Pop:"Plötzlich waren da diese vier Jungs aus Liverpool"

Klaus Voormann

Er spielte Bass auf Lennons "Imagine" und Lou Reeds "Perfect Day", war Bandmitglied bei Manfred Mann und mischte den "Trio"-Sound: Klaus Voormann.

(Foto: Paul Crowhter)

Er musizierte mit John Lennon und Lou Reed und gestaltete das Cover des "Beatles"-Albums "Revolver": Ein Gespräch mit Klaus Voormann zum 80. Geburtstag.

Interview von Martin Pfnür

Gerade wurde Klaus Voormann mit dem Echo für sein Lebenswerk geehrt. Abgeschlossen ist dieses Werk aber lange nicht. Täglich arbeitet Voormann, der am Sonntag zu Hause am Starnberger See seinen 80. Geburtstag feiert, in seiner Werkstatt an neuen Grafiken und Plattencovern. Und mit dem Buch- und Ausstellungsprojekt "Klaus Voormann - Es begann in Hamburg" steht bald auch noch eine Retrospektive an, die einen außergewöhnlich vielseitigen Pop-Künstler zeigt.

SZ: Herr Voormann, Ihren Namen dürften die meisten kulturaffinen Menschen bis heute sofort mit Ihrem Cover für das Beatles-Album "Revolver" verbinden. Stört Sie das eigentlich?

Klaus Voormann: Diese Wahrnehmung, gerade in Deutschland, stört mich schon etwas. Man kannte mich nach meiner Rückkehr aus Amerika 1979 zwar auch als Bandmitglied von Manfred Mann. Aber die ganze musikalische Arbeit mit John Lennon oder George Harrison, mit B. B. King, Harry Nilsson, Randy Newman oder Lou Reed - all das ist hierzulande noch immer nicht durchgedrungen. Deswegen hat mich der Echo für mein Lebenswerk anfangs ja auch so gefreut. Weil es ein Musikpreis war.

Sie sind den ganz frühen Beatles erstmals 1960 bei einem Konzert im Kaiserkeller auf der Hamburger Reeperbahn begegnet. War ihr Potenzial da schon spürbar?

Es war auf jeden Fall etwas Besonderes zu spüren: John, dieser typische und doch introvertierte Rock'n'Roller. Paul, der zugängliche Publikumsliebling. Und George, der freche Siebzehnjährige. Dabei waren es nur Cover-Versionen, mit denen sie im Kaiserkeller stundenlang zum Tanz aufgespielt haben.

Es folgte eine enge und lange Freundschaft zwischen Ihnen und den Beatles. Was mochten Sie denn besonders gern an der Band?

Damals war in Hamburg ja noch viel Zerbombtes sichtbar. Vor allem aber waren die Menschen in der Stadt so extrem zurückhaltend. Keiner hat wirklich den Mund aufgemacht, keiner wollte etwas von sich preisgeben. Und plötzlich waren da diese vier Jungs aus Liverpool, die nie ein Blatt vor den Mund nahmen. Für mich war das eine ganz neue Art des Umgangs miteinander, ein lockerer Lebensstil, wie ich ihn auch führen wollte. Ich musste also raus aus Deutschland.

In London sind Sie dann mitten in der Beatlemania gelandet, als Sie mit George und Ringo in der Green Street wohnten.

Für die beiden war das fürchterlich. Da habe ich gesehen, wie es ist, wenn man "in" ist. Wenn die Fans vor der Tür stehen und man ohne die Polizei nicht aus der Tür gehen kann, selbst wenn man nur mal kurz um die Ecke will.

Sie selbst konnten sich dort als Grafiker und Musiker allerdings ziemlich ungestört entwickeln.

Ja, ich hatte andere Probleme. Als John Lennon wegen des "Revolver"-Covers anrief, war ich gerade Bassist bei Manfred Mann und hatte schon länger keinen Stift mehr in der Hand gehabt. Der Anruf war eine große Freude für mich, aber jagte mir auch einen ziemlichen Schreck ein.

Stimmt es, dass Ihnen Teile der "Revolver"-Collage aus dem Fenster wehten?

Oje, ja, es war ein sonniger Tag, und das Fenster stand offen. Ich hatte die einzelnen Fotoschnipsel gerade so fertig platziert, als meine damalige Frau mit einem Ruck die Tür aufmachte und alles aus dem Fenster flog. Ich bin dann sofort runter auf die Straße gerannt und konnte tatsächlich alle Schnipsel wiederfinden.

Das zweite Mal hat Lennon Sie telefonisch überfallen, als er Sie 1969 als Musiker für die Plastic Ono Band engagierte - und vor vollendete Tatsachen stellte.

Ein Sprung ins kalte Wasser. Unser erstes Konzert sollte bereits am nächsten Tag in Toronto stattfinden. Wir haben dann im Flugzeug ein paar Klassiker geprobt. Das war sehr mutig von John, auch weil er seit Jahren kein Konzert mehr gegeben hatte. Yoko hatte ihn überredet, es ging den beiden um ihren Kampf für den Frieden.

Auf der Bühne stieg Yoko Ono für eine Schrei-Performance aus einem Sack.

Sie wollte zeigen, was für ein Unsinn der Vietnamkrieg war, nur mit Geräuschen statt mit Worten. Die meisten Zuschauer haben die Aktion leider nicht verstanden.

In den Siebzigern machten Sie dann als Studiomusiker Karriere. Sie spielen Bass auf Songs wie Lennons "Imagine", Lou Reeds "Perfect Day" oder Randy Newmans "Short People". Welche Zusammenarbeit war für Sie die erfüllendste?

Zweifellos die mit Harry Nilsson, der nach George Harrison auch mein bester Freund war. Ich war nie ein typischer Sessionmusiker, konnte keine Noten lesen, aber bei Harry und den anderen passte es einfach. Leider hat der Exzess vieles überschattet.

Zurück in Deutschland waren Sie als Produzent Teil einer ganz anderen Sache: der Neuen Deutschen Welle.

Joachim Witt oder auch Rheingold, das ist Musik, die zur Steifheit der deutschen Sprache wunderbar passte. Ich fand toll, wie sie dieses eckige, reglementierte Element in ihrer Musik ausgedrückt haben.

Welchen Anteil hatten Sie als Produzent von Trio eigentlich an deren legendärem Minimalismus?

Der war schon in den Demo-Aufnahmen angelegt. Halbes Schlagzeug, Micky-Mouse-Keyboard, Gitarre - fertig. Bei den Aufnahmen kamen aber doch ein paar mehr Spuren zusammen, diverse Gitarren, auch ein Tamburin. Ich habe das dann alles bloß wieder rausgeschmissen.

Sie sind als Grafiker bis heute sehr aktiv, haben etwa zum 50. Grammy- Jubiläum eine Graphic Novel über die Entstehung Ihres "Revolver"-Covers verfasst. Woher kommt der Schaffensdrang?

Tja, durchaus auch aus der Notwendigkeit, noch etwas Geld zu verdienen. Ich wohne zwar am Starnberger See, aber ohne Villa und Yacht. Ich lebe hier sehr bescheiden.

© SZ vom 27.04.2018/luch
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