Pop:Bunt ist das Pony, glitzernd die Prärie

January 26, 2020, Los Angeles, CA, USA: LOS ANGELES - JAN 26: Orville Peck at the 62nd Grammy Awards at the Staples Cent

So sehen Cowboys aus: Orville Peck setzt seine Ledermaske nie ab. Im Pop, wo starke Looks wichtig sind, kommt das gut an.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Die Szene feiert den queeren Country-Sänger Orville Peck. Seine Botschaft lautet: Alle Menschen können sich in dieser Musik zuhause fühlen.

Von Jan Kedves

Wenn ein Cowboy nicht seinen Mustang in den Sonnenuntergang reitet, sondern sein Pony in den Regenbogen, dann hat man es wohl mit einem besonderen Cowboy zu tun. Dieser hier nennt sich Orville Peck und wird im Pop gerade sehr gefeiert. Weil er mit seiner samtigen Roy-Orbison-Gedächtnis-Stimme Lieder über Ritte durch die trostlose Prärie singt ("No Glory In The West") und Songs über Duelle zwischen Männern, die sich wohl nicht um eine Frau streiten, sondern sich heimlich lieben ("Kids"). Außerdem wird Orville Peck dafür gefeiert, dass er fesch und geheimnisvoll aussieht mit seinen lang befransten Ledermasken, die er nie absetzt. Starke Looks gehören im Pop mit dazu.

Dieser Look wirkt, als habe Lone Ranger sich für ein Glam-Rodeo mit S/M-Afterparty zurechtgemacht, und der Look war anfangs sicher hilfreich - als Peck, der höchstwahrscheinlich bürgerlich Daniel Pitout heißt und in Südafrika geboren wurde, sich vor einigen Jahren vom Drummer der Punkband Nü Sensae zum solistisch singenden Cowboy-Darsteller mit neuem Namen wandelte. Er wurde gleich zu Modenschauen eingeladen und dort in die erste Reihe gesetzt, um sich zwischen Kim Kardashian und David Beckham als mysteriöser Gast gut zu machen - so etwa bei Dior. Das brachte ihm viel Aufmerksamkeit, aber auch Skepsis. Sollte das Aufdressen und Posieren nur von der mangelnden musikalischen Substanz ablenken?

Diese Vermutung lässt sich seit Veröffentlichung seiner neuen EP "Show Pony" (Columbia) auf keinen Fall mehr halten. Die sechs Stücke sind Musterbeispiele dafür, wie man heute Country-Songs singen kann, die quasi mit jedem Wort und jedem Twang unterstreichen, dass sie genau jetzt, im Jahr 2020, relevant sind. Sie spielen nämlich im Spannungsfeld zwischen Tradition, kreativ überzeichneten Klischees und aktuellen Gesellschaftsfragen. Ähnlich war es im vergangenen Jahr, als der schwule afroamerikanische Rapper Lil Nas X mit seinem Banjo-Trap-Hit "Old Town Road" eine weltweite Diskussion um Rassismus und Homophobie in der Country-Szene auslöste.

"Ohne Stolz hast du nichts", heißt es in einem Song

Auf der "Show Pony"-EP glänzt unter anderem das herzwärmende Duett "Legends Never Die", das Peck mit Country-Superstar Shania Twain singt. Ein Stück mit stolzen Power-Gesten und Intervallgesang, in dem die beiden Stimmen sich harmonisch umtänzeln. Der Song formuliert den Gedanken, dass man vor Veränderung keine Angst haben muss. Man könne nicht immer so weitermachen wie bisher, singen sie, aber eines dürfe man nie verlieren: "You got nothing if you ain't got pride" - ohne Stolz hast du nichts. Eine Anspielung darauf, dass Peck queer ist.

Er geht damit in der Country-Szene offen um. In der Logik des Songs können sich diesen Satz aber auch viele andere hinters Ohr schreiben, etwa konservative Rednecks, die denken, sie hätten Country für sich gepachtet. Wenn Legenden niemals sterben, muss doch keiner Angst haben, dass sie ihm entrissen werden, nur weil ein paar andere Leute an der Legende mitstricken? Leute wie Lil Nas X eben. Oder wie Orville Peck.

Das Video zeigt Komparsen aller Hautfarben, Pailletten, Fransen, gute Laune

Seine Botschaft, unterstrichen vom Sound schwingender Lassos und einem 1A-Kitsch-Gitarrensolo, lautet also: Country ist eine Musik, in der sich alle Menschen zuhause fühlen können. Das Video zum Song gestaltet sie wunderbar glitzernd - mit Komparsen aller Hautfarben und jeder Menge Ohrringen, Pailllettenhosen, Glamour-Fransen, und viel guter Laune.

Unter seiner Fransenmaske zeigt Peck politisch Gesicht. Er verschob die für Juni geplante Veröffentlichung seiner EP um zwei Monate, um, wie er auf Instagram schrieb, Spenden für die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA zu sammeln. Knapp 37 000 Dollar seien zusammengekommen. "Dank der Black-Lives-Matter-Bewegung durchlaufen wir gerade eine große, längst überfällige weltweite Transformation, und darauf möchte ich gerade meinen Fokus legen", so seine Nachricht.

Damit liegt er ganz auf Linie mit Dolly Parton, der offiziellen Queen of Nashville, die kürzlich im Billboard Magazine zu Black Lives Matter erklärte, als ob das überhaupt noch notwendig wäre: "Natürlich sind schwarze Leben wichtig. Denken wir etwa, dass unsere kleinen weißen Ärsche die einzigen sind, die wichtig sind? Nein!"

Jetzt hat Orville Peck, der Dolly Parton sehr verehrt, seine EP veröffentlicht und sein Aufstieg scheint unaufhaltbar. Es würde kaum wundern, wenn Parton auf seinem nächsten Album ein Duett mit ihm sänge.

© SZ vom 01.09.2020
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