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Pop:Halleluja!

"Angles" (2011)
The strokes

„We can’t help it if we are a problem“, singt Casablancas. Aber The Strokes sind kein Problem, sondern auch 20 Jahre nach ihrer Gründung Quelle des Glücks.

(Foto: Sony Music)

Für Fans der "Strokes" ist dieser Tage nicht Ostern, sondern Weihnachten: "The New Abnormal" kommt heraus - und ist ihr bestes Album seit Langem.

Von Juliane Liebert

Es mag Ostern sein, aber für The-Strokes-Fans ist dieses Wochenende Weihnachten, denn das neue Album der amerikanischen Rockband ist erschienen. Es war lange unklar, ob es überhaupt je ein neues Strokes-Album geben würde. Aber hier ist es. Es heißt "The New Abnormal", und die Hälfte der Tracks sind über fünf Minuten lang. Halleluja.

The Strokes, fünf junge Männer aus gutem Hause, haben 2001 das Rockrevival eingeläutet; fast alle Bands, die man heute unter Indierock rubriziert, wurden von ihnen beeinflusst, seien es die Arctic Monkeys, Franz Ferdinand oder The Kooks. Auf Youtube findet sich eine Doku aus dieser Zeit, die "In Transit" heißt. Gespielt von den Strokes. Gefilmt von den Strokes.

In der Doku sieht man fünf zu gut angezogene junge Männer mit Gitarren und viel Haar auf dem Kopf. Sie begleiten sich selbst mit der Kamera auf ihrer Europatournee 2001. Man sieht, wie sie mit einer Plastikpistole fingierte Raubüberfälle begehen. Opfer: Wieder die Strokes. Man sieht sie den Tourbus anschieben, der offenbar nicht ohne Beihilfe anspringt. Man sieht sie mit angezogenen Knien in winzigen Doppelstockbetten schlafen. Ab und zu beschwert sich einer der gefilmten Strokes beim jeweils Filmenden "Why are you wastin' all that film, man".

Eine schottische Radiomoderatorin interviewt den damals etwa zwanzigjährigen Sänger Julian Casablancas und Bassisten Nikolai Fraiture. Als die beiden in Gelächter ausbrechen, weil sie die Band mit den Beastie Boys vergleicht, sagt sie, sie sollen sich gefälligst zusammenreißen. Ihr inzwischen ikonisches erstes Album, "Is This it" nennt sie mehrfach "Is That it", von Casablancas stoisch korrigiert. "Die sind ja ein Alptraum! Es ist unmöglich, sie zu interviewen!", beschwert sie sich hinterher.

Die Szenen sind unbeschwert und albern. Sie spielen, als die Band schon unter Vertrag war, aber die volle Breitseite des Ruhms noch nicht abbekommen hatte, und wirken nicht wie zwanzig, sondern wie tausend Jahre her. Sie wecken das gleiche Gefühl wie ihre Musik - eine heftige Sehnsucht nach einer Zeit, die man gar nicht erlebt hat oder nicht so. Aber in der mit Sicherheit alles cooler war als jetzt. Vielleicht nicht besser. Aber cooler definitiv.

Wie die Geschichte weiterging, ist bekannt. Nach blitzschnellem Ruhm und zwei Alben Gitarrenmusik hatten die fünf New Yorker keine Lust mehr, die Rockmusik zu retten. Es kamen Synthies, Heroin, Progrock-Einflüsse, mittelmäßig bewertete Platten, Nebenprojekte. Aber immerhin: Die Band gibt es bis heute, und das bedeutet einer Menge Menschen eine Menge.

"The New Abnormal" beginnt mit einem Song, der aus ihren Anfangstagen stammen könnte. Er heißt "The Adults Are Talking". Nur die New-Wave Produktion und die Lyrics verraten das Fortschreiten der Zeit. "They will blame us, crucify and shame us / We can't help it if we are a problem" singt Sänger Casablancas, vielleicht an alle die gerichtet, die sich wünschen würden, die Strokes würden noch die gleiche Musik machen wie vor 19 Jahren.

Danach hebt das Album ab in die Achtziger. Der charakteristische Sound der Band holt sich im Backstage ein Bier, während seine Kumpels sich mit allerlei Schnickschnack vergnügen: "Eternal Summer" klingt, als würde Casablancas an einem Radioregler drehen und dazu singen, was jeweils zufällig auf dem Sender läuft, Prechorus, Chorus, Postchorus, ein Rocksong, ein Punksong, ein Popsong. Er will neue Freunde, singt er. Aber die mögen ihn nicht.

Vermutlich war es schon immer ein Missverständnis, die Strokes als letzte Revitalisierung der Gitarrenmusik zu feiern. Ihr enormer Erfolg kurz nach 9/11 legt nahe, dass es im Schockmoment vor allem eine große Sehnsucht gab, "das Ende der Geschichte" noch etwas zu verlängern. Zwei eingestürzte Wolkenkratzer, war da was? Der Glaube, einschneidende Ereignisse lösten ästhetische Umbrüche direkt aus, ist ein Irrtum. In der Regel machen alle erst mal mit ihrem bewährten Handwerkszeug weiter. Jedenfalls versuchen sie es. Als könne es als Schwimmbrett dienen, das einen in der Sturmflut über Wasser hält.

Das Geniale der Strokes war, dass sie die Schraube ein Stück überdreht haben: Sie haben nicht weitergemacht, sondern in den Traummodus geschaltet. Auf das retrospektiv relativ beschränkte Anything goes der Neunziger folgte bei ihnen die Negation der Gegenwart. Aber alles Fett hatten sie ihrer Musik abtrainiert - sie klang hellwach. So konnte man sich neu fühlen, ohne sich dem Neuen stellen zu müssen.

Jetzt, wo die Zeit an den Strokes selbst vorübergegangen ist, klingen sie wie eine Pseudoerinnerung. Also eine Erinnerung an Nichtgeschehenes. Ihr Setting haben sie nahezu vollständig in diverse Weltraumklänge verlegt. "And the eighties bands? Oh, where did they go?" tönt Casablancas denn auch in "Brooklyn Bridge To Chorus", "Can we switch into the chorus right now?" Fragt er ein paar Tracks weiter: "Why Are Sundays so depressing?" Was ja schon Morrissey beantwortet hat. Weil die Indiedisko zu ist. Aber die ist ja derzeit jeden Tag zu. Casablancas nimmt es nicht allzu schwer: "I sing a song, I paint a picture / My baby's gone, but I don't miss her."

"The New Abnormal" ist ihr bestes Album seit Langem, weil man ihm anhört, was The Strokes eigentlich gerettet haben, als sie den Rock im Stich ließen: Ihren Eskapismus und die Freude an der eigenen Musik. Es ist kohärent, selbstreflexiv bis zur Albernheit, etwa wenn die Band den letzten Song, "Ode To The Mets", mit einer melodramatischen Entschuldigung enden lässt: "So pardon, the silence that you're hearing / Is turning into a deafening, shameful roar."

Wer auf der Suche nach Garagerock ist, wird mit "The New Abnormal" natürlich wieder nicht glücklich. Aber die Band scheint damit durchaus im Reinen zu sein. Sie beweist, dass man auch mit Mitte vierzig noch ohne große Peinlichkeit jungenhaft vor sich hinschrammeln kann, wenn man populär genug ist.

Die Popmusik einer bestimmten Zeit ist ja sowieso schon deren Traumbild. Verpflanzt man sie erfolgreich in die Gegenwart, erschafft man ein Paralleluniversum. Dort ist alles verlockend wild, aber aufgeräumter. Auf den Kopf und still gestellt (inmitten lauter Rockmusik), weil die Verbindung zur Entfaltung ästhetischer Form in der Geschichte abgeschnitten ist. Eigentlich eine destillierte, hochkonzentrierte Version der Apotheose, von der gute Songs eh träumen: Dem Moment, in dem vorübergehend die Ewigkeit anbricht.

© SZ vom 11.04.2020

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