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Pop:Die größten Hits und das Beste von heute

Drei amerikanische Neurowissenschaftler sind der Frage nachgegangen, ob erfolgreiche Popsongs harmonisch einfallslos sind - oder doch viel origineller als gedacht.

Von Jens-Christian Rabe

Der Pop genießt nicht gerade den Ruf, eine harmonisch besonders ausgefuchste Musik zu sein. Nicht ganz zu Unrecht. Es gilt die alte Gitarrenlehrerdevise, dass man in dem Moment, in dem man gerade einmal fünf oder sechs Akkorde beherrscht, schon 60 Prozent der größten Hits aller Zeiten problemlos spielen kann. Mindestens. Verbreitet ist daher auch die Ansicht, dass Popsongs immer dann besonders erfolgreich sind, wenn sie vor allem mehr von dem bieten, was das Publikum schon kennt. Also Kombinationen der bewährten Akkorde. Harmonien für Millionen.

Nach einer großen neuen Studie über den Zusammenhang von harmonischer Orginalität und Erfolg im Mainstream-Pop liegt der Fall jetzt allerdings nicht mehr ganz so klar. Die drei Neurowissenschaftler Scott A. Miles, David S. Rosen und Norberto M. Grzywacz, die an der amerikanischen Universität Georgetown in Washington lehren, haben die Studie in der Zeitschrift Frontiers in Human Neuroscience vorgestellt. Ausgangspunkt der Forscher waren dabei weniger unmittelbar musiktheoretische Fragen als die Beobachtung, dass es in der Neurowissenschaft bislang zwar reichlich Arbeiten darüber gibt, wie Musik die Belohnungszentren im Gehirn stimuliert, aber immer noch wenig darüber bekannt ist, wie die Musik, die die neuronale Belohnung auslöst, strukturell eigentlich genau beschaffen ist.

Der Aufsatz trägt den unvergleichlich trockenen Titel "A Statistical Analysis of the Relationship between Harmonic Surprise and Preference in Popular Music" und ist als Strandlektüre eher ungeeignet. Es ist kein eleganter Essay, sondern ein klassischer wissenschaftlicher Artikel von Forschern für Forscher, mit vielen mathematischen Formeln, einem ausführlichen Teil über methodische Feinheiten und detaillierten Erläuterungen zum Stand der Forschung. Vom denkbar populären Untersuchungsgegenstand - Transkriptionen von 734 Songs aus den amerikanischen Billboard-Hot-100-Single-Charts von 1958 bis 1991 - bleibt letztlich nichts übrig als eine Menge an Daten, mit der möglichst objektiv und nachprüfbar die Frage beantwortet werden soll, ob erfolgreichere Songs mehr harmonische Überraschungen beinhalten als weniger erfolgreiche.

Über die Operationalisierung der Fragestellung, also die Übersetzung in eine Formel, mit der Daten dann auch tatsächlich statistisch befragt werden können, würde man aus dem Text womöglich gerne etwas mehr erfahren. Mit anderen Worten: Über die Gretchenfrage, was genau eigentlich in einem Song eine "harmonische Überraschung" ist, lässt sich auf künstlerischer Ebene vermutlich nicht nur unter Musikwissenschaftlern eine gute Weile heftig streiten. Den sparsamen Hinweisen in dem Artikel lässt sich immerhin entnehmen, dass für das Forscherteam die entscheidenden Variablen waren, wie viele und wie viele verschiedene Akkorde ein Song enthält und wie oft sie jeweils auftauchen. Zudem spielt eine Rolle, inwieweit - entsprechend der Harmonielehre - ein Akkord im Songzusammenhang gewöhnlich oder eben eher ungewöhnlich erscheint.

Aber endlich zum Ergebnis: Die erfolgreicheren der untersuchten Popsongs zeichnen sich tatsächlich durch eine moderate größere harmonische Originalität aus, wenigstens nach Miles, Rosen und Grzywacz. Interessant wäre hier im Anschluss eine Antwort auf die - zugegeben schwer operationalisierbare - Frage, wie stark sich Chart-Popsongs und Nicht-Chart-Popsongs in ihrer harmonischen Originalität unterscheiden. Da könnte es dann schon wieder geschehen sein um die kleine Rehabilitierung des Mainstream-Pop.

Ganz abgesehen davon, dass jedem Popisten die Haare zu Berge stehen dürften bei der Art, wie schmerzlos Pop in der Studie auf seine Harmonik reduziert wird, obwohl einen wesentlichen Teil seiner Originalität ganz anderes ausmacht: Performance, Rhythmik, Sound zum Beispiel. Gegen die Schlaumeier, für die ja gerne alles Neue immer wie irgendetwas klingt, was sie längst zu kennen behaupten, kann man zur Abwechslung aber auch den vorbildlich skrupulösen Blick der Studie aus Washington für die feinen Unterschiede im Pop loben.

© SZ vom 31.08.2017
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