Pop Das schönste musikalische Krisendokument unserer Tage

Fünf Käuze in einem Raum: Die Band "Fleet Foxes" hat ihr neues Album nach F. Scott Fitzgeralds Essay "The Crack-Up" benannt.

(Foto: Shawn Brackbill/Warner Music/dpa)

Vier Jahre lang suchten die Fleet Foxes ihren Lebenssinn jenseits der Musik. Das Ergebnis: Eine Identitätskrise und ein meisterhaftes neues Album namens "Crack up".

Von Martin Pfnür

Als die Fleet Foxes im Sommer 2013 eine Facebook-Nachricht absetzten, in der sie unter dem Titel "Step one" einen Laptop, eine Gitarre und ein Mikro präsentierten, schien ihre Erfolgsgeschichte in geregelten Bahnen zu verlaufen. Zwei Jahre zuvor hatte das Quintett aus Seattle eine Indie-Renaissance des Folk mit dem Album "Helplessness Blues" noch befeuert, die es selbst 2008 mit einem melodieverliebten Debüt angezettelt hatte. Nun, 2013, sollte also endlich neue Musik folgen von dieser begabten Band, die mit ihren baroque harmonic pop jams, wie sie ihre Stücke bezeichnen, die Schönheit des Harmoniegesangs mit einer entfesselt geschrubbten akustischen Gitarre auf ganz eigene Weise zu verknüpfen versteht.

Allein, es kommt dann doch alles ganz anders. Zermürbt vom Lagerkoller einer Welttournee nach "Helplessness Blues" geht man nach den letzten Konzerten im Frühjahr 2012 tatsächlich ein wenig auf Abstand. Drummer Joshua Tillman steigt sogar ganz aus, um sich bald darauf als Father John Misty neu zu erfinden, während Sänger und Songwriter Robin Pecknold - ein zauseliger Grübler, der schon in den "Helplessness Blues"-Lyrics einen Hang zu existenziellen Sinnfragen aufzeigte - seinen Bart ab- und die Band auf Eis legt, um sich für ein Studium an der New Yorker Columbia Universität einzuschreiben. "Step one"? Das war wohl nichts weiter gewesen als ein unausgereiftes Versprechen, das man allzu früh gegeben hatte.

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Er habe damals nach einem Lebenssinn jenseits der Musik gesucht, habe sich fordern wollen, indem er die US-Küsten wechselte und sich eine "neue Identität" verpasste, sagt der heute 31-jährige Pecknold. Semester für Semester schreibt er sich in New York für Seminare in Literatur, Kunst und Musik ein, sucht die Isolation, wirft sich in die wissenschaftliche Arbeit. Und doch: Zweifel am Sinn auch dieses neuen Lebens bleiben. Mehr noch, diese Zweifel führen ihn sogar in eine mehrjährige Identitätskrise. Eine, die sich nun im Titel eines kaum mehr erhofften Comeback-Albums "Crack-Up" (Nonesuch Records/Warner Music) widerspiegelt, das gerade gegen alle Erwartung doch noch erschienen ist.

"Crack-Up", das lässt sich als Verb mit "in Stücke gehen" übersetzen, meint aber einen mentalen Knacks. Einen, wie ihn F. Scott Fitzgerald 1936 in seinem um Selbstzweifel nach dem großen Erfolg kreisenden Lebenskrisen-Essay "The Crack-Up" beschreibt. Ein Text, in dem sich Pecknold offenbar derart klar wiedererkennt, dass er dessen Kerngedanken als strukturelle Blaupause für das Album übernimmt: "Merkmal einer besonderen Intelligenz", schreibt Fitzgerald, "ist die Fähigkeit, zwei konträre Ideen zur selben Zeit im eigenen Kopf zu haben und dabei immer noch zu funktionieren."

Nun mag sich Fitzgerald auf Antagonismen wie jene zwischen absoluter Hoffnungslosigkeit und unbedingtem Willen zum Weitermachen beziehen. Doch lässt sich die Sache mit den beiden konträren Ideen auch klar auf "Crack-Up" heraushören: Das Non-Lineare, der abrupte Rhythmuswechsel und das Spiel mit der Dynamik gehören hier zum Prinzip wie die Repetition und das Crescendo. Gleich der Opener "I Am All That I Need / Arroyo Seco / Thumbprint Scar" gibt in einer clever collagierten Suite die Richtung vor. "I'm all that I need and I'll be till I'm through", murmelt Pecknold da vor einer verwaschenen Klanglandschaft, etwa: "Ich bin mir selbst so lange genug, bis es mir reicht." Doch dann verwandelt sich der Song plötzlich in ein prasselndes Gewitter akustischer Gitarren, dessen Rauschen die Band immer wieder mit Fragmenten aus dem Song-Beginn kontrastiert.

"Ich bin mir selber so lange genug, bis es mir reicht."

"Progressive Folk" könnte man diese wandelbaren und oft ins Orchestrale gleitenden Songs nennen, mit denen die Fleet Foxes einerseits auf den Folksong der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre verweisen, andererseits aber auch eine Form von Songwriting veredeln, die sie selber mit "Helplessness Blues" in Schachtelstücken wie "The Shrine / An Argument" einführten.

Letztlich hat man es hier jedoch vor allem mit Songs zu tun, denen es fernab eines früheren Folk-Pop-Hit-Potenzials gelingt, die Opulenz, die Soulfulness und die musikalische DNA der Band in Reinform darzulegen. Das mag in Zeiten einer Folk-Verfrickelung à la Bon Iver zwar etwas anachronistisch anmuten, doch erhebt es sich in einer brillant angebahnten und ausgespielten Intensität, mit einer Wandelbarkeit und fast schon cinemaskopischen Weite und der schier umwerfenden Grandezza über jeden bekannten Referenzrahmen. "Crack-Up", so weit darf man gehen, ist eines der schönsten, wenn nicht gar das schönste musikalische Krisendokument unserer Tage im immer noch jungen 21. Jahrhundert. Ein leuchtender Pfad aus der Dunkelheit der selbstgewählten Isolation zurück ins künstlerische Rampenlicht.

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