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Pop:Bing!

Beyonce Lemonade

Das Klingeln der Registrierkasse: Beyoncé im Film zu "Lemonade".

(Foto: HBO)

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Geld draus - Beyoncés neues Album "Lemonade".

Von Jan Kedves

Das gab es bis jetzt auch noch nicht: dass ein neues Pop-Album erscheint und die Anzahl der Tage, die es exklusiv bei der Streaming-Plattform Tidal zu hören ist, Rückschlüsse auf den Stand einer Ehe zulässt. Jay Z, der Rap-Tycoon, hat seine Frau Beyoncé - immerhin der derzeit möglicherweise größte weibliche Popstar - mit einer anderen Frau betrogen, und Beyoncé hat ein Rache-Album aufgenommen. Dieses wird seit Sonntag auf eben der Plattform, die seit Anfang des vergangenen Jahres Jay Z gehört, gestreamt. Warum ausgerechnet dort?

Beyoncé hätte mit ihrem neuen Album, das "Lemonade" heißt, natürlich zu Spotify, zu Amazon Prime oder zu allen existierenden Plattformen gleichzeitig gehen können. Das hätte dann die Scheidungsgerüchte befeuert, und man hätte sich nicht die schönen Konversationen ausmalen können, die man sich wohl ausmalen soll, weil Jay Z und Beyoncé anscheinend trotz allem immer noch zusammen sind: "Ach komm, Baby, gib mir dein Album noch einen Tag länger, bitte!" Und sie: "Ach, jetzt willst du mich wieder exklusiv?!"

Im Kampf um Anteile im Streaming-Markt werden inzwischen schwerste Geschütze aufgefahren. Und plötzlich scheint einiges Sinn zu ergeben: Ach, deswegen hat Beyoncés Schwester Solange Knowles letztes Jahr Jay Z eine reingehauen! Die Überwachungskamera-Aufnahmen aus dem Aufzug des New Yorker Standard-Hotels ging um die Welt. Jay Z hielt sich mit schmerzverzerrt Gesicht die Backe, Beyoncé lächelte still in sich hinein.

Das Album ist ein Meisterwerk der Mutmaßlichkeit geworden

Seit Sonntag also weiß die halbe Welt, dass Beyoncé auf ihrem neuen Album singt: "Ach, hätte ich nur nicht geheiratet!", und seitdem sucht die halbe Welt bei Google nicht nur eine Antwort auf die Frage, mit wem Jay Z seine Frau betrogen hat, sondern auch nach Möglichkeiten, "Lemonade" außerhalb von Tidal zu hören. Viele werden sich wohl wieder eine neue E-Mail-Adresse zulegen, um ein neues Test-Abo abschließen zu können. So lief das schon bei Kanye Wests Album "The Life of Pablo", das in den Wochen, in denen es exklusiv bei Tidal zu hören war, kräftig dazu beitrug, dass der Dienst seine Nutzerzahlen im vergangenen Jahr versechsfachen konnte. Er kommt jetzt auf drei Millionen zahlende Nutzer. Was im Vergleich zu Spotify mit mehr als dreißig Millionen immer noch winzig ist - und vor allem immer noch nichts mit der Musik zu tun hat.

"Lemonade" also, Beyoncés sechstes Studioalbum, ein Meisterwerk der Mutmaßlichkeit, denn offiziell bestätigt wird natürlich nichts, alles bleibt schön im Bereich der poetic licence. Ein Album voller Wut auf "ihn" und eine gewisse "Becky". Und ein Album - das muss man gleich sagen - ohne echte Hits. Ohne Hits jedenfalls, die in die Pop-Charts einsteigen werden. Das kann natürlich toll sein: "Formation", das Stück, das Beyoncé im Februar beim Superbowl performte und das jetzt "Lemonade" beschließt, besteht im Grunde aus nichts als rhythmisiertem Quietschen und sehr viel Bass. Ein Meisterwerk, geradezu avantgardistisch für Pop-Verhältnisse. Die elf neuen Songs auf "Lemonade" sind wieder richtige Songs, mit konventionellen Strukturen. Trotz einiger interessanter Sounds und lustiger Genre-Ausflüge - zum Beispiel in den Country bei "Daddy Lessons" - haften sie nicht so im Ohr, wie Chart-Hits es tun müssten.

Schöne Momente gibt es: Wie sich das Thema der verstimmten Ehe in der Ballade "Sandcastles" im verstimmten Piano spiegelt, das ist nicht unraffiniert gemacht. Und wie Beyoncé mit Kehlenturbo hier scheinbar mühelos vom Hauchen ins wütend-verheulte Brüllen wechselt, das ist große Sangeskunst. "Sandcastles" bildet - zusammen mit dem Interlude "Forward", das vom Briten James Blake mit gedämpft gebrochener Bardenstimme gesungen wird, und mit dem gospel-rockigen "Freedom", in dem Kendrick Lamar als Gast rappt - das zentrale Tryptichon, in dessen Verlauf Beyoncé zu der Einsicht gelangt, dass ihre wahre Freiheit gerade in der Entscheidung liegt, ihrer Ehe noch eine Chance zu geben. Was macht man nun aber als Hörer, der sich für die Eheprobleme reicher Menschen eher nicht interessiert, und als jemand, der schon 2008 Beyoncés musikalisch bislang tollsten Hit "Single Ladies (Put a Ring on It)" aufgrund seiner Botschaft - dass das Heil jeder unabhängigen Frau im Sakrament der Ehe liege - eher fragwürdig fand? Man konzentriert sich aufs Visuelle: Man sieht sich also den Film an, den Beyoncé zu ihrem neuen Album gedreht hat.

Die beste Rache ist hier das Geld, das eine Frau selbst verdient

Der Film lief Samstagnacht in den USA auf dem Bezahlsender HBO und ist im Netz in drei- bis vierminütigen Auszügen zu finden, hier oder da, legal, illegal oder geduldet. Und ja, es ist wirklich ein großer Spaß anzuschauen, wie anspielungsreich und kitschig, aber auch wie knallhart Beyoncé etwa "Hold Up" illustriert, eine lockere Dub-Nummer mit Anspielungen auf den Enya-Hit "Orinoco Flow": Da treibt also zunächst eine Bibel durchs Schlafzimmer, welches Beyoncés und Jay Zs gemeinsames sein muss und das komplett unter Wasser steht (Beyoncés Tränen!). Dann öffnet sie die Haustür, riesige Wasserfälle, die ja also Tränenfälle sind, ergießen sich über das pompöse Portal, die Trauer wird weggespült. Und dann zieht Beyoncé in ihrem kanariengelben, opulent gerüschten Flamenco-Flatterkleid, das überraschend schnell wieder trocken ist, durch die Straßen und schlägt - sehr genüsslich in Zeitlupe - mit einem Baseball-Schläger die Scheiben alter Camaro-Sportwagen ein. Und das passiert alles in nur einem Song!

Müsste man sich aber für einen einzigen Höhepunkt auf "Lemonade" entscheiden, dann wäre es kein Song und keine Filmszene, sondern nur ein Sound: ein Klingeln. Es erklingt, während Beyoncé in "Sorry" singt: "Tonight I regret the night I put that ring on" - heute Nacht bereue ich die Nacht, in der ich diesen Ring anlegte. Der Sound - "Bing!" - klingt nicht nur, als würde Beyoncé gerade ihren Ehering wütend vom Finger ziehen und auf den Marmorboden werfen, er klingt vielmehr wie das Klingeln einer Registrierkasse.

Und das ist dann also die Lehre von "Lemonade" und von dem, was man Beyoncés kapitalistischen Feminismus nennen könnte: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Geld draus! Wenn deine Ehe kriselt, sing drüber! Dazu passt auch die Zeile in "Formation", in der es heißt: Die beste Rache sei das "paper" - das Geld -, das eine Frau verdient. Jay Z wird nichts dagegen haben.

© SZ vom 26.04.2016
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