Süddeutsche Zeitung

Pop:Gefalteter Funk

Chicago Footwork, das neue Album der amerikanischen Produzentin Jerrylinn Patton alias Jlin und die Antwort auf die Frage, wer eigentlich das Problem hat, wenn man eine neue Musik nicht versteht?

Von Thomas Meinecke

Ich mag fünfzehn gewesen sein, und Bebop lag rund dreißig Jahre zurück, wahrscheinlich war es beim ersten Hören der Bebop-Aufnahmen Charlie Parkers, die altbekannte Swing-Standards bis zur Unkenntlichkeit dekonstruierten, dass ich mir über die besondere Fortschrittlichkeit afrikanisch-amerikanischer Musik klar zu werden begann. Was in den neuartig nervösen Entwürfen der Hipster um den Altsaxofonisten Charlie Parker, den Trompeter Dizzy Gillespie, die Pianisten Thelonious Monk und Bud Powell sowie den Drummer Max Roach sehr freiwillig geschah (und damit ein in die Jahre gekommenes Genre vor einem Verelenden in den seichten Gewässern des Mainstreams bewahrte), nämlich die produktive Wiederaufnahme von Bekanntem (seit den Beatles und den Rolling Stones ist das auch die zentrale Technik der weißen Popmusik), hatte in der Geschichte der transatlantischen Sklaverei bereits eine jahrhundertealte Tradition.

Unter der unbarmherzigen Peitsche der kolonialen Sklavenhaltergesellschaft hatte sich besonders im Süden der USA ein elaboriertes uneigentliches Sprechen ausgebildet, Signifying genannt. Ein Jive, der im späten zwanzigsten Jahrhundert im Rap zu einer sehr komplexen Blüte gelangte, aber schon hundert Jahre zuvor mit dem Delta Blues, in Minstrel Shows, im synkopierten Ragtime und in den Anfängen des Jazz anspruchsvolle Formen hervorgebracht hatte. Formen, die später, mit Sun Ra in den Fünfzigern, George Clinton in den Siebzigern und Mike Banks in den Neunzigern, ihre Herkunft ganz dezidiert als from outer space taxierten: galaktischer Free Jazz, P-Funk aus den Tiefen des Black Atlantic, Detroit Techno als unsichtbare Motown Music, ohne Straße.

Die Bässe gibt es hier nicht geradeaus, sie glitschen eher um den Beat herum

Afroamerikaner besaßen in den USA noch hundert Jahre nach dem Bürgerkrieg so gut wie keine Rechte. Logisch, dass sie aus den unerklärlichen Tiefen des Weltalls etwa in Alabama angelandet oder im oberen Mississippi aus einem mystischen "Black Atlantis" aufgetaucht sein mussten. Der Afrofuturismus war und ist deshalb keineswegs Science-Fiction, sondern ganz unmittelbar politisch konnotiert.

Vor sieben Jahren hörte ich dann zum ersten Mal einen Track einer "Footwork" oder "Juke" genannten Musik, eines neuen Genres aus Chicagos afrikanisch-amerikanischen Ghettos: der Westside und der Southside, wohin bereits 1917 die Jazz-Pioniere aus New Orleans gezogen waren, und später, während der Großen Depression, die Musiker des Mississippi Delta Blues, der in Chicago schroff elektrifiziert und so als urbanes Genre rekonfiguriert wurde. Danach gab es in der Stadt fantastischen Bürgerrechts-Gospel-Soul (von Curtis Mayfield oder den Staples Singers), und von den Achtzigern an eine auch in sexuell dissidenter Hinsicht sehr innovative Sound-Explosion namens House Music (Acid House, Hip House, Ghetto House).

Dem hypnotisch-exzentrischen Funk dieser extrem tanzbaren Underground Music wurde der Name Jack ("Time to Jack" / "Jack Your Booty") gegeben. Auch in seiner komplett synthetischen Disco-Abwandlung konnte er noch gut verstanden werden. Die Footwork-Pioniere (etwa der große Cornelius Ferguson alias Traxman) stammen aus dieser Szene, die Chicago House Music arbeiteten sie jedoch zu einer viel abenteuerlicheren Musik um. Man hörte nun nicht mehr eine gerade Bass Drum, sondern sehr tief herumglitschende Bässe, wie sie auch erst digitale Produktionsmethoden möglich machten. Bässe also, die mal wie Bomben fallen oder bis zu zwanzig Sekunden lang als eine Art Sound-Cluster über der Tanzfläche hängen dürfen. Dazu gab es wenig Akkorde, aber viele, unregelmäßig wirkende Claps, stolpernde Rimshots (zackige Schläge auf den metallenen Rand der Snare-Trommel) und Vocal Samples aus der Trivialkultur.

Ich wusste zunächst gar nicht, wo die Eins war. Dazu wurde gemunkelt, Footwork sei die schnellste House Music, die es je gegeben habe (angeblich im Bereich von 160 Beats per Minute). Mir erschien das Tempo dieser Musik aber eher mittelschnell, wie im Hip-Hop. Befreundete Jazz-Schlagzeuger, denen ich Footwork vorspielte, kamen begeistert mit mir überein, dass wir es hier (bei aller elektronischen Programmierung) mit einem befreiten Metrum zu tun hätten. Vieles klang wie die grandios drängelnden Schlagzeuger in Bands von Albert Ayler. Nur seit wann konnte man raffinierte Jazz-Schlagzeuger mit elektronischer Dance Music begeistern? Kurzum: Mit Footwork trat eine neue Musik in mein Leben, und zwar eine, die etwas von mir wollte. Diese Musik hat ganz offensichtlich recht, dachte ich aufgewühlt. Und ich fühlte mich auf eine Weise herausgefordert, die mich die bange Frage stellen ließ: Werde ich vor dieser Musik versagen, werde ich sie also womöglich nicht verstehen?

Dann wurde Footwork zu meiner neuen Lieblingsmusik. In den Ghettos der Windy City (in nicht selten zwielichtigen, vom Crack-Handel geprägten Kreisen) kursiert Footwork vor allem auf künstlereigenen Daten-Sticks. In Europa kann man sich auf britische Avantgarde-Pop-Labels wie Planet Mu oder Hyperdub verlassen, die die Tracks begnadeter Footwork-Produzenten wie RP Boo oder DJ Rashad in hochwertigen Vinyl-Pressungen und Gatefold-Sleeves kredenzen. Los ging es 2010 mit dem Sampler "Bangs & Works Vol. 1 - A Chicago Footwork Compilation" und ein Jahr später (bevor dann all die Solo-Alben und EPs der darauf vertretenen Künstler kamen) mit einer zweiten "Bangs & Works"-Doppel-LP.

Darauf debütierte jene Produzentin, die jetzt gefeiert werden soll: Jerrylinn Patton alias Jlin, aus der rauen Stahlstadt Gary, Indiana, wohin man gelangt, wenn man über Chicagos desolate South Side noch hinausfährt, etwa um zu Michael Jacksons Elternhaus zu pilgern. Neben RP Boo, dem bereits 2014 an einer Überdosis Drogen verstorbenen DJ Rashad und dem noch munteren Pionier Traxman ist sie die großartigste Figur des noch frischen, aber inzwischen deutlich (und weltweit) wirkenden Genres. Sie hat es sogar so erweitert, dass ich anfänglich den Eindruck hatte, Jlin hätte ihre Kunst an irgendeiner Kunsthochschule ausgebrütet.

Bis vor einem Jahr jobbte sie in ihrer Heimatstadt als Stahlarbeiterin

Tatsächlich jobbte sie bis vor einem Jahr (sie ist heute 29) in ihrer Heimatstadt als Stahlarbeiterin, hatte sich zuvor zeitweilig für ein Architekturstudium eingeschrieben und manche ihrer Tracks in der Uni-Bibliothek produziert. Die meisten aber in ihrem Elternhaus, das sie noch immer bewohnt, obwohl sie mittlerweile von ihrer Musik lebt. Schon als Vierjährige hörte sie bei Nachbarn zum ersten Mal einen Footwork-Track: "Es war anders als alles, was ich zuvor je gehört hatte."

In ihrem Elternhaus liefen die Alben von Miles Davis und John Coltrane. Schlagzeug spielen hatte sie bereits bei Johnny Jackson von den Jackson Five gelernt. Über Online-Communitys suchte Jlin Kontakt zur Chicagoer Footwork-Szene, DJ Rashad gab ihr wertvolle Hinweise, sie begann, Tracks zu programmieren. Mathematik spielte dabei eine nicht unbedeutende (kosmische) Rolle. Der Modedesigner Rick Owens entdeckte ihren auf "Bangs & Works Volume 2" vertretenen Debüt-Track "Erotic Heat" und beauftragte sie 2014 für die Pariser Fashion Week mit einem Remix. 2015 erschien dann ihr erstes Album bei Planet Mu: "Dark Energy". Es klang mal wieder wie die Zukunft der populären Musik (das braucht man ja als Popist alle paar Jahre). Die weiße Konzeptkünstlerin Holly Herndon wirkte auf einem Track mit, und Jlin bezog sich in Interviews auf Igor Strawinsky, Eartha Kitt, Nina Simone und Alice Coltrane. Zwei EPs ("Free Fall" und "Dark Lotus") erschienen 2016. Aphex Twin spielte einige sensationelle, unveröffentlichte JLin-Tracks bei einem DJ-Gig in Houston, Texas, wo alle schon sehr gespannt waren auf das neue zweite Album: "Black Origami" (Planet Mu).

Es enthält sowohl unbarmherzig jackende, ghettotaugliche Footwork-Tracks als auch kunstvolle Erweiterungen (Rückführungen) ins Afrikanische, inklusive analoger Perkussionsinstrumente. Gastbeiträge liefern der Minimalist William Basinski (baltisches Volksliedgut im Loop), Holly Herndon und eine südafrikanische Rapperin namens Dope Saint Jude. Der britische Choreograf Wayne McGregor holt Jlin, wie man hört, nun als Komponistin zum Ballett; ihre wie Origami gefalteten Rhythmen haben ihn angezogen. Gefalteter Funk. Und, um noch mal Bebop heranzuziehen: "Birth of the Cool".

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Quelle:
SZ vom 11.07.2017
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