf "Love Is" (Pias), dem Solo-Debütalbum, das der 28-jährige Sänger soeben unter seinem neuen Künstler-Pseudonym Jungstötter veröffentlicht hat. Alt ist er ja noch nicht, und ein kleines Geheimnis soll im Pop auch immer bleiben. Spricht man diesen Namen nun "Jung-Schtötter" aus? Oder "Jungs-Tötter"? Letzteres klänge ein bisschen brutal für seine Musik. Und deswegen auch schon wieder richtig.

Das Album "Love Is" macht mit seiner Stimme jedenfalls nichts falsch, nur alles richtig. Der Gesang thront auf dem Werk - auf jenen Songs, die mit der Akustischen ein wenig angefolkt klingen, genauso auf den Songs, die mit wischendem Snare-Besen und abgenommenem Oberrahmen im Klavier eher angejazzt sind. Manche Songs drehen auch richtig auf, in Richtung Wüstenrock, oder Wüstenblues, in edler Variante. Immer scheint die Musik aus der Stille heraus gedacht zu sein, aus der Stille zu kommen. Was auch bedeutet: Jeder Sound, jedes Echo ist so gesetzt, dass für Altstötters Gesang genug Raum bleibt. Da passt es auch, wenn der erste Song "Silence" heißt. Es herrscht eine Stille in diesem Raum, alle empfinden sie als unangenehm, singt Altstötter in lockerer Übersetzung. Die Rettung in der Stille ist natürlich, man kann es gar nicht oft genug wiederholen: seine Stimme.

Er klingt, als sei er heimisch in der Muttersprache des Pop

Der Unterschied zu Sizarr ist frappierend. So hieß das Trio, mit dem Altstötter vor einigen Jahren zwei Alben veröffentlichte und in Deutschland die Popkritik auf sich vereinen konnte. Sizarr spielten sehr ambitionierten, ziemlich zugekleisterten Einfluss-Pop, mit vielen Zitaten - Punk, Elektro, Glam-Rock, Hip-Hop. Von allem ein bisschen. Hört man sich diese Musik heute noch einmal an, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das damals der Versuch dreier noch sehr junger, sehr von Pop euphorisierter Freunde war, die dröge Provinz, aus der sie nun mal stammen (Landau), hinter sich zu lassen und es gleich nach ganz oben zu schaffen. Und die dann aber gar nicht merkten, dass sie doch eigentlich viel zu unterschiedliche Interessen und Vorlieben haben - und wenig Gespür dafür, wie sie ihre Songs vor dem Auseinanderfallen bewahren können. Da half auch Fabian Altstötters Stimme nicht viel.

Jungstötter

Gerade weil seine Stimme so einzigartig ist, hätte "Jungstötter" auf seinem ersten Album viel falsch machen können.

(Foto: Herr Urst)

Sein Solo-Album "Love Is" ist das genaue Gegenteil: Es strahlt eine totale, entspannte Konzentration aus. Es elektrisiert mit Songs wie "Wound Wrapped In Song" oder "To Be Someone Else", sie fluten heran und ebben wieder ab. Produziert wurde es von Max Rieger, der als Sänger und Gitarrist der Band Die Nerven bekannt ist und im Studio eine Menge von Sound-Architektur und Song-Statik versteht. Man kann ruhig gleich beim Titelsong bleiben. Der startet lieblich, was die Melodik betrifft, und wärmt mit Zeilen über Sünde, körperliche Liebe (das Wort Sex wäre viel zu hart) und Umarmungen. Doch dann bollert noch, für die letzten 60 Sekunden, aus heiterem Himmel dieses fiese Feedback-Drama los, mit härtesten Salven aus der Snare-Drum. Fantastisch.

Von den alten Herren des Pop möchte er sich lieber distanzieren

Man tippt das dann gar nicht so gern hin, weil es sich blöd liest, aber bis heute ist es ja häufig das Problem von englischsprachigem deutschen Pop, dass er genau wie eben das klingt: Pop aus Deutschland. Jungstötter klingt kein bisschen deutsch. Sondern träumerisch weltläufig und schwer zu lokalisieren. Das mag auch ein bisschen daran liegen, dass er nach Berlin umgezogen ist, in die, immerhin, internationalste Stadt des Landes. Mehr aber liegt es wohl noch daran, dass er seine blumige und doch unprätentiöse Lyrik akzentfrei singt. Er klingt einfach, als sei er heimisch in der Muttersprache des Pop, viel mehr als sonstwo. So schafft er es dorthin, wo Sizarr immer hin wollten: in die Sphären des großen hohen Pop.

Sogar sein neuer Look - im Pop ist der ja auch immer wichtig - ist gut: Altstötter trägt seine blonden Haare seit Kurzem in einem keck zerfransten Pony, dazu fetischmäßige Ohrringe, und seine Flatterhemden bleiben oben gern ein bisschen aufgeknöpft, sodass das Tattoo auf der unbehaarten (oder: zart beflaumten) Brust hervorlugen kann. Gerade so. Mit diesem Look liegt er hundertprozentig auf Linie mit dem Stil-Ideal, das in der internationalen Männermode seit einiger Zeit dominiert. Der leicht verwegene, post-adoleszente Boy - zu bestaunen in englischen Leitmedien wie Fantastic Man oder Arena Homme+.

Und ja, man würde ihm wünschen, dass genau solche Medien auch auf ihn anspringen. Denn es wäre sehr schade, wenn Jungstötter dieser junge Mann bliebe, den man nur in Deutschland toll findet, weil er so schön undeutsch singt, und den man wunderbar mit all diesen großen, älteren und eben auch nicht deutschen Pop-Heroen vergleichen kann. Ihre Namen standen am Anfang dieser Hymne. Sie und er - dazu hat Fabian Altstötter übrigens eine ganz sympathische Haltung. Angesprochen darauf, ob er eine geistige Nähe zu älteren Männern im Pop empfinde, antwortet er in der neuen Ausgabe des Berliner Pop-Magazins Das Wetter: "Nee, davon möchte ich mich distanzieren. Die haben meistens beschissene Ansichten."

© SZ vom 02.02.2019
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