Album von Marianne Faithfull Die letzte Diva des sterbenden 20. Jahrhunderts

Die Gravitas des Davonkommens: Marianne Faithfull.

(Foto: Yann Orhan/ BMG/Warner)
  • Marianne Faithfull hat ein neues Album veröffentlicht.
  • "Negative Capabilities" ist das Vermächtnis einer Frau, die keine Träume mehr hat, außer dem, einen schönen Tod zu sterben.
Von Thomas Bärnthaler

Um das Alterswerk großer Künstler ermessen zu können, sollte man das Leben kennen, das darin aufscheint. Also könnte man jetzt kurz noch mal die ganze Geschichte erzählen von Marianne Faithfull, dem Übergroupie der Sechzigerjahre, die "As Tears Go By", eine Ballade, die ihr von den Rolling Stones 1964 geschenkt wurde, so aufreizend brav und gelangweilt sang, dass die halbe Welt durchdrehte. Die Mann und Kind für Mick Jagger verließ, für die aber auch Flirts mit Gene Pitney, Bob Dylan und noch ein paar anderen illustren Figuren verbürgt sind. Die bald eine gefragte Schauspielerin wurde. Man dürfte auch die Drogenrazzias, den Selbstmordversuch und natürlich ihre Heroinsucht nicht unerwähnt lassen, die sie von der Partywelt des Swinging London, also von ganz oben, ziemlich schnell nach unten in die Kaputtheit des Junkiedaseins beförderte, bis sie schließlich, Anfang der Siebzigerjahre, tatsächlich als Obdachlose in London herumgeisterte. Glück und Elend einer Rockstar-Biografie, nur dass Faithfull lange nicht als Rockstar zählte, sondern immer nur als hübsches Anhängsel der Bad Boys, als Kirsche auf deren Kuchen.

Man kann das alles in ihrer Biografie von 1994 nachlesen, einem der schonungslosesten Zeugnisse der Pop-Ära. Irgendwie ist sie dann wieder auf die Beine gekommen und hat seitdem 20 Soloalben veröffentlicht, auf denen sie ihre Geschichte erzählt. Es gibt einen Dokumentarfilm über sie. Man kann sagen, ihr Leben ist ein offenes Buch, für alle, die wissen wollen, was einem alles so blühen kann zwischen Himmel und Erde. Aber eigentlich muss man nur warten, bis Faithfull, inzwischen 72 Jahre alt, auf ihrem neuen Album "Negative Capabilities" (BMG/Warner) zum ersten Mal ihre Stimme erhebt, und man fühlt sich plötzlich sehr, sehr klein.

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Die Alphatiere haben das letzte Wort

Es ist eine Stimme, die einen existenziell trifft, obwohl sie weder laut noch wohlklingend im eigentlichen Sinne ist. Sie ist tief, bricht oft, ganz so, als hätte sich das Leben wie Rost in sie eingeschrieben. Faithfull haucht nicht, phrasiert oder lässt nachklingen wie geschulte Sängerinnen. Sie will einen nicht überwältigen oder bezirzen. Sie singt stolz und unbeirrt, mit der Güte und der Gravitas der Davongekommenen. Irgendwo zwischen Edith Piaf und Nico, nur ohne den teutonischen Unterton.

Dem Tod entkommt man nicht auf diesem Album

"Missverständnis ist mein Name", heißt es programmatisch gleich im ersten Song "Misunderstanding", dessen dunkel-jenseitige Melodie den melancholischen Ton des ganzen Albums setzt. Hier werden, das merkt man schnell, letzte Dinge verhandelt. Das Altwerden, die verpassten Chancen und verlorenen Freunde. Aber natürlich auch, einmal mehr, ihr Lebensthema: das Ringen mit dem eigenen Image. Faithfull hat auf ihren Alben schon öfter auf ihr Leben zurückgeblickt, niemals aber so letztgültig.

Begleitet wird sie diesmal hauptsächlich von Nick Cave und Warren Ellis von den Bad Seeds, sowie Rob McVey und Ed Harcourt, ihren langjährigen musikalischen Weggefährten. Sie schrieben die Musik, sparsame, schimmernde Arrangements für Faithfulls karge Texte, die jeder für sich, auch als Gedichte durchgehen könnten. Für die Aufnahmen traf man sich in einem angemieteten Château an der Seine, unweit von Faithfulls Wohnung in Paris. Die Band wohnte auf einem Hausboot, Madame kam wie immer nur zum Einsingen. Man sieht sie vor sich, den Gehstock mit dem goldenen Knauf in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen. Die letzte Diva des sterbenden 20. Jahrhunderts.

Umso erstaunlicher ist, mit welcher Wärme und Intensität die Songs des Albums ihr Leben entfalten: das keltisch angehauchte Duett "The Gypsie Faerie Queen" mit Nick Cave oder "Born To Live", ihr Requiem auf Anita Pallenberg, die 2017 starb. Mit ihr verband Faithfull nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch ein ähnlicher Lebensweg. Pallenberg war erst mit Brian Jones liiert, später mit Keith Richards. "We're born to die, no one to blame / We're born to love, we're all the same", raunt sie ihrer Gefährtin tröstend zu, nur um sich, ein paar Takte weiter, selbst einen schöneren Tod zu wünschen. Pallenberg starb an Krebs. An dieser Stelle meint man tatsächlich so etwas wie Zärtlichkeit in ihrem sonst eher stoischen Bariton zu vernehmen.

Dem Tod entkommt man nicht auf diesem Album. "They Come At Night", ein Song, den Faithfull zusammen mit Mark Lanegan geschrieben hat, ist eine bittere Abrechnung mit den Mördern des Massakers im Bataclan-Theater von 2015, einem Konzertclub, den sie als ihr erweitertes Wohnzimmer betrachtete. Doch trotz aller Getragenheit und mitunter biblischen Schwere, die unweigerlich an das Alterswerk von Johnny Cash denken lassen, gleitet Marianne Faithfull nie ins Morbide ab. Zu viel ungebeugte Lebenslust und Unverzagtheit klingt zwischen den Zeilen an. Darauf deutet auch der Titel des Albums, "Negative Capabilities", den Faithfull vom englischen Romantiker John Keats geliehen hat. Drunter macht es eine wie sie nicht, die, wie Besucher ihrer Pariser Wohnung glaubhaft versichern, ihr Bett mit Bücherstapeln teilt. Der Dichter beschreibt damit das Vermögen, den rätselhaften und widersprüchlichen Irrsinn der Welt auszuhalten, ohne ihn immer gleich begreifen zu wollen. Und gibt es irgendetwas, was Marianne Faithfull nicht aushalten musste?

Den Vorwurf zum Beispiel, lange Jahre nur als Accessoire-Girl und Muse durchs Leben getingelt zu sein ohne Rücksicht auf Verluste. Wahrscheinlich hätte sie auch noch ein paar "Me Too"-Geschichten beizusteuern, doch zu ihrer Form der Selbstermächtigung zählt auch, diesen Teil ihres Lebens nicht länger infrage zu stellen. "Ich war zu hübsch, um alleine gelassen zu werden", sagte sie kürzlich in einem Interview über diese Zeit. Stattdessen hat sie sich in den Wind gestellt und noch mal von vorne angefangen, hat Album um Album aufgenommen, hat mit Beck, Jarvis Cocker, PJ Harvey, Nick Cave und Anna Calvi zusammengearbeitet, hat Songs von Leonard Cohen und Kurt Weill interpretiert, und der ganzen Welt gezeigt, was für eine großartige Sängerin in ihr steckt. Einfach nicht unterzukriegen: The last groupie standing.

Auch deshalb ist es so berührend, sie auf ihrem neuen Album noch einmal "As Tears Go By" singen zu hören, den Song, mit dem vor über einem halben Jahrhundert alles begann für sie. Dieses kleine Lied, mit dem sich die Twens Jagger und Richards in eine Frau hineingedacht haben, die auf ihr Leben zurückblickt. "I sit and watch / as tears go by". Als sie das damals als 18-jährige junge Frau sang, war es ein Gag der Geschichte. Jetzt, in der neuen Version, mit dem Abstand dieses gelebten Lebens, ist es ganz und gar ihr Lied. Das kann ihr keiner mehr nehmen. "Negative Capabilities" ist das Vermächtnis einer Frau, die keine Träume mehr hat, außer dem, einen schönen Tod zu sterben.

Man muss sich Marianne Faithfull als freie Frau vorstellen.

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