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Pop:Die Weltverbesserin

Diskursrockerin Bernadette La Hengst stellt ihr neues Album vor

Bernadette La Hengst

Musikerin, One-Woman-Show, Politaktivistin: Bernadette La Hengst hat seit den Neunzigerjahren nicht nur die deutsche Popszene geprägt.

(Foto: Jasper Kettner)

Letztens erwähnte Tilman Rossmy von Die Regierung in München, dass die sogenannte Hamburger Schule gar nicht aus Hamburg stammt. Schließlich seien er und andere Protagonisten dieses dort verorteten Diskursrocks erst in die einstige Brutstätte der Beatles gezogen. Etwa die Betreiber des westfälischen Labels "Fast Weltweit". Auf diesem in Bad Salzuflen betriebenen Kassettenlabel waren nämlich schon Frank Spilker von Die Sterne, Jochen Distelmeyer von Blumfeld und Bernd Begemann von Die Antwort aktiv. "Nur ein Mädchen ist auch da: die Tochter des Orthopäden aus der Osterstraße, Bernadette Hengst. Schreibt, singt, spielt Gitarre und Akkordeon. Beeindruckt alle. Wird später Die Braut haut aufs Auge gründen", erinnert sich Begemann in einem Aufsatz über die ostwestfälische Keimzelle des Diskursrocks. Nur haute die hier erwähnte Braut zwar nicht "aufs" sondern "ins" Auge. Das Alleinstellungsmerkmal "weiblich" in einer von Jungs geprägten Szene blieb Bernadette La Hengst, wie sie sich später nannte, allerdings noch lange.

Nachdem sie erst als Schauspielerin in Berlin lebte, gründete sie in Hamburg besagte Die Braut haut ins Auge. Gleichzeitig ging Bernadette La Hengst bei den Mobylettes einer modernen Beatmusik nach und spielte unter anderem in Knarf Rellöms Band Huah! mit. Zudem unterstützte sie mit ihrer Agentur BH Booking befreundete Musiker, darunter die Schweizer Band Aeronauten, mit deren Sänger Guz sie und Knarf Rellöm 2010 ein Album und eine Tournee lang in der Supergroup Die Zukunft spielte. Auf deren Konzerte konnte man die Multi-Instrumentalistin und Sängerin aufgrund des permanenten Instrumentenwechsels innerhalb der Band übrigens auch als Schlagzeugerin brillieren sehen. Das ist interessant, weil die seit der Auflösung der Braut als Solokünstlerin aktive Musikerin die Rhythmen live zumeist über entsprechende elektronische Instrumente gewinnt. Denn wo sie sich anfangs noch von Begleitmusikern unterstützen ließ, entwickelte sich Bernadette La Hengst bald schon zu einer One-Woman-Show, in der die Sängerin mit Synthie-Klängen, Keyboards und Gitarrensoli förmlich auf der Bühne jonglierte.

Statt allein unter Jungs stand sie nun also ganz allein auf der Bühne und sang darüber, was es bedeutet, "Rockerbraut und Mutter" zu sein. Man darf zu den bereits genannten Aktivitäten noch ihre zahlreichen Theaterprojekte, den Chor Schwabinggrad Ballett und ihren noch fertigzustellenden Dokumentarfilm über die Frauenbandlegende Liverbirds zählen, aber Bernadette La Hengst ist auch stolze Mutter.

Das alles muss mitbedacht werden, um wertzuschätzen, was der Grande Dame des deutschsprachigen Diskursrocks mit ihrem neuen, diesmal mehrsprachigen Album "Wir sind die Vielen", erschienen bei Trikont, gelungen ist. Darauf positioniert sie sich nicht nur mit Statements wie "Meine Werte lass ich mir von euch nicht verbieten" gegen Nazis. Nein, Bernadette La Hengst, die dem zur Ausgrenzung verkommenen Slogan "Wir sind das Volk" mit einem weltoffenen "Wir sind die Vielen" begegnet, lässt auch andere, die zum "Wir" gehören, zu Wort kommen. Inspiriert von der Band Embryo fuhr La Hengst mit einem zum Tonstudio umgebauten Bus durch Europa und Marokko, wo sie während ihrer Reise Passanten zum Tee oder Kaffee lud, um nun mit ihnen gemeinsam an neuen Songs zu basteln.

Das Ergebnis ist eine musikalische Klangreise durch fremde Kulturen, wunderbar bereichert etwa von der Oud-Spielerin Youmna Saba. Ebenso selbstbewusst wie verantwortungsbewusst verteidigt Bernadette La Hengst aber auch in vermeintlich fremden Kulturen ihre Werte: "Mir wird erzählt, dass Frauen nicht alleine durch die Straßen gehen sollen. Ich tu es trotzdem", berichtet sie in "Gheda Inchalla" über Casablanca. Zuvor aber überlässt sie Sänger Ezé Wendtoin aus Burkina Faso das Mikrofon, dessen Sprachmelodie erst die Straßen Casablancas bereitet, in die Bernadette La Hengst ihre Hörer lockt. Nichts beschönigend und trotzdem zuversichtlich. So, wie sie auch mit ihren Kampagnensongs für den Klimaschutz, die sie gemeinsam mit Kinderchören singt, an der Möglichkeit einer besseren Welt festhält.

Aus Anlass des Internationalen Frauentags präsentierte La Hengst ihre neuen Lieder schon mit der Cellistin Claudia Widemer auf dem "Sie Inspiriert Mich"-Festival in der Muffathalle. Nun folgt im Unter Deck die eigentliche Album-Präsentation, zusammen mit Widemer sowie mit der Saxofonistin Samantha Wright und der Posaunistin Sonja Beeh, mit denen Bernadette La Hengst auch in David Bowies Musical "Lazarus" spielt.

Bernadette La Hengst , Mi., 24. April, 20 Uhr, Unter Deck, Oberanger 26

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