Pop Bimmel, bimmel, bimmel, bimmel

Die große Liebe bitte – oder irgendwas Teures mit Schleife: Mariah Carey am Mittwoch.

(Foto: Jaro Suffner/Live Nation GSA)

Hymnen auf den Wiederholungszwang: Das neue Album der amerikanischen Pop-Sängerin Mariah Carey und ihr Berliner Weihnachtskonzert.

Von Jan Kedves und Jonas Lages

Natürlich hat der größte Weihnachts-Pop-Hit des dritten Jahrtausends eine eigene Show verdient! Die Frage ist nur, ob man eine Stunde und zwanzig Minuten, also bis zur Zugabe, auf ihn warten will? Das kann man sich während "All I Want For Christmas Is You: A Night of Joy and Festivity" durchaus fragen, während Mariah Carey, umringt von einem Gospelchor in weißen Gewändern und einem Ballett-Ensemble in Rentier- und Wichtel-Kostümen, zunächst Songs singt, die zwar auch aus ihren Weihnachtsalben "Merry Christmas" (1994) und "Merry Christmas II You" (2010) stammen, aber eben nicht "All I Want For Christmas Is You" sind.

Letzteren Hit schrieb sie 1994 zusammen mit dem brasilianisch-russischen Songwriter Walter Afanasieff, der auch für Aretha Franklin und Destiny's Child komponiert und den "Titanic"-Hit "My Heart Will Go On" für Celine Dion produziert hat. Sixties-Rock-Boogie mit Gute-Laune-Gospel-Power im bombastischen Phil-Spector-Stil. Das Lied geht einfach nicht weg, es hat "Last Christmas" von Wham als penetranteste, vorhersehbarste und doch schönste Herzheizung zu Weihnachten überholt. Auch, weil es den ganzen Geschenkewahnsinn so gut auf den Punkt bringt: Ach, ich wünsche mir ja eigentlich gar nichts zu Weihnachten, außer der großen Liebe! Und wenn es die nicht gibt, dann nehme ich irgendetwas Teures mit Schleife.

"All I Want For Christmas Is You" steht seit Weihnachten 2017 ständig in den deutschen Charts

Zu Hause in New York gibt es dafür seit Dezember 2014 eine eigene Show, alle Jahre wieder im Beacon Theatre am Broadway. In diesem Jahr geht die 48-jährige Carey nun zum ersten Mal damit auf Tour. Am Mittwochabend machten die glänzenden Schlitten Halt in der großen, fast ausverkauften Arena am Berliner Ostbahnhof. Derweil klettert der Song in den Charts schon wieder nach oben. Gerade steht er in Deutschland auf Platz 25, Tendenz steigend. Wobei noch sensationeller ist, dass "All I Want For Christmas Is You" seit vergangenem Jahr, seit Weihnachten 2017 (Platz 3) gar nicht mehr aus den deutschen Charts herausgefallen ist. Was bedeutet, dass die klirrenden Santa-Schlitten-Glöckchen auch zur mentalen Abkühlung Deutschlands im heißesten und trockensten Sommer seit Verleugnung des Klimawandels gerne gehört wurden.

Auf der Bühne in Berlin grinst Carey entsprechend wie ein Honigkuchenpferd, oder wie Miss Piggy, wenn sie sich Kermit wünscht, oder wie Mae West, die mal wieder einen zotigen Witz gemacht hat, einen Witz wie "So viele Männer, so wenig Zeit". Carey wandelt ihn in ihrer Show natürlich familienfreundlich ab zu "So viele Looks, so wenig Zeit!", während ihr ein Kostümbildner eine riesige Pelzmütze vom Kopf heben muss, was sie auf keinen Fall selbst hätte tun können. So wie sie sich auch von den muskulösen Tänzern zwischen tausend Geschenkpaketen feierlich die Treppen hoch und runter und überhaupt auf breiten Schultern gern herumtragen lässt. Die körperliche Anstrengung muss sich bei Mariah Carey eben ganz auf den Vokaltrakt konzentrieren. Dort, in ihrer Goldkehle, ringen Himmel und Hölle miteinander, und das Gute und Himmlische gewinnt natürlich immer.

Apropos Himmel und Hölle: Gerade ist ja auch ihr neues Studioalbum "Caution" (Sony) erschienen. Es ist eine souveräne Platte geworden, hier und da gibt es Zugeständnisse an die Gegenwart, aber immer ist auch klar, dass eine Mariah Carey ihr Werk auf einer eigenen Umlaufbahn weiterführt. Anders gesagt: Das Album wirkt so, als hätte man eine künstliche Intelligenz mit dem gesamten Carey-Backkatalog und den aktuellen Top Ten gefüttert und um eine sanfte Fusion gebeten, mit Schlagseite gen Vergangenheit.

Es gibt also die obligatorischen Powerballaden, bei denen die Meisterin über ein paar dahingetupfte Klavierakkorde ihre mittlerweile doch etwas eingeschränktere Stimme erhebt, dann perlen ein paar verträumte Synthies ihre Melodien über moderne Trap-Beats. Der Rest klingt wie der Soundtrack für die Zeugung der nächsten Generation von Mariah-Carey-Fans.

Ganz den Konventionen des R&B gemäß spielen die meisten Songs zwischen den Bettlaken. Entsprechend verbringt Mariah Carey viele Zeilen damit, die erogenen Zonen ihrer selbst und ihrer Spielgefährten zu vermessen. "One Mo' Gen" etwa ist als Hymne auf den Wiederholungszwang im Grunde ein genialer Metakommentar zur Lustökonomie aller R&B-Nummern.

Der beste Song des Albums ist allerdings "Giving Me Life", der von Dev Hynes alias Blood Orange erdacht wurde, jenem jungen Mann der mit "Negro Swan" eines der großen Indie-Synthpop-Alben des Jahres vorgelegt hat. Man hat Mariah Carey noch nie auf einem so unpolierten Song gehört, der aus der eigenen Zerbrechlichkeit zu Stärke findet und die Melancholie überwindet.

Wer übrigens in diesem Jahr dem Weihnachtsmann etwas Gutes tun will, der lege einfach mal "The Distance" auf. Klingt wie Heiligabend am Karibikstrand, sternschnuppenberieselt. Carey singt darin zwar von einer Beziehung, die die Gefahren der Öffentlichkeit übersteht und durch die Entfremdung des Liebesobjekts nur noch inniger wird. Aber eigentlich ist das doch eine feine Allegorie auf das Verhältnis des modernen Menschen zum Weihnachtsfest im Turbokapitalismus.

Falls es nicht ganz neue digitale Mikrofontechniken gibt, die den Einsatz von Playback und Auto-Tune noch raffinierter verschleiern als bislang möglich, muss man übrigens zum Berliner Konzert noch sagen: Carey singt komplett live und perfekt. Das Volumen, der Ausdruck, die irre hohen Töne, das Kratzen beim Umschlagen von Kopf- in Bruststimme: Alles ist da und sehr beeindruckend. Lässt sie einen Ton mal nicht hoch in den Himmel flattern wie in "O Holy Night", sondern die Kellertreppe hinunterpoltern wie in "Joy To The World", dann landet er auf der genau richtigen Stufe, und die Genugtuung darüber ist ihr im Gesicht abzulesen.

Ein getroffener Ton scheint bei ihr ohnehin ein unmittelbar körperliches Wohlempfinden auszulösen, was zu einer gewissen festlichen Laszivität führt, die schon sehr gut zu dem ganzen Sexy-Santa-Programm passt. "Oh Santa, rutsch doch auch mal meinen Kamin runter", oder "Santa, wann bringt du meine Glöckchen zum Klingeln?", solche Zeilen sind da nämlich auch in den Songs. Und doch bleibt in der "All I Want For Christmas Is You"-Show natürlich alles schön brav, also jugend- und kinderfrei. Sonst dürften ja auch nicht Careys eigene Kinder, die siebenjährigen Zwillinge Moroccan und Monroe, genannt Roc & Roe, noch mit auf die Bühne, um ihrer Mutter ein bisschen mit Backgroundgesang zu helfen.

Die beiden sind wirklich süß, aber rollt Roc bei "The Star" nicht ein bisschen mit den Augen? Mariah Carey scheint es jedenfalls für besonders fürsorglich zu halten, ihre Kinder live auf der Bühne zu fragen: "Alles okay bei euch?" Welches Kind würde sich trauen, vor zehntausend Menschen zu sagen "Nein, Ma, ich will lieber mit meinem iPad spielen"?