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Pop:Ein intimer Abend

Morrissey Debuts On Broadway

Keine Ausrede: Morrissey am Donnerstagabend im New Yorker Lunt-Fontanne Theater.

(Foto: Jason Mendez/Getty Images)

Der britische Sänger Morrissey wurde mit den "Smiths" zu einer Indierock-Ikone der Achtziger. Zuletzt fiel er immer wieder durch rechte Pöbeleien auf. Jetzt gastiert er eine Woche am New Yorker Broadway.

Als Morrissey am Donnerstag im Lunt Fontanne Theatre seine "Broadway Residence" antritt, braucht er eine gute halbe Stunde, bis er sich und sein Timbre richtig gefunden hat. Er überspielt die Schwäche mit trotzigen Diva-Gesten und Schnoddrigkeit, wobei er sich selbst viel weniger ernst nimmt, als seine Fans das tun, die in das rund 1500 Menschen fassende Musicaltheater gekommen waren. Aber vielleicht sollte man ohnehin erst mal bei der Musik bleiben, auch wenn Morrisseys so grobe rechte Haltungen von Anfang an drohend über dem Abend schweben.

Er kann es ja noch. Die Band spielt mit enorm gekonnter, ungestümer Rockabilly-Energie. Und Morrissey kann sich immer noch in Melancholie verlieren wie kaum ein anderer. Nur mit seiner Lakonie scheint er zu hadern. Weil sie eben ein Privileg der Jugend ist und später im Leben schnell zum Gequengel wird. Die Bühneninszenierung fängt das streckenweise gut auf. Ein schlichtes Ensemble aus sieben silbernen Lichtschirmen erzeugt sehr effektiven Minimalismus, und auf dem Videoschirm über der Bühne läuft eine Folge von Bildern, die wie kulturelle Fußnoten funktionieren. Altes Hollywood, Nouvelle Vague, Lenny Bruce, James Dean und immer wieder James Baldwin.

Das Zitieren beschäftigt ihn sehr. Sein neues Album "California Son" besteht ausschließlich aus Coverversionen von Songs aus den Sechzigern und Siebzigern, aus jener Zeit, als Pop vor allem aus Sehnsucht bestand und Lakonie noch ein Frevel war. Auf zwei davon beschränkt er sich an diesem Abend. Mit "Morning Starshine" widmet er sich einmal mehr dem in Vergessenheit geratenen Glamrocker Jobriath, der in den Siebzigern mal Amerikas Antwort auf David Bowie sein sollte, aber dann doch nur eine tragische Figur war. Und Chrissie Hyndes "Back on the Chaingang" kündigt er mit den Worten an, das sei von einer der größten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts geschrieben. Sonst bleibt er die mehr als zwei Stunden im Repertoire, das gerade die von ihm erwarten, denen das Tränen der Nostalgie in die Augen treibt.

Eine Woche lang gastiert Morrissey gerade am Broadway, es ist so eine Art Kunstpause auf seiner aktuellen Welttournee. Eigentlich sind solche längeren Gastspiele eine Tradition aus Las Vegas, die damit begann, dass der selbst für heutige Verhältnisse äußerst exaltierte Unterhaltungsklavierspieler Liberace von 1944 an über Jahre hinweg fast jeden Abend im Riviera Hotel auftrat, und in den Fünfzigern dann Frank Sinatra und Elvis Presley entdeckten, dass man auf diese Weise sehr viel Geld verdienen kann, ohne anstrengende Konzertreisen machen zu müssen.

Im Jugendwahn des Popzeitalters war es dann lange verpönt, in Vegas aufzutreten. Die Kasinos waren lange als Austragshäuser für alternde Zauberer und Komiker verschrien. Bis das Hard Rock Cafe Hotel wieder Bands in die Stadt brachte, und bis vor allem Celine Dion 2003 das Vegas-Gastspiel wiederbelebte und seither mit mehr als tausend Shows weit über eine halbe Milliarde Dollar eingenommen hat. Es folgten Star-Kollegen wie Elton John, Britney Spears oder Jennifer Lopez.

Im vergangenen Jahr trat dann Bruce Springsteen in New York die bislang erste "Broadway residence" eines Rockstars an. Im Walter Kerr Theatre spielte er mit 236 Auftritten immerhin 113 Millionen Dollar ein. Das ist zwar nicht so viel, wie Billy Joel mit seinem Stadion-Gastspiel umsetzt, das er seit 2014 im Madison Square Garden innehat. Aber Springsteen ging es am Broadway trotz seiner für Theaterverhältnisse horrenden Einnahmen nicht ums Geld, sondern darum, sich als Stadionstar noch einmal auf seine ursprüngliche Rolle als Liedermacher zu besinnen.

Dazu kommt, dass es am Broadway historischen Mehrwert gibt und in Las Vegas am Ende doch nur Kasinos. Springsteen und Morrissey allerdings funktionieren anders als am Broadway üblich. Es beflügeln sich zwei Welten, die beide etwas gealtert sind. Die Rockstars stehen vor allem mit ihren Texten für eine Tiefe, die am Broadway zuletzt dem reinen Vergnügen geopfert wurde. Der Broadway wiederum bietet den Rockstars einen Platz in der Theatergeschichte, die zeitloser ist, als Rock und Pop es sind. Nebenbei kommen sich Star und Publikum viel näher als im Stadion, was auch eine feine Sache ist. Mal davon abgesehen, dass diese Fans in einen Alter sind, in dem sie sich die Eintrittskarten für drei- bis vierhundert Dollar leisten können.

Morrissey kündigt sein Gastspiel auch mit dem Untertitel "An intimate evening" an. Es ist nun nicht so, dass ihm sein Publikum die immer häufigeren rechten Ausfälle dezidiert übel nimmt, also sein Kokettieren mit nationalistischen Parteien und seine Interviews, in denen seine Misanthropie, für die man ihn so lange gefeiert hat, hin und wieder in Menschenverachtung umschlägt. Die meisten würden das eigentlich gerne verschweigen. Es ist aber leider nicht so einfach. Eigentlich ist es sogar höchst kompliziert. In Deutschland und bald auch im Rest der Welt wurde es einer breiten Öffentlichkeit vor knapp zwei Jahren bewusst. Da gab er der Kollegin Juliane Liebert ein Interview, das im Spiegel erschien und auf Englisch kurz danach bei Spiegel Online. Darin schimpfte er zwar über Donald Trump und Theresa May, verhöhnte jedoch auch Opfer aus "Me Too"-Fällen, bejubelte den Brexit als Befreiungsschlag und behauptete, Berlin sei wegen Merkels Flüchtlingspolitik zur Vergewaltigungshauptstadt geworden.

Hinterher wollte er alles nicht so gesagt haben. Aber als Spiegel Online den unbearbeiteten Audiomitschnitt des Interviews veröffentlichte, wusste man: Doch, genau so hatte er es gesagt. Und es klang, als meinte er es alles auch so.

Was die Geschichte noch verzwickter macht, ist der Widerspruch, dass er sich in Kanada, wo seine Welttournee vergangene Woche begann, als Linksradikaler Feinde bis in die obersten Regierungskreise gemacht hat, weil er sich seit fast zwanzig Jahren weigerte, dort aufzutreten, solange das Land die Seehundjagd erlaube. Denn es gibt nur wenige Dinge, die ihm als Veganer so am Herzen liegen wie der Tierschutz. In New York zeigt er zu "The Bullfighter Dies" brutale Stierkampfbilder.

Man kann das alles ideologisch durchleuchten, dann merkt man rasch, dass er sich eigentlich immer treu geblieben ist. Er war ja nie ein Linker, auch wenn Rockfans ihre Stars in der Regel dort verorten wollen. Das war in den Achtzigern, in denen er mit den Smiths groß wurde, eine Haltung für Alte und Humorlose. Morrissey war schlicht immer "anti-establishment". Das ist ein großer Unterschied. Weil man so in einem linksliberalen Status quo entweder selbst zum Establishment gehört. Oder eben nach rechts rutscht. Das passiert nicht oft. Aber es passiert. Brigitte Bardot ist noch so ein Beispiel dafür, dass eine Ikone der linken Sechziger über den Tierschutz in den Nationalismus abglitt.

Ob das etwas mit dem Alter zu tun hat? Morrissey wird am 22. Mai 60, ein Alter, in dem sich viele entscheiden, ob sie ihren Endspurt mit zufriedener Altersmilde angehen oder als Wutbürger. Morrissey hat sich sehr deutlich entschieden. Und dann spielt er "Trouble Loves Me" mit der ganzen Inbrunst tiefster Melancholie. Es kommt an diesem Abend kein politischer Kommentar mehr, keine Anspielung. Als hätten ihn die Debatten so erschöpft wie sein Hadern mit der Rolle des Lakonikers. Die Bilder, die einem dann durch den Kopf gehen, haben auch definitiv nichts mit Politik zu tun. Aber das ist auch keine Ausrede.

© SZ vom 04.05.2019

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