Haiyti - "Montenegro Zero" (Universal)

Die Platte wurde wahrscheinlich schneller aufgenommen als eine Plastikschmuck-Kugel aus dem Automaten fällt. Trotzdem, oder genau deshalb natürlich, gab's gleich mehrere musikalische Wunder. Besonders für ein Debüt ist "Montenegro Zero" (Universal) von der 25-jährigen Hamburger Rapperin und Produzentin Ronja Zschoche alias Haiyti nämlich stilistisch ungewöhnlich stringent und doch verblüffend abwechslungsreich. Es klingt gleichzeitig minmalistisch und breitwandig, es ist herausfordernd avantgardistisch, hier und da sogar eine echte Zumutung, und doch unüberhörbar mit dem großen Pop-Ohr für Melodien, Refrains und Slogans zusammengestellt. Vieles wirkt im ersten Moment billig, bevor es im nächsten fast erhaben erscheint. Alles ist maximal oberflächlich und trotzdem irrsinnig tiefenscharf gebaut. Und dann glückt Haiyti auch noch das eigentlich Unmögliche: Auf dem gesamten Album findet sich so gut wie kein ungelenkes Wort. Die so ungnädig kantige deutsche Sprache, an der sich seit bald drei Jahrzehnten sogar die talentiertesten deutschsprachigen Rapper zuverlässig die Zähne ausbeißen, diese Sprache klingt in Haiyti-Songs wie "100 000 Fans", "Sunny Driveby", "Gold", "Kate Moss", "Serienmodell" oder "Bitches" plötzlich ganz selbstverständlich gelenkig und rund wie eine echte Popsprache. Anders gesagt: Haiyti ist der Pop-Star, den dieses Land eigentlich noch gar nicht verdient hat. Von Jens-Christian Rabe

Bild: Vertigo/Universal 21. Dezember 2018, 05:302018-12-21 05:30:11 © sz.de/biaz/crab