bedeckt München 10°

Pop:Famose Feinst­verästelung

Das schmerzhaft schöne neue Album der amerikanischen Rockband "The War On Drugs".

Von Martin Pfnür

Es sind nicht unbedingt die schmeichelhaftesten Begleitgeräusche, die den alten Affen Rock in den Diskursen verfolgen. Mal ist von einem "auserzählten" Genre die Rede, mal expliziter von einem, das seit Ewigkeiten im eigenen Saft schmort und nur durch bloße Retromanie und der Beharrlichkeit der alten Helden am Leben erhalten wird. Die etwas gemeine, da recht pauschale Frage, die sich angesichts all dieser pessimistischen Abgesänge auftut, sie lautet also: Hat der Rock ein Innovationsproblem? Eines, das ihn den Anschluss an stilistisch beweglichere Musiken wie den Hip-Hop oder den R'n'B verlieren lässt?

Nun, geht man von "A Deeper Understanding" (Atlantic Records/Warner Music), dem vierten Album der amerikanischen Band The War On Drugs um Songschreiber Adam Granduciel, aus, so wäre die Antwort sicherlich ein klares "Nein". Zwar steht auch im Fall der Formation aus Philadelphia das Zitat über allem, und doch liegen die Dinge hier anders als bei reinen Retro-Acts. Und das liegt an Granduciel, der als Mastermind der Band Songwriting und Produktion gleichermaßen verantwortet, und sich bereits auf den letzten beiden Alben "Slave Ambient" und "Lost In The Dream" als Meister der Aneignung, der Weiterentwicklung und der stilistischen Feinstverästelung erwies.

Schöner Schmerz: The War on Drugs-Kopf Adam Granduciel.

(Foto: Warner Music)

Dabei wirkt die ästhetische Formel, die hier zur Anwendung kommt, erst mal simpel: Ebenso unverhohlen wie ironiefrei lehnt sich der 38-Jährige an einen Sound an, für dessen paradoxe Eigenschaften sich das Online-Musikmagazin Pitchfork kürzlich den schönen Begriff "Heartland Synth Rock" einfallen ließ. Eine Strömung also, bei der sich in den Achtzigern auch die erdigen Songs von Rock-Ikonen wie Bruce Springsteen oder Tom Petty plötzlich im artifiziellen Synthie-Gewand wiederfanden.

Während sich viele der damals aktiven Musiker heute von ihren damaligen Songs distanzieren, gelingt es Granduciel, eben diese Soundästhetik mit einer Musik zu veredeln, die einen in ihrem Verhältnis zwischen ätherischer Eleganz und euphorisierender Uptempo-Wucht unmittelbar begeistert. Statt schlimm verhallter Bollerdrums wie ihre Vorgänger legen The War On Drugs ihren stets episch ausgewalzten Songs dabei auch auf "A Deeper Understanding" Rhythmen zugrunde, die in ihrer treibend-repetitiven Motorik eher zum Krautrock verweisen, was den Stücken im Zusammenspiel mit den flächigen Synthie-Drones und den sanften Gitarrensounds etwas wunderbar Fließendes gibt.

Darüber spannen sich Arrangements, die in ihrer Süße, ihren weichen Texturen und ihrer hellen Klangsprache im Kontrast zu Granduciels Texten stehen. Auch hier scheint er sich nach Phasen der Depression von Schattenzuständen zwischen Einsamkeit, Entfremdung und seelischem Schmerz frei zu singen. "I'm only living in the space between / the beauty and the pain", heißt es in "Strangest Thing".

Möchte man übrigens angesichts der zehn makellosen Songs, die The War On Drugs auf "A Deeper Understanding" versammeln, doch einen Grund zum Mäkeln finden, so wäre es wohl jener, dass Granduciel mit seinem Major-Label-Debüt zwar einerseits sein homogenstes, geschliffenstes und durchaus auch poppigstes Album aufgenommen hat - die ganz großen Hymnen und Hooklines, wie sie ihm auf den beiden Vorgängern mit Songs wie "Red Eyes" oder "Brothers" gelangen, sind ihm dabei jedoch abhandengekommen. Sei's drum. Wem es heute gelingt, im Rahmen eines engen Klangkorsetts wie das des Rock eine eigene Musik aus dem Sound alter Helden herauszudestillieren, der hat sämtliche Innovations-Lorbeeren verdient. Wer solche Songs schreibt, sowieso.

© SZ vom 31.08.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema