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Pop:"In gewissem Sinne habe ich mein Leben lang Blondie gespielt"

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Debbie Harry färbt ihr Blond immer selbst - das Stillsitzen beim Friseur mag sie nicht.

(Foto: AFP)

Diese Woche bringt Debbie Harry alias "Blondie" ihr neues Album "Pollinator" heraus. Aber ist nicht eigentlich ihre Person der Hit? Ein Treffen in London.

Von Juliane Liebert

Debbie Harry ist nicht Blondie an diesem Nachmittag, sie ist eine ältere Dame mit einer Augenentzündung, die in einem Hotelzimmer sitzt und ein Interview geben muss. Der Grund für diese unleidliche Angelegenheit ist ein neues Blondie-Album: "Pollinator" (BMG, erscheint am 5. Mai). Die Platte - das vorweg - ist schrecklich und lediglich Nostalgikern zu empfehlen, die ihren Idolen lieber ins Zombiestadium folgen, als Musik zu hören, die noch selbständig atmet. Debbie Harry dagegen ist immer noch Debbie Harry. Ikone Warhols, Postergirl des New Wave, "Nicki" in David Cronenbergs Film "Videodrome". Sie ist 71 Jahre alt.

Sie spricht leise und sehr artikuliert. Wie viele Interviews sie in ihrem Leben gegeben hat? "Ein paar tausend." Manchmal korrigieren die Fragesteller sie, wenn sie Jahreszahlen verwechselt. Sie kennen ihr Leben besser als sie selbst. Debbie Harry ist sehr höflich. Die meiste Zeit fühlt man sich, als rede man mit der Apple-Assistenz-Software Siri. Es sei denn, man fragt sie etwas Überraschendes.

"Ein paar der Songs haben sich selbst totgespielt", sagt sie. "Sie sind eingefroren."

Dann zieht sich ihr ganzes Gesicht nach hinten zu einem Lächeln, das ihr ins Gesicht fällt wie ein Fremdkörper. Das geschieht meist, wenn es um ihre persönlichen Ansichten geht. Als sei sie verblüfft, dass sich auch jemand für sie als Person interessiert. Nicht nur als Denkmal. Die Vergangenheit langweilt sie. Ihre Hits langweilen sie. "Sie sind süß, und das Publikum liebt sie, aber ich interessiere mich nicht dafür, sie zu spielen. Für "Heart of Glass" haben wir ein neues Ende geschrieben. Es ist manchmal länger und manchmal kürzer. Aber ein paar der Songs haben sich selbst totgespielt, sie sind eingefroren. Sie öden mich an."

Der Zeitgeist möchte Debbie Harry gern als feministische Ikone sehen, als erste Frau, die in "Rapture" einen Song mit einem Rap-Teil an die Spitze der amerikanischen Charts brachte. "Ich habe die meisten der Songs nicht selbst geschrieben", sagt sie. "Ich achte nur darauf, ob ich vertreten kann, wofür sie stehen."

Die einzigen Songs, die auf dem neuen Album leidlich gelungen sind, haben aktuelle Pop-Sängerinnen wie Charli XCX und Sia geschrieben. "Gravity" ist ein schnörkelloser Chartpop-Song. Alles Übrige beginnt ambitioniert als Art-Pop mit Achtziger-Jahre-Anklängen und landet dann als billige Kopie irgendwo in der musikalischen Ein-Euro-Shop-Welt. Die Produktion des Albums klingt meist, als hätte man einem Sechzehnjährigen ein ganzes Haus voll Profi-Soundstudio-Equipment geschenkt.

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