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Pop:Frank Oceans Lied für Mama

Frank Ocean releases second album 'Blonde'

Frank Ocean hat sein zweites Album "Blonde" veröffentlicht

(Foto: AFP)

Der R'n'B-Star Frank Ocean hat seine Anhänger jahrelang warten lassen. Jetzt überschüttet er sie mit einem Musikfilm, Zeitschriften, und endlich neuen Songs.

Jungs weinen doch, das ahnten wir schon, aber jetzt wissen wir es ganz exakt: Endlich, am 1532. Tag nach der Veröffentlichung von "Channel Orange" ist es da, das als "Boys don't cry" angekündigte neue Frank-Ocean-Album. Umgetauft auf den Namen "Blonde", hat es 17 Tracks und eine längere und wirrere Vorgeschichte als die Gründung der DDR. Wäre Frank Ocean ein Restaurant, es wären alle Kunden längst gegangen, aber Ocean ist ein Künstler, und Tracks werden zum Glück vom Ziehenlassen oft besser. Immerhin, der Mann hat mal eben innerhalb von 24 Stunden zwei Alben, zwei Musikfilme und eine Zeitschrift in die Welt geworfen.

Im Internet wird gewitzelt, jetzt würde er wohl wieder für 15 Jahre verschwinden. Lange Geburt, hässliches Kind, so heißt es in einem bösen Sprichwort. Aber nein: "Blonde" ist erst seit wenigen Stunden draußen, und schon liegen Teenager aller Herren Länder in ihren Kinderbetten und machen dazu rum, während Tränen ihre mascaraverschmierten Wangen herablaufen. Die Zeitschriften zum Album, die es in vier Pop up Stores in New York, London, Los Angeles und Chicago gab, gehen bereits für 1000 Dollar weg. Angeblich gibt es zwei Versionen des Albums, zwei Namen hat es auch: Auf dem Cover steht "blond". Was also taugt das eigentliche Album? Song eins, "Nikes": eine klassische Frank-Ocean-Nummer, ein schön ausfedernder Bass, hochgepitchter Gesang vom Meister selbst. Das Video dazu erschien einen Tag nach dem visuellen Album "Endless", der Song schleppt sich unter dem Gesang sanft taumelnd vorwärts, Frank erzählt von all den Frauen, die immer nur teure Turnschuhe wollen, dann Break, verwirrte Streicher, die ersten Teenager beginnen zu weinen.

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Es deutet sich schon an, das Album ist viel instrumentenlastiger als sein Vorgänger. "Ivy" klingt, als hätte Frank Ocean den kanadischen Instrumentalmusiker Mac de Marco in seinen Keller gesperrt und erst rausgelassen, nachdem der ein anständiges Riff für den Track geliefert hat. Apropos, hat jemand in letzter Zeit was von Mac de Marco gehört? Jemand sollte ihn anrufen, sicherheitshalber. Aber weiter. Blondee läuft gerade seit drei Songs, da ruft Frank Oceans Mutter an. Keine Metapher, Song vier, "Be Yourself" ist ein wirklicher Anruf seiner wirklichen Mutter.

Schon Kendrick Lamar (dem wir später noch begegnen werden) präsentierte auf "Good kid, M.a.a.d City" am Ende vom "Money Trees" einen Anruf seiner Mutter. Frank Ocean gibt Mama einen ganzen Track. Die sagt ihm, er solle auf keinen Fall Marihuana rauchen und auch sonst keine Drogen nehmen, sondern er selbst sein. Chapeau. Danach ist er, in Track fünf, erst mal "Solo". Das kommt davon, wenn man mit 28 noch jeden Tag mit seiner Mutter telefoniert. "Solo" ist leider recht schnulzig, auch wenn das tiefe E-Piano schon an der Seele zupft. Lyrics: Marke Unverständlich, bis auf einen Part gegen Ende des Songs, der "O-hooo-hoo-hooo-hoo-hooooooo - ahaaa-haaa" lautet, das ist Weltsprache.

"Good Guy" ist wohl die erste R&B-Liebeserklärung an einen Mann

"Skyline To" hat wieder ein schönes Riff, aber ob der Song etwas Besonderes ist oder einfach nur ein anderer Song, den man nach zweimal Hören wieder vergisst, bleibt wie bei einigen anderen Nummern des Albums bisher offen. Ohnehin muss man an dieser Stelle festhalten: Die Songs ähneln sich sehr. Vielleicht brauchen sie aber auch nur ein paar Tage - oder Wochen, Monate -, um aus der Suppe ähnlicher Zutaten aufzutauchen. Ans Warten sind Ocean-Fans ja gewöhnt. "Self Control" ist wieder weinerlich.

Dann kommt "Good Guy", mit Kendrick Lamar. Könnte das der erste Track in der Geschichte des populären R'n'B überhaupt sein, der ein offenes Liebeslied an einen Mann ist? Bis hierher klingt das Album, als hätte Ocean es mit einer Fender Rhodes und einer Gitarre geschrieben, mit ein paar ausgefallenen Samples als Zugabe. Es drängt sich das Gefühl auf, dass Ocean die Gitarrentracks zu einer anderen Zeit geschrieben hat als den Rest. Manchmal führt das zu einem "persönlicheren" Album, dann wiederum klingt Ocean (wie etwa in "White Ferrari") wie ein gequälter Esel. Langsam stellt sich die Frage: Wollen wir wirklich, dass Männer Gefühle zeigen? "Siegfried", der vorletzte Track, will und will nicht enden. Man will ihn wachrütteln, Frank, will man sagen, lebst du noch? Bist du eingeschlafen? Dann ist es auch schon fast vorbei.

Fazit nach vier Jahren und einem extrem langen Juli Wartezeit? Geschmackssache. 40 Prozent Gitarrensongs, 40 Prozent E-Piano Balladen, 20 Prozent Hip-Hop. Insgesamt alles sehr balladig, alles sehr ähnlich. Könnte sein, dass es ein Grower ist, ein Album, das mit jedem Hören wächst. Es könnte aber auch sein, dass "Blonde" schneller vergessen ist, als es gedauert hat, es zu erschaffen. Wir sprechen uns in 15 Jahren.

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