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Pop:Der Sex-Appeal der Distanziertheit

PAAR

Diese drei sind "Paar": Rico Sperl, Matthias Zimmermann und die Sängerin Ly Nguyen. Sie leben in München.

(Foto: Michele DiDio)

Wer die neue Platte der Band "Paar" hört, kann an einer Quarantänezeit nichts mehr auszusetzen haben. Sie heißt "Die Notwendigkeit der Notwendigkeit" und bietet dunkel schimmernde, hypnotische Musik. Produzent ist der Künstler Gregor Hildebrandt.

Von Peter Richter

Das Letzte, was noch stattfinden durfte, bevor der Berliner Kulturbetrieb stillgelegt wurde, war die Ausstellungseröffnung von Gregor Hildebrandt in der Galerie Wentrup. Noch wurden Küsse neben die Ohren gehaucht und Schultern beklopft. Avantgardisten der Gefahr begrüßten sich schon nur noch mit dem Ellenbogen, ostdeutsch Sozialisierte entsannen sich der Thälmann-Faust. Aber noch stand Gedränge für Anteilnahme. Vor allem vor den nachgemachten Mondrians gab es Stau, auf denen Hildebrandt alle farbigen Linien mit Tonbändern aus Musikkassetten ersetzt hatte. Hildebrandts Arbeiten sind meistens aus solchen Tonbändern gemacht, manche auch aus Schallplattenvinyl. Und während sich die Betrachter fragten, welche Musik wohl für immer eingesperrt sein mag in Hildebrandts Tonträgerskulpturen, drückte der Künstler hinten im Büro manchem eine ganz frisch gepresste Schallplatte in die Hand. "Die neue Paar", flüsterte er dazu feierlich.

Wer sie heimgetragen hat, kann an einer Quarantäne nichts mehr auszusetzen haben, so hypnotisch ist diese Platte: Erste Seite anhören, umdrehen, zweite Seite anhören, dann wieder von vorne, mehr Bewegung braucht kein Mensch in diesen Tagen. Es bringt noch nicht einmal was, Paar zu googeln, man landet dann nur auf traurigen Dating-Portalen, und wer weiß, vielleicht gehört auch das schon zum Konzept, jedenfalls passt es zur kühl vor sich hinperlenden Einsamkeit der Musik.

Was man über diese sich verschlossen gebende Band wissen darf, ist mehr oder weniger lediglich dies: Die Sängerin Ly Nguyen und die beiden Instrumentalisten Rico Sperl und Matthias Zimmermann leben in München, Nguyen und Sperl studieren dort an der Kunstakademie bei Gregor Hildebrandt, der gleichzeitig ihr Plattenboss ist, seit er "Grzegorzki Records" gegründet hat, um selber die Musik herausbringen zu können, von der er findet, dass sie herauskommen sollte. Dass erfolgreiche Kunstprofessoren ihre privilegierte Position nutzen, um nebenher als Labelbetreiber zu tun, was die Musikindustrie aus eigener Kraft kaum noch hinkriegt, wird damit langsam zu einer schönen Tradition. Kollege Daniel Richter macht das ja mit Buback Records (Goldene Zitronen, Jan Delay, Schnipo Schranke) schon lange.

Dass Kunstakademien Pop- und Rockbands hervorbringen, ist eine schöne Tradition

Ebenfalls eine schöne Tradition ist es, dass Kunstakademien Pop- und Rockbands hervorbringen. Vor allem in England galt das einem berühmten Wort von David Bowie zufolge als deren eigentliche Leistung. Und die Frage ist nur die, wie wundersam sich da die ästhetischen Affinitäten sortieren. Denn die Musik von Paar schimmert offen gesagt genauso dunkel und elegant im Licht wie die Tonbandskulpturen ihres Professors. Jedenfalls klingt sie so, wie man sich ein zeitgenössisches Amalgam der Tonspuren aus dem Archiv eines Künstlers vorstellt, der seinerseits in den Achtzigerjahren mit gurgelndem Post-Punk aus England groß geworden ist.

Wer sich vorstellen kann, dass es reizvoll gewesen wäre, wenn, sagen wir, Siouxsie von den Banshees den Gesang bei Southern Death Cult übernommen hätte, während im Nebenraum And Also the Trees eine Coverversion von Joy Division als "Social Distancing"-Remix abmischen: der wird sich auch vorstellen können, die nächsten vierzig Tage am Stück zu dem melodisch pluckernden Minimalismus von Paar seine Runden durchs Wohnzimmer zu drehen - als Selbstumarmer in imaginären Trockeneisnebeln, wie einst bei den Balztänzen zur Zeit des New Wave. Es gibt praktisch keine Musik, die den Sex-Appeal von Distanziertheit besser ausdrücken würde und damit zeitgemäßer wäre als diese. "Die Notwendigkeit der Notwendigkeit" heißt vollkommen folgerichtig die Schallplatte, deren Cover im Übrigen auch eine Arbeit von Hildebrandt und seinen Studenten ist.

Der Labelchef sagt zwar, dass die Titel demnächst auch bei einem irrsinnig unsympathischen Onlineportal aus Schweden zu hören sein sollen, das Musiker mit Krumen abspeist, seine Nutzer hingegen für die dürren Musikstreams nicht nur mit Geld, sondern auch mit ihren persönlichen Daten bezahlen lässt. Aber man kann es in diesen Tagen gar nicht oft genug sagen: Wer moralisch und ästhetisch dermaßen heruntergekommen ist, dass er solche Streamingportale im Ernst für eine irgendwie akzeptable Form des Musikkonsums hält, der tätschelt auch Rentnern die Hand und hustet Kassiererinnen ins Gesicht. Menschen mit Stil und Selbstwertgefühl kaufen Paar selbstverständlich nur auf Vinyl. Tonband wäre natürlich noch schöner, gibt es aber leider nicht mehr; das hat Hildebrandt alles schon verklebt.

Paar: Die Notwendigkeit der Notwendigkeit. Grzegorzki Records.

© SZ vom 08.04.2020

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