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Pop-Ausstellung:Zwischen Perle und Diamant

Die Prince-Schau im Londoner O2 bekommt das 2016 gestorbene Pop-Genie nicht zu fassen. Versucht sie es überhaupt?

Prince spielte im August 2007 21 Shows im Londoner O2. Sie waren, selbst gemessen am Standard dieser geborenen Show-Kreatur, bemerkenswert. Obwohl perfekt durchchoreografiert, wirkten die Gigs streckenweise wie genialische Jam-Sessions. Umtanzt von seinen Zwillings-Background-Sängerinnen Diamond und Pearl, dominierte Prince den gigantischen ehemaligen "Millennium Dome" ebenso mühelos wie die kleinen Londoner Clubs, in denen er anschließend wie immer noch ebenso lange After-Show-Gigs ablieferte. Zehn Jahre nach den "21 Nights" - und eineinhalb Jahre nach seinem Tod - eine Ausstellung über Prince am selben Ort auszurichten, war naheliegend und nährte die Hoffnung, zumindest einen Abglanz der Magie dieser Konzerte noch einmal erleben zu können. Man erwartet die Feier eines zu früh gestorbenen Musikbesessenen, der von sich selbst einmal sagte, er fühle sich "fast verflucht": "Ich mache die Musik ja nicht einmal, ich bringe sie nur hervor."

John Wagner Photography

Prince-Kostüm mit Ketten-Schleier aus den frühen Neunzigerjahren.

(Foto: John Wagner Photography)

Die besten Pop-Ausstellungen erzeugen genau die Unmittelbarkeit und Nähe zu ihrem entrückten Gegenstand, die sich Fans wünschen - und das nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen der physischen Abwesenheit des Stars. In London hat es in den vergangenen Jahren einige fantastische Beispiele für diese durch Artefakte, Dokumente, Fotos und O-Töne herstellbare Intimität gegeben, zuletzt die neue Maßstäbe setzende "Their Mortal Remains"-Schau des Victoria & Albert Museums über Pink Floyd.

Die Kuratoren wählten aus 130 Gitarren, 2000 Paaren Schuhe und 8000 Kleidungsstücken aus

"My Name Is Prince" im O2 bewegt sich in einer ganz anderen Kategorie. Sie hält den Besucher immer mindestens auf Armeslänge. Sinnbildlich dafür stehen die Bilder aus dem Prince-Anwesen Paisley Park, wo auch die Sammlung von 130 Gitarren, 2000 Paaren Schuhe und 8000 Kleidungsstücken aufbewahrt wird, aus der sich die Londoner Ausstellungsmacher bedienten. Der in einem Vorort von Minneapolis gelegene Komplex wirkt ungefähr so charmant wie das Verwaltungsgebäude eines mittelgroßen Pharmakonzerns. Wenn es das Ziel der Londoner Schau war, diese Atmosphäre in die Ausstellungsräume des O2 zu übertragen, ist das gelungen.

"Orange Cloud"- Gitarre, die Prince bei der Superbowl 2007 spielte.

Im Zentrum des größten von fünf Räumen steht eine riesige "Love Symbol"-Plattform, auf der sich kleine Bildschirme mit in Dauerschleife gezeigten Videos und Live-Aufnahmen mit Kostümen und Plattencovern abwechseln. Die übrigen Ausstellungsstücke sind chronologisch an den Wänden aufgereiht, fast ausschließlich Bühnenkostüme und Instrumente. Manche lassen sich besser zuordnen als andere, da nicht alle mit Erklärungstafeln versehen sind.

"Nicht das Instrument zählt, sondern wie man es spielt", wird der Besucher belehrt

Den "Purple Rain"-Aufzug oder der Frack aus dem "Batman"-Video erkennt man gleich. Bei anderen, etwa einem schwarzen Overall mit weißen Troddeln an den Ärmeln und der Aufschrift "The Exodus has begun" wäre ein bisschen Kontext hilfreich. Angefangen von einer braunen Hohner im Telecaster-Stil, die Prince in den Siebzigerjahren für 30 Dollar kaufte und immer wieder nachbauen ließ, bis hin zu den verschnörkelten Spezialanfertigungen des Deutschen Jerry Auerswald stehen Gitarren in Vitrinen oder zwischen recht lieblos arrangierten Flight-Cases herum. Letztlich ist nichts so tot, wie ein Instrument, das nicht gespielt wird; ohne klanglichen Zusammenhang bleibt das Gitarrenarsenal leblos.

Prince auf dem Cover des 2006 erschienenen Albums "3121".

Es ist kaum vorstellbar, dass ein Perfektionist wie Prince, hätte er selbst kuratiert, die Besucher mit einem Audioguide-Modell in die Ausstellung geschickt hätte, das wie Retro-Technik anmutet, und die Besucher mit ziemlich unprofessionell abgelesenen Plattitüden versorgt ("Es kommt nicht auf das Instrument an, sondern darauf, wie man es spielt!"). Der "Raspberry Beret"-Anzug mit Wolkenmuster ist im flackernden Rotlicht kaum zu erkennen, und manche Erläuterungen an den Wänden grenzen ans unfreiwillig Komische. Prince hatte "immer seine eigene Garderobe, die von einem Security-Guard bewacht wurde"; er "reiste oft mit sehr vielen Kostümen", wenn er auf Tour war: Das hätte man sich im Zweifel auch selbst zusammenreimen können. Es gibt keine Hintergrundgespräche, keine bisher unbekannten Filmausschnitte oder Blicke hinter die Kulissen. Alles bleibt Oberfläche.

In gewisser Weise entspricht diese unnahbare Anmutung natürlich dem Image, das Prince selbst von sich projizierte. Er galt als einer der schwierigsten Interviewpartner im Popgeschäft, ließ fertig produzierte Alben ohne erkennbaren Grund im Archiv verschwinden, und seine Dickköpfigkeit im Streit mit Plattenfirmen, die ihm mehr Freiheit ließen als jedem anderen Künstler, erzeugte bisweilen mehr Publicity als seine Musik.

Im O2 erfährt man nichts über sein kompliziertes Familien- oder Privatleben, seine Konversion zu den Zeugen Jehovas oder die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. "My Name Is Prince" wird ihm mithin zumindest in einem gerecht: Es ist die Fortführung einer Markenidentität - der Mensch hinter der Kunstfigur bleibt ein Rätsel.

My Name Is Prince. O2, London. Bis 7. Januar 2018. www.theo2.co.uk.

© SZ vom 07.11.2017

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