Pop Eine Schrippe, bitte!

Herbert Grönemeyer ist auf Tournee. Er sagt in Berlin, dass wir keinen Millimeter nach rechts rücken sollen, und singt sehr schöne Uhs und Ahs.

Von Juliane Liebert

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Schon am Ostbahnhof werden die ersten Rikschas gesichtet, die, laut Grönemeyer-Songs spielend, gen Mercedes-Benz-Arena fahren. Der Wind wird heftiger, die Nazis der Stadt verkriechen sich in ihren Löchern und beten zu Adolf, dass er sie schützen möge, denn Grönemeyer ist in der Stadt — und er ist nicht allein: Die Mercedes-Benz-Arena ist ausverkauft, am 3. September wird es ein zusätzliches Konzert in der Waldbühne geben. Und apropos Mercedes-Benz-Arena:

Liebe Mercedes-Benz-Arena,

ja, Sicherheitsbestimmungen sind wichtig, auch okay, dass man keine "Taschen und Rucksäcke, aber auch Beutel und Plastiktüten, deren größte Seite größer als das Format DIN A4 (21 x 29 cm) ist", mehr mitnehmen darf. Aber, wenn man schon zwangsweise seinen Kram abgeben muss, warum kostet das denn bitte fünf Euro? Verdienen die Garderobenjungs in dem Wellblechcontainer, der als Garderobe dient, einen Zwanni die Minute? Ist der Wellblechcontainer von innen vergoldet? Sollte das nicht kostenloser Service sein, da man ja gar keine Wahl hat? Zwei Euro, okay, drei Euro, okay, aber fünf?

Wie dem auch sei. Nachdem man sich aller Sachen, die größer sind als A4, entledigt hat, spielt auch schon sehr pünktlich Grönemeyer auf, und der ist definitiv größer als A4. Auch anders geformt, nebenbei gesagt. Er stürmt die Bühne, dass man schon vom Zusehen außer Atem gerät, ein kleiner, bauchiger, energisch deutscher Taifun. Er dirigiert das Publikum, die Halle, aber wahrscheinlich auch das Wetter und den Lauf der Gestirne mit Charisma und beschwörenden Handbewegungen, Licht gleißt auf, die ersten drei Songs sind vom letzten Album, "Tumult". Eine kurze Musiklehrer-Einlage, in der er die Zuschauer "Und immer" singen lässt. Hinter ihm eingeblendet die Lyrics: "Jeder braucht ein trautes Umfeld, keiner wohnt für sich / Jeder baut sein Heim als Schutzfeld, baut auf es dich und mich". Ein Mietpreisbremsensong! Das Publikum schlägt sich wacker. Dann, als Belohnung, "Bochum" und "Männer".

Nicht nur die neuen Songs, auch die Klassiker scheinen ihm große Freude zu bereiten. Normalerweise machen neue Songs den Musikern mehr Spaß als dem Publikum, und umgekehrt die alten bekannten dem Publikum, aber nicht den Musikern. Das spürt man bei ihm nicht. Was natürlich auch einfach daran liegen kann, dass er Profi ist, aber man hat keine Sekunde den Eindruck, dass er nicht genau tut, was er will. Der absolute Höhepunkt ist eine epische Version von "Mensch". Im Zwischenspiel albert er mit Gesangesübungen fürs Publikum herum, Call and Response, immer absurdere Herausforderungen vorsingend, die seine Zuschauer wiederholen. Dann hüpft er vom Albernen in ein tiefernst gesungenes "Du fehlst, du fehlst, du fehlst" - und man glaubt ihm, wie könnte man ihm nicht glauben.

Zwischendurch, auf "Mein Lebensstrahlen", gibt es sogar eine 808-Snare und rollende Hi-Hats, eine hier doch sehr unerwartete Trap-Anleihe. Die rollenden Hi-Hats sind sanft und subtil untergebracht - eine moderne Version der Anleihen mexikanischer Musik im Schlager vergangener Dekaden. Bei "Doppelherz" holt Grönemeyer den Rapper und Sänger BRKN zu sich auf die Bühne, der seinen Teil des Stückes auf Türkisch singt.

Für ein so großes Konzert sind wenig Mobiltelefone in der Luft. Der Sänger performt mit der vertraut grönemeyerschen Intonation, oft in der Silbe mit der Stimme nachgedrückt, aber auch mit fantastischen Zwischenlauten, Uhs und Ohs und sogar einem ungestümen Aufjodeln hier und da. Die Balladen lassen einen an Marmelade denken. Selbstgemachte Marmelade. Man sieht Herbert vor sich, wie er einem ein Marmeladenbrötchen reicht. In einem Schrebergarten. Aufrecht, prinzipientreu, bodenständig. Die Zwischenansagen nutzt er für politische Statements. Grönemeyer scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, Stimme des in seinen Augen vernünftigen Teiles der Bevölkerung zu sein, Sänger der Mitte. "Widerstand macht Spaß!" Was in den Flüchtlingsbooten passiert, ist eine Schande für uns Europäer, sagt er. Das hinter ihm eingeblendete Herbert-Grönemeyer-Logo, die ineinander übergehenden Buchstaben H und G mit ihren im Kreis angeordneten Punkten erinnern an die europäische Flagge. Einmal tritt er sehr temperamentvoll gegen einen Luftballon. "Keinen Millimeter nach rechts!", fordert er. Und eine Schrippe, bitte?