bedeckt München

Pop:Ich lebe in meinem Herzen

Vor einem Jahr ist Prince gestorben; überall in den USA feiern die Menschen eine wilde Party und erzählen einander Geschichten über den Musiker - und über sich selbst.

Von Jürgen Schmieder

Jeder darf an diesem Freitagabend seine ganz persönliche Prince-Geschichte erzählen. Der Uber-Fahrer etwa, der einen zur Musikkneipe "Whisky a Go Go" in Hollywood bringt, war früher mal Drummer der Punkband Best Kissers in the World und berichtet von einem Konzert vor 20 Jahren, bei dem Prince nebenbei auf einem Bildschirm eine Partie der Chicago Bulls betrachtet habe. "Eine Assistentin hat ihm sogar die Zwischenstände auf kleinen Karten gezeigt", sagt er: "Kein Zuschauer hat was bemerkt, so genial war dieser Typ."

Die Geschichten handeln von skurrilen Begegnungen, wahnwitzigen Unterhaltungen und verpassten Chancen. Jeder will ein Steinchen beitragen und damit Teil dieses mythischen Mosaiks werden, irgendwie. Der Fotograf Tomo Muscionico erinnert sich, dass ihm mal verboten wurde, einen Journalisten zu einem Interview zu begleiten - Prince war scheu, er erlaubte bei Begegnungen keine Diktiergeräte, Notizblöcke oder Fotoapparate. Als Prince an diesem Tag die Tür seines Hauses in Minneapolis öffnete und nur den Reporter sah, fragte er verblüfft: "Wo ist dein Fotograf?"

Ein Jahr nach dem Tod des Künstlers reden die Leute nicht über die (pünktlich in dieser Woche veröffentlichten) Berichte, denen zufolge im Haus von Prince zahlreiche Narkotika gefunden worden seien. Der Musiker ist am 21. April vergangenen Jahres im Alter von 57 Jahren an einer Überdosis des Opioids Fentanyl verstorben, die sich Prince wohl selbst verabreicht hat. Es gibt noch immer sehr wenige Fakten und sehr viele Theorien, doch darüber will an diesem Abend niemand sprechen. Über Tote nur Gutes! Erstaunlich viele Berichte haben mit Sex zu tun, einige mit Entjungferungen während Liedern wie "Purple Rain" oder "I Wanna Be Your Lover" oder "Do Me, Baby", hin und wieder geht es sogar um Sex mit Prince. Die schönen Dinge im Leben.

Das große Treffen der Geschichtenerzähler findet nicht in Los Angeles statt, sondern in Minneapolis. Die Stadt ist lila gefärbt an diesem Wochenende, das Footballstadion, die Lowry Bridge und der Turm der Saint Mark's Episcopal Cathedral sind in purpurnes Licht getaucht, überall sind Fotos von Prince zu sehen. Die Menschen lassen sich vor dem überdimensionalen Prince-Wandgemälde am Chanhassen Cinema fotografieren, sie bewundern das Kostüm aus "Purple Rain" im History Center, sie feiern im Nachtclub "First Avenue", wo vor mehr als 30 Jahren der Film "Purple Rain" gedreht worden ist. Sie hinterlassen rührende Botschaften und wilde Geschichten an der Wand im Tunnel, der zu Prince' Villa in Paisley Park führt.

Das Anwesen ist mittlerweile ein Museum, die Verwalter des Nachlasses haben eine vier Tage dauernde Party organisiert, von Donnerstag bis Sonntag. Eine Eintrittskarte kostet 549 Dollar, die VIP-Variante 999 Dollar. 2000 Fans dürfen rein, am Freitagabend gibt es ein Konzert der Prince-Band The Revolution. "Wir alle brauchen das, um loslassen zu können", ruft Drummer Bobby Z der Menge zwischen Songs wie "1999", "Let's Go Crazy" und "Raspberry Beret" zu: "In Wien feiern sie Mozart noch immer. Diese Party für Prince wird es auch in 200 Jahren noch geben." Am Ende spielt die Band "Purple Rain", die Menschen singen und weinen gleichzeitig.

Es treten Freunde und Begleiter von Prince auf wie Morris Day and The Time, New Power Generation und 3rdeyegirl. Es gibt wunderbare Popmusik, aber noch viel mehr Erinnerungen zu hören an diesem Wochenende. Sein Jugendfreund André Cymone erzählt auf einer Podiumsdiskussion, dass sich Prince schon als Teenager auf seine Rolle als Prominenter vorbereitet habe: "Er wollte nicht in den Supermarkt an der Ecke gehen, weil er wusste, dass er irgendwann mal so berühmt sein würde, dass er nicht mehr in solche Läden würde gehen können." Keyboarder Doctor Fink berichtet, wie er und Prince mal in einem Flugzeug ein Megafon geklaut haben und deshalb verhaftet worden sind.

"Wer ein Teil seiner Welt war, der durfte erfahren, wie offenherzig und witzig er war", sagt Mayte Garcia, mit der Prince von 1996 bis 1999 verheiratet war., "Wer nicht Teil dieser Welt war, der kann das nicht verstehen." Sehr viele Menschen versuchen an diesem Wochenende, sich als Teil dieser Welt zu präsentieren. Die Geschichten handeln von Prince, ein bisschen handeln sie aber auch immer von dem, der sie erzählt. Selbst der mit unglaublicher Uncoolness gesegnete Matt Damon darf berichten, dass er den Künstler bei einer Begegnung mal gefragt habe, ob er denn noch in Minneapolis lebe. Dessen Reaktion: "Ich lebe in meinem Herzen, Matt Damon." Es ist Matt Damon dann schon auch wichtig, dass Prince am Ende seiner wunderbaren Antwort "Matt Damon" gesagt hat.

Wie soll ein Außerirdischer den Erdlingen erklären, wer er ist?

Wo wir gerade beim Thema "Prince und ich" sind: Garcia hat das Buch "The Most Beautiful: My Life with Prince" veröffentlicht, The Revolution wollen auf Tour gehen, um, wie Gitarristin Wendy Melvoin sagt, "gemeinsam mit den Fans zu trauern". Es gibt einen Streit zwischen den Prince-Erben und dem Produzenten George Ian Boxill, ob der das Album "Deliverance" mit sechs bislang unveröffentlichten Prince-Liedern herausgeben darf - ein Gericht hat den Verkauf am Donnerstag vorerst gestoppt. Vor dem "First Avenue" verkaufen ein paar Leute Prince-T-Shirts, die sie nicht verkaufen dürfen.

Das Geldverdienen gehört zur Popmusik, es gehörte aber irgendwie nicht zu Prince.

Der machte Musik nicht, um reich und berühmt zu sein. Er musste reich und berühmt sein, damit er ein Leben lang Musik machen durfte. Michael Jackson war ein Superheld, Madonna ist noch immer die Königin der Popmusik. Prince aber war ein Außerirdischer, er lebte scheinbar auf einem anderen Planeten oder im Himmel und schaute ab und an auf der Erde vorbei, um ein neues Album zu präsentieren oder die Leute mit einem bombastischen Konzert zu beehren. Prince war niemals zu fassen, nicht als Musiker und nicht als Mensch. Vielleicht erzählen die Leute deshalb so viele Anekdoten.

Eine der schönsten Geschichten über Prince geht so: Wenige Wochen vor seinem Tod stand er auf dem Balkon des Nachtclubs "Avenue" in Manhattan und fragte die weniger als 300 Fans: "Ihr lest schon noch alle Bücher, oder?" Dann verkündete er, er wolle sein wildes Leben aufschreiben und alle Geschichten über sich nun selbst erzählen: "Wir fangen bei meiner ersten Erinnerung an und arbeiten uns bis zum Super Bowl vor."

So eine Autobiografie von Sportlern oder Künstlern ist ja meist, bis auf wenige Ausnahmen, eine ziemlich ernüchternde Lektüre. Wie soll ein Außerirdischer den Erdlingen erklären, wer er ist? Das ist, als würde ein Mensch ein paar Ameisen erklären wollen, was ein Mensch ist. Vielleicht ist es ganz gut so, dass dieses Buch von Prince nie erschienen ist. Die Normalsterblichen im Paisley Park von Minneapolis oder in dieser Musikkneipe in Los Angeles dürfen deshalb an diesem Wochenende einen kleinen Vers zur großen Geschichte dieses Künstlers beitragen.

© SZ vom 24.04.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite