Pop Gerne einsam

Songwriter Philip Bradatsch lebt jetzt in München und stellt im Unter Deck sein neues Album "Ghost On A String" vor

Von Christian Jooß-Bernau

Nach drei Wochen auf Tour denkt man sich: Wieso mach ich das überhaupt. Was soll der Blödsinn?" Da sind die Abende, an denen die Menschen Philip Bradatsch den Rücken zukehren, weil sie sich mehr für ihr Bier interessieren als für den Sänger mit seiner Gitarre. "Und dann", sagt Bradatsch, "bin ich wieder daheim und denke nach zwei Wochen, ich müsste wieder los." Im vergangenen Jahr hat er es auf etwa 150 Konzerte gebracht. Und so fährt der Sänger auch in seine Zukunft: im Mai nach Österreich und in die Schweiz. Ende Mai nach Finnland, dann weiter nach Schweden. Belgien, Niederlande - und wieder Deutschland. "Ghost On A String" heißt sein gerade beim Münchner Label Trikont erschienenes Album. Seine Stimme weht durch den Titelsong, wie der Wind übers Land. Sie singt von der Kälte, von dieser eigenartigen Distanz zu den Dingen. Die Einsamkeit, sie wird nicht kleiner, als das Schlagzeug einsetzt und zwei E-Gitarren in einem Solo kreisen wie Saatkrähen über dem Feld. Der Sänger lässt keinen Zweifel: Er will keine Hilfe, will sich nicht ändern, er hat es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt.

Bis auf den Schlagzeuger Tobias Hieber ist Bradatsch auch auf diesem Album, das nach opulenter Besetzung klingt, allein, hat alle Instrumente selbst eingespielt. Gerade ist er nach München umgezogen. Geboren und aufgewachsen ist er in Kaufbeuren. Hier haben sie die Platte auch aufgenommen. In ihrem eigenen Studio, eingerichtet in einem ehemaligen Boxclub im Industriegebiet.

Man muss sich keine Sorgen machen. Manchmal hat Bradatsch Gesellschaft und spielt dann mit der Munich String Band. Und mit seiner Gruppe aus alten Freunden, den Dinosaur Truckers, kam er vor kurzem von einer Tour zurück, die sie nach langer Zeit mal wieder unternommen haben. Mit den Dinosaur Truckers ist er vor ein paar Jahren in den Bluegrass hineingerutscht. Sie haben ihn aufgebohrt, zugänglich gemacht für finster hallenden Folk und Rockabilly. Akustische Gitarre, Mandoline, Kontrabass, und Bradatsch spielt Banjo. Das war noch nicht mal eine bewusste Entscheidung, sondern hatte sich so ergeben, nachdem man sich, ausgehend von der Begeisterung für Neil Young oder Bob Dylan, rückwärts orientiert hatte. Heute ist einer von ihnen Anwalt, ein anderer Ingenieur. Und Bradatsch stand vor der Entscheidung, doch noch mittels einer irgendwie gearteten Ausbildung in eine konventionelle Erwerbsbiografie einzusteigen - oder sich dem hinzugeben, was er sowieso machen wollte.

Die Romantik des Reisens: Philip Bradatsch in vertrauter Umgebung.

(Foto: Peter Reichhart)

Also stellte er sich solo auf die Bühne. Am Anfang war das hart: "Wenn du einen Fehler machst, kannst du keinen böse anschauen." Seit acht Jahren ist er jetzt hauptberuflich Musiker. Ein endloser Strom an Kneipen, Clubs und ein paar großen Bühnen ist an ihm vorbeigezogen. Nur das Ungewöhnliche bleibt da noch hängen. Mit dem Gefühl, es würde wahrscheinlich eh niemanden interessieren, hat er mit den Plattenaufnahmen begonnen und sich die Freiheit genommen, "kreuz und quer" das zu machen, was er wollte. Eineinhalb Jahre haben er und Tobias Hieber an den Aufnahmen gebastelt. Und Bradatsch hat sich aus dem Bluegrass-Sound gelöst. Natürlich, die Verbundenheit mit dem Klang Amerikas bleibt unüberhörbar, ergänzt aber um seine Liebe zu den Beatles und die Fuzz-Rock-Gitarren der späten Sechziger und frühen Siebziger.

Sein Album ist trotzdem mehr geworden als ein Blick zurück, der Rockgeschichte verdichtet. Auch wenn Bradatsch selber keinen CD-Player hat, die digitale Welt offenbart beim Aufnehmen ihre Vorteile. Ohne Rücksicht auf Material haben sie Spuren geschichtet, verworfen, neu hinzugefügt. Und in vielen Songs haben sie Reste der Klangforschung stehen lassen: im Hintergrund, wie Stoff, fühlbar, aber kaum hörbar. An manchen Stellen schimmert etwas durch, eine Erscheinung, eine Ahnung. Lichtflecken funkeln in "Supernova", und in "Shadowland" scheint vergangene Klangwucht gebunden. Es sind die Songs selber, die wie Geister an Fäden tanzen. Für die Vorstellung seines Solo-Debüts hat er wieder drei Musiker zu einer kleinen Band um sich versammelt.

Auch das Münchner Label Trikont, das für Bradatsch schon eine Weile das Booking macht, hat in dieser Platte mehr gesehen, als ein weiteres Songwriter-Album eines Typen, der blöderweise im falschen Land geboren wurde. Wer Achim Bergmann, die eine Trikont-Hälfte, kannte, der Anfang März starb, ahnt, was er in Philip Bradatsch gesehen hat. Eine gewisse Romantik, sagt Bradatsch nämlich, hat das Leben als fahrender Sänger schon. Abseits von der Gesellschaft in seiner eigenen Zeit zu leben. Sich nicht mit dem beschäftigen müssen, mit dem sich die Anderen beschäftigen: "Bis man wieder nach Hause kommt, und dann ist ein Brief vom Finanzamt da, und es holt einen wieder ein." Der Wille loszulaufen und die Kraft, sich sein eigenes Leben einfach mal zu nehmen, sie sind Achim Bergmann sicher bekannt vorgekommen.

Philip Bradatsch, So., 29. April, 20.30 Uhr, Unter Deck, Oberanger 26