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Aerosmith in München:"Are you ready to rock?"

Irgendetwas ist heute falsch mit der Welt. Oder liegt das an den Augen, mit denen man sie anschaut? Steven Tyler greift zur Abrissbirne.

(Foto: Lukas Barth/AP)

Die einen rufen nach dem Rock, die anderen spielen ihn: Wenn die Bands Foreigner und Aerosmith in München spielen, ist die Welt zumindest für zwei Stunden in Ordnung.

Von Oliver Polak

Seit Wochen stehen auf meiner iTunes-Playlist nur Aerosmith-Songs. "Sweet Emotion", "Love in an Elevator", "Janie's Got a Gun", "Livin on the Edge", "Dream on". Immer wieder "Dream on". Und dann ist es endlich so weit, Aerosmith spielen auf dem Münchner Königsplatz ihr erstes Deutschlandkonzert ihrer vorgeblichen Abschiedstournee, die wirklich den Titel "Aerovederci" trägt. Vom Hauptbahnhof schlendere ich dem Pulk mit den Bierflaschen, den Gesängen und Band-T-Shirts hinterher, der untergehenden Maisonne entgegen.

Doch bevor die Band offenbaren wird, was Hard Rock ist, müssen die 22 000 Zuschauer noch einmal ganz, ganz stark sein. Special Guest sind Foreigner. Oder vielmehr: Gitarrist und Gründungsmitglied Mick Jones und ein paar andere Musiker. Der Ersatzsänger versucht sehr fleißig, so zu klingen wie Lou Gramm, und gibt sich auch beim Animieren des Publikums alle Mühe. Aber mehr als eine Foreigner-Coverband wird es einfach nicht. Dafür lassen sie kein Achtziger-Klischee aus, kein einziges. Es gibt also: absurde Keyboardtürme, allerfeinste Männerdauerwellen, seeeehr ausführliche Saxofonsoli und reichlich: "Are you ready to rock?"-Rufe. Ja, ich bin bereit für den Rock. Aber dafür sollte schon auch eine Rockband auf der Bühne stehen. Am Ende singen Foreigner ihren großen Hit: "I wanna know what love is, I want you to show me". Ja, ich wüsste auch gern, was Liebe ist. Aber von keinem der Typen auf der Bühne möchte ich es gezeigt bekommen.

Viel Polizei ist auf dem Gelände. Manchester ist erst ein paar Tage her. Gut, dass die Polizei da ist, es fühlt sich besser an als ohne. Wobei an diesem Abend der verhaltensauffälligste Typ der Bassist von Foreigner ist. Zunge schnalzend, mit aufgerissenen Augen, blondierten Haaren und Dauerwelle, deutet er mit heftigen Hüftbewegungen ständig an, dass er seinen Bass - ja, so muss man es sagen: bumsen möchte. Nach 55 Minuten ist es zum Glück vorbei.

Ich stehe fünf Meter vor der Bühne, um mich herum Leute mit Judas-Priest-, Accept-, Harley Davidson- und Aerosmith-T-Shirts, außerdem: Cowboyhüte, Leopardenmäntel, verblasste Tattoos. Tigermänner. Männer, die einst den Tiger in sich weckten, dem inzwischen aber die Zähne ausgefallen sind. Aber es sind auch Teenager da. Gitarrenboxenwände werden auf die Bühne gerollt, riesige Ventilatoren - und das Aerosmith-Schlagzeug. Am Ende stehen da 15 Gitarrenboxen, fünf Bassboxen, acht kapitale Marshall-Röhrenverstärker und drei Bassverstärker. An der Bühnendecke Hunderte Scheinwerfer, dazu zwölf Verfolger-Scheinwerfer auf dem Gelände und als Hintergrund eine riesige LED-Leinwand. Der Laufsteg ins Publikum wird ein letztes Mal gewischt. Die Boxenwand ist gigantisch. Können sie nach der Tour Donald Trump geben, dann hätte der schon mal ein massives Stück Mauer.

Ein Maul, dass man bis ins Innerste des Mannes am Mikrofon blicken könnte

Es ist 21 Uhr. Auf der LED-Wand erscheinen Bandfotos, alte Albumcover, Zeitreise durchs Aerosmith-Universum, untermalt vom ohrenbetäubenden "O Fortuna"-Chorsatz der "Carmina Burana". Doch, doch, genau so muss es sein. Keine Ironie, der musikalische Endsieg steht kurz bevor. Alles, was in den vergangenen zwei Stunden war, ist jetzt egal, nein, mein Leben, meine 40 Jahre vorher sind jetzt egal. Die Hymne verstummt, aus dem Off hört man die Stimme eines amerikanischem Ansagers, der brüllt: "From Boston USA - Aerosmith". Johlen, Applaus, das animierte Aerosmith-Flügellogo flattert auf der LED-Wand. Die Scheinwerfer leuchten lila, Aerosmith, gegründet 1970, Tom Hamilton, Brad Whitford, Joey Kramer, Joe Perry und Steven Tyler betreten die Bühne und beginnen mit "Let The Music Do The Talking" und "Young Lust".

Kein "Are you ready to rock", keine Publikumsanimationen. Nur Aerosmith als Abschiedspanzer, die mit ihrem Rock die Leute überrollen. Die Band im Bühnenhintergrund spielwütig, Sänger Steven Tyler vorne als König der Grimassen mit seinem Zepter, dem Mikroständer mit den vielen Tüchern dran. Mit Sonnenbrille, hautengen Hosen und langem Mantel, auf dem Arm mit pinkem Edding dick draufgekritzelt "Leck mich", schwingt er den Mikroständer wie eine Abrissbirne über seinem Kopf. Er singt sich die Seele aus dem Leib, rennt und wälzt sich über die Bühne. Weiter geht's mit "Crying" und dem 24 Jahre alten "Livin On The Edge", in dem Tyler singt: "There's somethin' wrong with the world today / I don't know what it is / Something's wrong with our eyes". Kann man so gerade nicht besser sagen. Irgendetwas stimmt wirklich mit unseren Augen einfach nicht.

Dann "Love In An Elevator" und das Intro von "Janie's Got A Gun" mit den ganzen sagenhaften Steven-Tyler-Dada-Rock-Geräuschen: dem Zischen, dem Stöhnen, dem hypnotisierenden Summen, den "Ahaaaaaas" und den "Oh Yeahs", die am Ende im Kreischton einer Burmakatze enden, synchron ausgestoßen auf die Tomtom-Trommel-Schläge von Joey Kraemer, schließlich wieder tiefer, melancholischer Gesang und immer wieder "Run away, run away, from the pain". Ja, ja, ja. Wir rennen alle vor dem Schmerz davon. Dauernd. Immer wieder. Die Meute um mich herum ist hypnotisiert. Für diesen, den Moment. In dem - doch, doch - Tausende Einhörner mit Aerosmith-Flügeln und aufgerissenen Steven-Tyler-artigen Mäulern durch einen brennenden Regenbogen springen.

Danach natürlich "I Don't Wanna Miss A Thing" und "Walk This Way". Und immer wieder reißt er seinen Mund so weit auf, dass man bis in sein tiefstes Inneres schauen kann.

Und dann ist es so weit: "Dream On". Steven Tyler am Flügel auf dem Steg, die Band dahinter:"Every time that I look in the mirror / All these lines in my face gettin' clearer / The past is gone / It went by like dusk to dawn / Isn't that the way / Everybody's got their dues in life to pay". Konfetti, Nebelkanonen, gleißendes Licht. Finale. Steven Tyler steht jetzt auf dem Flügel.

Mit anderen Worten: Obwohl die Welt nicht in Ordnung ist, ist sie es für diese zwei Stunden. Dass dies die Abschiedstournee der Band sein soll, klingt plötzlich so glaubwürdig, wie wenn man verkatert sagt: Nie wieder Alkohol. Weil der Reim nämlich immer noch stimmt: Niemand ist geiler als Steven Tyler. Und klaro, der Dude sieht aus wie eine Lady. Wir müssen weiterträumen.

Aerosmith-Tour: 30. Mai Berlin, 20. Juni Köln.

Der Autor ist Stand-up Comedian und Autor. Für seine Pro7-Late-Night-Show- "Applaus und Raus" wurde er mit dem Grimme-Preis 2017 ausgezeichnet.

© SZ vom 29.05.2017/cag
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