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Pop:Buchstabiere "Freiheit"!

Die "Arctic Monkeys" haben sich mit dem Album "Tranquility Base Hotel + Casino" mal wieder neu erfunden.

Von Torsten Gross

Der Mann, der in seiner Musik gewaltige Sprachbilder aufbaut, der schon im Alter von neunzehn für Texte gelobt wurde, die auf eine präzise Beobachtungsgabe, einen fein ziselierten Humor und Eloquenz schließen ließen, ringt nach Worten. Er stottert, stammelt, beginnt Sätze und lässt sie abreißen, legt Pausen ein, sucht Formulierungen und findet sie nicht.

Alex Turner ist in London, um seine bislang ambitionierteste Musik zu erklären. "Tranquility Base Hotel + Casino" ist das sechste Album von seiner Band Arctic Monkeys, aber es ist ganz und gar sein Werk. Chamber Pop, der mit der bisherigen stilistischen Ausrichtung der britischen Band bricht. Inspiriert von Burt Bacharach, Serge Gainsbourg und Van Dyke Parks und Lounge-Jazz komponierte Alex Turner in seinem Wohnzimmer alleine am Klavier, die anderen Bandmitglieder kamen später hinzu, ergänzen das Album aber nun perfekt.

Denn ein Album ist es: In einer Zeit, in der die Platzierung einzelner Songs in Spotify-Playlists über Erfolg oder Misserfolg einer Veröffentlichung entscheidet, folgt "Tranquility Base Hotel + Casino" der überaltert erscheinenden Idee vom konzeptuell geschlossenen Album. Es gab also keine Vorab-Single, die elf Songs sind in einem ähnlichen Tempo gehalten, folgen einer wohltemperierten Stimmung.

Und weil er all das offenbar besser komponieren und aufnehmen konnte, als es zu erklären, sitzt Turner nun da und ringt nach Worten. "Mir ist vollkommen klar, dass dieses Album ziemlich genau das Gegenteil dessen ist, was die meisten Leute von uns erwarten", sagt er, "aber ich musste diese Musik machen."

Für Überraschungen waren die Arctic Monkeys früher schon gut. Zum Beispiel 2005, als sie Demomaterial auf die eigene Webseite hochluden und über Nacht eine der ersten Interneterfolgsgeschichten schrieben. Dieser Überraschungscoup war keiner cleveren Strategie entsprungen, sondern das Resultat einer Verlegenheitslösung: Zu den ersten Konzerten, welche die Band in einer Sheffielder Kneipe gab, in der ihr damaliger Bassist Andy Nicholson kellnerte, kamen stets nur so wenig Leute, dass sie hofften, durch die Internetaktion weitere Sheffielder Kreise mobilisieren zu können. Die Kreise erweiterten sich sehr, es wurden frühe Versionen von den Songs "Mardy Bum" oder "A Certain Romance" hunderttausendfach runtergeladen.

Die Arctic Monkeys folgen der Idee vom geschlossenen Album.

(Foto: Zackery Michael)

Danach unterschrieben sie einen Vertrag bei dem Plattenlabel Domino, gingen ins Studio und nahmen alles noch mal mit einem Produzenten auf. Im Vergleich zu den Demos fehlte dem Debüt "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" der Charme des Unfertigen, aber die Arctic Monkeys brachen mit diesem Album alle Rekorde, sie verkauften in der ersten Woche mehr Alben als irgendjemand sonst in der Geschichte der britischen Popmusik.

Dieser Gründungsmythos hat sie weit gebracht, es gelang eine im besten Sinne altmodische Karriere. Trotz stilistischer Experimente wurden die Arctic Monkeys immer erfolgreicher, das bislang letzte Album "AM" verkaufte sich fünf Millionen Mal und machte seine Urheber endgültig zu einer der größten Rockbands in einer Zeit, in der Rockmusik nicht mehr viel gilt.

Die Band ist gut damit gefahren, die Antithese des popkulturellen Zeitgeistes abzubilden. Irgendwann zogen Arctic Monkeys nach Los Angeles, feierten Partys mit P. Diddy, nahmen Stoner-Rocksongs mit Josh Homme von Queens Of The Stone Age in der Mojave-Wüste auf, langsam zog Glamour ein. Alex Turner war einige Jahre mit der Moderatorin Alexa Chung zusammen und ist nun in einer Beziehung mit dem US-Model Taylor Bagley, die unter anderem in einem Kurzfilm von James Franco für Gucci aufgetreten ist. Analog dazu traten die Arctic Monkeys nun auch optisch immer mehr wie richtige Rockstars auf.

Als sich der ganze Trubel dann aber mal gelegt hatte, saß Turner irgendwann zu Hause in Los Angeles an seinem Steinway Vertegrand und dachte an die Jahre, die so ins Land gezogen waren. Alles verschwamm: Die Jazz-Stücke und Sinatra-Songs, die sein Vater, ein Hobby-Jazzmusiker, früher im Zimmer nebenan gespielt hatte, wenn Turner schlief. Die Jahre in den Indie-Discos, die er als Heranwachsender mit seinen Freunden besucht hatte, der lange Schatten der Strokes, die Turner über alles liebt.

Der Sänger sorgt sich wegen der Datensammelwut der großen Internetkonzerne

Insofern ist es auch keine große Überraschung, dass der erste Song des neuen Albums, "The Star Treatment", mit der Zeile "I just wanted to be one of the Strokes" beginnt. Das Album sei eine Reflexion in Unkenntnis der Zukunft, sagt Turner. So erklären sich die assoziativen, dialogischen Texte voller Querverweise. Früher schrieb Turner über die Nächte in den Clubs, und er traf damit eher zufällig das Lebensgefühl einer ganzen Generation ähnlich sozialisierter Jugendlicher. Heute sorgt er sich wegen der Allmacht und Datensammelwut großer Internetkonzerne, deren Angebote er in "The World's First Ever Monster Truck Front Flip", einer hingehauchten Ballade, mit romantischem Balzverhalten vergleicht: "The exotic sound of data storage, nothing like it first thing in the morning / You push the button and we'll do the rest." (Der exotische Klang des Datenspeicherns, nichts kommt dem gleich, wenn man morgens wach wird / Du drückst den Knopf, wir erledigen den Rest.) In "Golden Trunks" äußert Turner sein Unbehagen daran, dass der "Leader of the free world" an einen Wrestler in goldenen Unterhosen erinnert. Wo Turner früher Geschichten aus der britischen Vorstadttristesse erzählte, findet er nun Poesie in größeren Dingen des Lebens.

"Tranquility Base" bezeichnet den Landepunkt der ersten bemannten Mondfähre, das Meer der Ruhe. "Houston, Tranquility Base here. The eagle has landed", funkte Neil Armstrong 1969 nach erfolgreicher Landung. Für Alex Turner ist Tranquility Base eine Chiffre für einen inneren Komfortraum, den er für seine Arbeit an diesen Songs mühsam eingerichtet hat. Lange Zeit verband er kein Gefühl mit dieser Musik, spielte sie niemandem vor, war unsicher, ob er auf dem richtigen Weg war, fühlte sich alleine und verloren: Es war, sagt er, wie in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum", Turners Lieblingsfilm.

Dabei ist dieser stilistische Wandel so überraschend auch wieder nicht: Den Rahmen der klassischen Rockmusik hatte diese Band schon früher stark erweitert, vor allem Turner hat seine Leidenschaft für das Crooning und das klassische Handwerk immer wieder angedeutet. In Arctic-Monkeys-Songs wie "Number 1 Party Anthem" oder "Cornerstone", vor allem aber im Gesamtwerk seines Nebenprojekts "The Last Shadow Puppets".

Nun aber führt er all diese Stränge konsequent zusammen. Die Arctic Monkeys verzichten auf einen pompösen orchestralen Rahmen, auf Schmalz und Pomp. "Tranquility Base Hotel + Casino" ist eine intime Studie, ein eher unaufdringliches Album, das sich langsam anschleicht, immer neue Details offenbart und dann ins Unendliche wächst. Für den Songschreiber Alex Turner ist es ein Quantensprung, aber wird es den Ruhm seiner Band mehren?

Eher nicht: Die meisten Kritiken sind zwar positiv, aber es haben sich auch schon Tausende Kommentare enttäuschter Fans in den diversen Foren-Threads angesammelt. "The Ultracheese", der letzte Song auf diesem Album, endet mit der Zeile: "I've done some things that I shouldn't have done / But I haven't stopped loving you once." (Ich habe einige Dinge getan, die ich besser gelassen hätte. Aber ich habe nie aufgehört, dich zu lieben.) Turner hatte wohl keine Wahl, diese Musik musste einfach gemacht werden.

© SZ vom 24.05.2018
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