Süddeutsche Zeitung

Pop:Der Klang des Scheiterns

Patrick Wagner war Sänger bei "Surrogat" und Labelchef - mit seiner neuen Band "Gewalt" liefert er Krach und Pathos

Es ist eine Größenordnung und Sache, die wir definitiv nicht können." Das hatte Patrick Wagner in einem Newsletter prophezeit, bevor er im Oktober in Berlin, München und Dortmund mit seiner neuen Band Gewalt im Vorprogramm von Jack White spielte. Und natürlich hatte er damit irgendwie recht, schon weil der ruppige Noiserock von Gewalt doch eher in kleine Schuppen wie das Kafe Kult passt, wo Patrick Wagner, die Gitarristin Helen Henfling, die Bassistin Yelka Wehmeier und der Drumcomputer DM1 an diesem Mittwoch auftreten. Ein bisschen kleinmütig klang der Satz dann aber trotzdem, für jemanden, der sich früher mal das Kürzel gaG gab, kurz für: "größer als Gott".

Früher, das war in den Neunziger- und frühen Nullerjahren, als der 1970 in Karlsruhe geborene Wagner als Sänger der Berliner Noise-Band Surrogat Sätze wie "Ich hasse meine Generation" und "Sind wir unten - ist unten oben" heraushaute und mit vor sich her getragenem Größenwahn der Hamburger Schule Paroli bot. Parallel dazu leitete er von 1993 an mit Raik Hölzel Kitty-Yo: eines der wichtigsten europäischen Independent-Labels, in dessen Programm sich Namen wie Peaches oder Jeans Team fanden. Bis sich beide über die Richtung uneins waren. Wagner war für Expansion, Hölzel für Bestandswahrung. Die Folge war, dass Wagner 2001 bei Kitty-Yo ausstieg.

Drei Jahre später rief er mit seiner Frau Yvonne das ebenfalls feine Indie-Label Louisville Records ins Leben, das mangels ausreichender Verkaufszahlen im Jahr 2010 dann aber Pleite ging. Mit Surrogat, die mal als "deutsche Shellac", mal als "bessere Tocotronic" und am Schluss als "deutsche AC/DC" galten, war da ebenfalls schon lange Schluss. "Ausgelaugt" hieß der offizielle Grund, warum sich Patrick Wagner, Gitarrist Herman Halb, Bassist Tilo Schierz-Crusius und Schlagzeugerin Mai-Ling Truong 2003 trennten.

Die Folgen des Louisville-Schlamassels: Schulden ohne Ende, die Ehe ging zu Bruch. Ein tiefer Fall und eine Zeit, in der Wagner angeblich jahrelang nur die Wand anstarrte. Über diese Zeit hat Wagner offen und ehrlich bei einer der sogenannten "FuckUp Nights" in Düsseldorf erzählt. Einer Art Loser-Slam, wo verkrachte Existenzen die Geschichte ihres Scheiterns schildern. Eine Erfahrung, die bei Wagner offenbar großen Eindruck hinterließ, weil der das Format mit zwei Partnern nach Berlin holte, und nach langer Pause wieder zur Musik fand.

Und jetzt also Gewalt. Ein Mann, zwei Frauen, ein Drumcomputer sowie das auf der eigenen Bandcamp-Seite formulierte Ziel, "mit größtmöglicher Wucht und Nachdrücklichkeit die Unmöglichkeit und gleichzeitig Unumgänglichkeit des Seins" zu formulieren. Konkret bedeutet das: viel Krach, viel Pathos und sechs EPs, die inzwischen erschienen sind. Mit Liedern drauf, in denen Wagner ebenfalls das eigene Scheitern verhandelt. Was dazu führt, dass man das angekündigte Scheitern bei den Konzerten mit Jack White doch etwas anders liest.

Das mit Jack White kam übrigens über dessen Agenten zustande, der Gewalt beim Reeperbahn-Festival gesehen und sie White als Vorband vorgeschlagen hat. Und der war von dieser Idee nicht nur sehr angetan, sondern hat laut Wagner beim Konzert in Dortmund sogar den Gewalt-Song "Szene einer Ehe" anzitiert. "Was uns durchaus den Bauch gepinselt hat". Ansonsten fand er es interessant, wie ihre Musik "das Meer" gespalten hat. Tatsächlich konnte man danach von "verständnislosen" Gesichtern lesen. Aber auch, dass der Auftritt von Gewalt viel besser als der von Jack White war.

Gewalt, Mittwoch, 14. November, 20.30 Uhr, Kafe Kult, Oberföhringer Straße 156

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Quelle:
SZ vom 14.11.2018
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