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Pop-Genre Vaporwave:Wellenreiten im Nirgendwo

Vektroid:  Ramona Andra Xavier

Ist Kritik auch nur eine Form von Eskapismus? Vaporwave-Pionierin Ramona Andra Xavier.

(Foto: twitter.com/vektroid)

Achtziger-Hits in halber Geschwindigkeit, viel Hall und hier und da ein Sprung in der Platte: Warum das eher unbekannte Genre Vaporwave so wichtig für die Pop-Ästhetik der Gegenwart ist.

Von Volker Bernhard

Corona hat die Historisierung der Zehnerjahre bislang verhindert. Wenn dereinst doch noch an die epochal desillusionierende Dekade gedacht werden wird, darf das Pop-Genre Vaporwave nicht fehlen: Ausschließlich digital produziert klang es doch oft so, als seien Audiodatei oder Abspielgerät kaputt. Es konnte so wohl nur von einer Generation hervorgebracht werden, die durch Filesharing und überfordernde Informationsmengen alles gesehen und gehört hatte und sich umso stärker in einer Art pathologischer Retromanie an den wohlsortierten Jahrzehnten vor der digitalen Revolution festhielt.

Wir erinnern uns: Napster revolutionierte bereits 1999 illegalerweise den Zugang zu Musik, die virtuelle Welt rutschte in der Folge gleichberechtigt neben die reale. Zwischen 2010 und 2014 verfünffachte sich die Smartphonenutzung. Man tobte bald ebenso affektgesteuert wie freudetrunken durch weitgehend werbefreie soziale Netzwerke, entdeckte raue Mengen unbekannter Musik und postete einen Haufen unnützes Zeug. Das Internet in seiner Konsolidierungsphase erschien - bereits damals naiv und doch eine schöne Phantasmagorie - als ungeahnter Freiraum.

Die Nullerjahre steckten noch in der DNA moderner Popmusik, sie waren die letzte Hochphase der Gitarrenmusik: Schluffis mit Bart und Holzfällerhemd sangen hochsensibel, zugleich schrammelten sich dosenbierliebende Lederjackenträger durch Garage Rock und Post-Punk des vergangenen Jahrhunderts. Sie feierten ein letztes Mal die Verschwendung der Körper, der Jugend und der ach so kostbaren Zeit. Die Frühphase des Vaporwave Anfang der Zehner ist eine von vielen Weichenstellungen in ein Jahrzehnt, das analog zu glättenden Fotofiltern in den sozialen Medien und eher "fit" als "skinny" geformten Körpern kaputtkomprimierte und aalglatte Musikproduktionen bevorzugte.

Mit "Floral Shoppe" lädt Ramona Xavier aus Portland als Macintosh Plus 2011 eines der ersten Vaporwave-Alben auf einschlägigen Plattformen hoch. Es wird millionenfach geklickt und stilprägend für das gesamte Subgenre: Schon das betont lieblose Cover besticht mit einer antiken Büste, einer öden Farbgebung und einem verpixelten Foto der New Yorker Skyline. Das alles passt so wenig zueinander wie die Betitelung in lateinischer, japanischer und chinesischer Schrift.

Doch gerade diese bizarre Gleichzeitigkeit - die vermeintliche Formlosigkeit als Form - ist die Essenz des Genres: aalglatt trifft kaputt. Sehen Sie jetzt kurz in ihren Newsfeed, Sie sollten dort zahlreiche Entsprechungen finden.

Der Sound besteht aus in Zeitlupe zusammengestotterten Samples, Achtzigerjahre-Hits und kommerzieller Hintergrundmusik, die zerhackstückt und mit allerlei Effekten verfremdet werden, bis sie als Hintergrundgeblubber nicht weiter stören und zugleich an diversen Stellen den Zusammenbruch des Abspielgeräts simulieren.

Der Defekt als Stilmittel führt so weit, dass es Übung erfordert, nicht mehr wie bei analogen Soundquellen automatisch den Sprung in der Platte zu suchen. Der Sound wurde rasend schnell unangenehm hip, unzählige Nachahmer versuchten mit skurrilen Pseudonymen dem Griff der Verwertungsgesellschaften zu entkommen und verzichteten auf eine Vergütung.

Der Name des Genres leitet sich von nicht veröffentlichter Software ab, die als "Vaporware" bezeichnet wird - viel heiße Luft um nichts gewissermaßen. Doch auch eine andere Lesart ist möglich: Vaporwave klingt ein My ins Ungesunde hinein weggedämmert.

Das Verdampfen illegaler Substanzen scheint hier naheliegend, und das führt nicht selten in den Transitbereich von Schlafen und Wachen. In einem gesellschaftlichen Gefüge, das zur effizienten Nutzung der Zeit verpflichtet, widersetzt sich dieser Zwischenzustand scheinbar dem schalen, reibungslosen Leerlauf des unmittelbar Vorfindlichen. Die Ästhetik des Subgenres - Videos und Memes - thematisiert folglich Einsamkeit, Depression und Überforderung inmitten einer als leer empfundenen Warenästhetik, die die digitale Dauerbeschallung liefert.

Vaporwave - das ist auch Kritik an kommerzialisierter Musikverwertung und ironisches Spiel mit Allerweltsgedudel

Vaporwave konnte also als Versuch gelesen werden, sich mittels Remixkultur den überbordenden Zeichenwust im digitalen Raum spielerisch anzueignen und dadurch zu bewältigen - als Kritik an kommerzialisierter Musikverwertung, als ironisches Spiel mit Allerweltsgedudel und neuen Produktions- und Vertriebswegen.

Vaporwave versuchte gerade nicht, im Sinne einer vom 2017 verstorbenen Kulturtheoretiker Mark Fisher popularisierten Hauntologie die unabgegoltenen, utopischen Potenziale der Vergangenheit freizulegen. Es ging vielmehr um das absichtslose Spiel mit leer gewordenen Zeichen, die unsere Gegenwart bestimmen.

Wie könnte also ein Genre, das seine subversive Kraft aus dem geschmack- und respektlosen Spiel mit der Allerweltskultur zieht, sich nicht selbst pervertieren? Gar nicht. Die Affirmation mit Zwinkersmiley fügte sich im Zuge der fortschreitenden Professionalisierung geschmeidig in jene Verwertungssysteme, die einst Teil einer kritischen Aushandlung waren: Pseudonyme wurden zu Künstlernamen, Störgeräusche nahmen sukzessive ab, Vinylplatten wurden gepresst, Labels bewarben fleißig, und der ironisch-nostalgische Dreh diffundierte in andere Kunstformen und Milieus - wurde zur gängigen Praxis, um Altbekanntes in neuem Licht erstrahlen zu lassen. Man muss dafür keine Exegese von "Stranger Things" betreiben, die Retromanie hat dank ihrer Effizienz die gesamte Kulturproduktion erfasst. Auch die Farbgebung von Vaporwave liest sich als Blaupause des heutigen Trash-Mainstreams: Wirkte die Kombination aus ausgewaschenem Rosa auf Lila mit Türkis 2011 noch betont hässlich, macht sie sich heute hervorragend auf populären Turnschuhmodellen.

Die Ästhetik von Vaporwave besteht zum Großteil aus eben jenen Pastellvariationen, die auch den vor zwei Jahren gefeierten Sammelband "Mindstate Malibu" schmücken. Die hier versammelten Künstler und Autoren - unter ihnen Twitterstars wie die Schriftsteller Clemens Setz und Leif Randt - kultivieren das heftige "Wegaffirmieren". Die durchaus unterhaltsamen Social-Media-Profile von Andy Kassier oder Kurt Prödel geben einen Eindruck, was darunter zu verstehen sein könnte: Menschen posieren auf weißen Pferden und mit Babylöwen, garnieren dies mit völlig überdrehtem Motivationsleersprech einschlägiger Instagrammer. Und man lacht über Tweets à la "MÄdchen [sic! 'Ä' muss hier groß; V.B.] stehen auf Typen wo 1 geiles Markenerlebnis sind". Sie verweigern sich der moralinsauren Empörung, denn (so der Untertitel von "Mindstate Malibu"): "Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus."

© SZ vom 14.07.2020

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