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Pop:Du bist so naiv, naiv, naiv

Konzert  von Andreas Dorau, Kulzurbrauerei, Palais, Popkultur 1017

Hitmeister? Andreas Dorau bei seinem Auftritt in Berlin.

(Foto: Roland Owsnitzki)

Das Berliner Festival "Pop-Kultur" endet mit einem Experiment von Andreas Dorau: ein ganzer Abend nur mit Refrains!

Von Jan Kedves

Wenn ein Kartoffelchip die Zunge zum Bitzeln bringt und die Süße, das Salz, das Fett und die Geschmacksstoffe gleichzeitig in die Geschmacksknospen schießen, dann erlebt man im Mund das, was in der Lebensmittelindustrie "bliss point" heißt. Rezepte für solche oralen Glücksmomente werden in den Laboren der Snack-Industrie akribisch orchestriert mit dem Ziel, dass es nicht bei einem singulären "bliss point" bleibt, sondern man die ganze Chipstüte auffuttert.

Weil es um sinnlichen Genuss geht und um die Erzeugung des Wunschs, ihn möglichst oft zu wiederholen, wird der Begriff auch in der Pop-Industrie gern verwendet. Der "bliss point" ist im Pop-Song jener Moment, in dem das Zusammenspiel von Melodie, Instrumentierung, Rhythmus und Reim im Kopf eine solche Intensität an Wohlklang triggert, dass die Endorphine kaum hinterherkommen. Solche Momente finden sich typischerweise im Refrain, dem wiederkehrenden Höhepunkt eines Songs. Ein Höhepunkt ist schnell vorbei, weswegen heute gern verschiedene Refrains hintereinander gehängt werden. Multiple Ohrgasmen, sozusagen.

Das derzeit beste Beispiel ist der Sommerhit des Jahres, die Latin-Pop-Ballade "Despacito" von Luis Fonsi feat. Daddy Yankee, die in fast 50 Ländern der Welt auf Platz 1 steht (in Deutschland gerade auf Platz 2 abgerutscht). In dem Song wird der "bliss point" zunächst hinausgezögert: Die erste Strophe mündet nicht schnurstracks im Refrain, sondern es werden erst noch zwei leere Schläge dazwischengeschaltet, wohinter natürlich die Absicht steht, den Hörer noch ein bisschen zappeln zu lassen - bevor es dann zum reinrummsenden Reggaeton-Beat und der absteigenden und sich dann wieder emporschraubenden Melodie endlich heißt: "Despacito", immer mit der Ruhe, "quiero respirar tu cuello despacito", ich will doch nur meinen heißen Atem deinen Hals runterschicken, und so weiter, es geht natürlich um Sex. Man befindet sich hier im Übrigen erst im sogenannten Prä-Refrain, dahinter kommt noch der eigentliche Refrain, der zwar nicht so memorabel ist wie der Prä-Refrain, aber: Er hält die Energie oben.

Kurz: Perfekte Pop-Refrains sind eine Wissenschaft für sich. Deswegen schien es inhaltlich sehr naheliegend und zum Konzept eines Festivals wie "Pop-Kultur" in Berlin, das nicht nur normale Konzerte programmiert, sondern neben Panels, Workshops und Ausstellungen auch spezielle Bühnenprogramme rund ums Thema Pop in Auftrag gibt, sehr passend, als der Hamburger Popsänger Andreas Dorau ankündigte, zum Abschluss des Festivals am Freitagabend nichts als Refrains singen zu wollen. "Die Essenz von Hits in kurzen Miniaturen", versprach das Programmheft.

Dorau versteht ja etwas vom Fach, er hatte schon ein paar Chart-Hits, auch wenn die ein wenig zurückliegen. "Fred vom Jupiter, Fred vom Jupiter, der Traum aller Fraun, du machst mich schwach (klatsch-klatsch)" - die Melodie dieses Dorau-Klassikers hat wirklich jeder sofort im Kopf, sofern er in den Achtzigern in Westdeutschland schon gelebt hat. Das gehört ja zu einem guten Pop-Refrain dazu: dass man nur die Worte zu lesen braucht und die Musik schon innerlich losdudelt. So stand man also voller Neugier, ob die schöne Idee aufgehen und man Andreas Doraus Refrains ohne Strophen überhaupt erkennen würde, in der Berliner Kulturbrauerei.

Höhepunkt hinter Höhepunkt? Ohne Intros, Bridges und all die anderen Teile eines Popsongs, die nicht direkt den "bliss point" auslösen - könnte das funktionieren? Um es kurz zu machen: Es funktionierte nicht. Was zum einen daran lag, dass Dorau die Refrains seiner größten Hits zu Hause gelassen hatte. Kein "Fred vom Jupiter", kein "Das Telefon sagt du", kein "Girls In Love", der Disco-Song, der ihn 1996 in Frankreich zum Top-Ten-Star machte. Zum anderen lag es daran, dass Dorau und seine sehr tight eingespielte und in hellblauen Oberhemden adrett uniformierte Herrenband die Refrains nicht so kurz spielten, wie sie normalerweise in Songs vorkommen, sondern sie wiederholten und jeweils auf zwei Minuten ausdehnten. Die versprochenen Hit-Essenzen waren also: gestreckt. Da konnten die bezaubernd strenge Pola Schulten von der Band Zucker und der bezaubernd coole Justus Köhncke, die nacheinander als Verstärkung auf die Bühne kamen, noch so ihr Bestes geben, manche der Refrains klangen gar nicht mehr nach Refrains, sie hätten auch Strophen sein können, oder vielleicht waren es einfach keine besonders raffiniert konstruierten Refrains?

Der Auftritt war so gesehen eine Enttäuschung - aber er ließ einen doch darüber nachdenken, dass der Glücksmoment eines Refrains sich zum nicht unerheblichen Teil aus der Vorfreude darüber speist, dass gleich der Refrain kommt. Ein Refrain allein macht noch kein "bliss", ein Popsong ist kein Kartoffelchip. Der einzige Refrain des Abends, der länger im Ohr blieb, war der, bei dem Andreas Dorau immer wieder sang: "Du bist so naiv ... naiv .... naiv".

© SZ vom 28.08.2017
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