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Pop aus Wien:"Amore Autogrill" befreit uns von der Ironie

"Wir fahren nach Italien und alles, was ich will, ist Autogrill." Systemgastronomie-Pop von Ninjare Di Angelo und Euroteuro.

(Foto: Screenshot; Bearbeitung SZ.de)

Espresso, Cornetti und Panini im "Autogrill". Italienische Autobahnraststätten sind Sehnsuchtsorte der Ferienfreiheit. Und jetzt auch ein kleiner Sommerhit.

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer wöchentlichen Musik-Kolumne.

Einmal das Kritiker-Hirn ausschalten, bitte. Denn bei aller Liebe für politische Korrektheit - Stereotype sind überlebenswichtig. Klischees ordnen unsere Welt. Helfen uns, komplizierte Dinge einfach und verständlich zu machen. Wer braucht schon Differenziertheit? Es leben die Vorurteile! Die Deutschen? Zuverlässig und humorlos. Die Italiener? Temperamentvoll und lebenslustig. Überhaupt, Italien, was für ein klischeeverstopfter Sehnsuchtsort. Sonne, Meer, die große Ferienfreiheit - gleich hinter dem Brenner. Ganze Songs wurden nur für dieses Autobahnstück geschrieben. "Carbonara" von Spliff zum Beispiel. Oder - ganz aktuell - "Autogrill" von Euroteuro und Ninjare Di Angelo.

Gibt es schon das Genre Systemgastronomie-Pop? Wenn nicht, dann haben die beiden Wiener Musiker es gerade erfunden. Denn in "Autogrill" geht es um, nun ja, die italienischen Raststätten des Unternehmens Autogrill. Und wer jemals mit dem Auto die Alpen Richtung Süden überquert hat, der weiß, was für ein Sehnsuchtsort die erste Raststätte hinter der Grenze ist. Guter Kaffee, Cornetti und frische Panini! Wer dieses Gefühl in Musik übertragen kann, der hat einen Sommerhit. Aber "Autogrill" ist noch viel mehr als das.

Ein Video, so retroheimelig, wie die Fahrt im Familienkombi nie war

"Sigaretti, Autogrill. Grappa, Autogrill. Gelati, Autogrill." Sicher, "Autogrill" ist in seiner pseudoitalienischen Minimal-Lyrik schon sehr platt, aber wir wollen uns hier ja ganz post-ironisch vom Klischee berieseln lassen. Fangen wir mit den Namen an. Euroteuro? Ninjare Di Angelo? Das ist nur eine Stufe über Erika Ramazotti. Hinter diesen fulminanten Künstlernamen stecken Florian Seyser, der eigentlich bei einer anderen Wiener Band Bass spielt, und Nina Petermandl, Teil des Subkultur-Trios Reich und Föhn. Petermandl ist es auch, die als Ninjare Di Angelo auf dem Raststättenparkplatz ihr Badetuch ausbreiten und zum Dudel-Keyboard durch die Raststättenregale hüpfen darf. Überhaupt, dieses Video! Kommt in seinen verblassenden Farben so retroheimelig daher, wie die Autofahrt im Familienkombi nie war. Warum das alles trotzdem funktioniert? Weil "Autogrill" ein feines, kleines Stückchen Pop ist.

Ein bisschen Kraftwerk-Synthies, ein bisschen Trio-Dada, ziemlich viel New Wave. Und all die herrlichen Urlaubsklischees, die jedes Jahr in den Tankstellen vom Brenner bis zur Adria warten. Der große Trost, der uns zwischen Sonnencreme und Toilettenschlange zuflüstert: "Die Welt mag immer verrückter und immer schneller werden, aber es gibt sie noch, die Dinge, die bleiben." Oder in den Worten von Ninjare Di Angelo: "Wir fahren nach Italien und alles, was ich will, ist Autogrill."

Man kann das jetzt eindimensional und einfallslos finden. Oder man kann "Autogrill" als Befreiungsschlag hören. "Autogrill" ist der Sommerhit, der uns freimacht vom Zeitgeist-Diktat der Ironie. "Autogrill" ist der Sommerhit, der uns von Wanda befreit. Wien, nein ganz Pop-Österreich, ist ja zum Synonym für diese Band geworden. Und was am Anfang noch mitriss ("Bologna"), versackte überraschend schnell im Bierzelt ("Bussi Baby"). Blieb die Frage: Was ist Ernst bei Wanda und was ist Pose? Sind die jetzt hemingwayeske Chauvis oder doch superschlaue Neo-Neo-FeministInnen? "Autogrill" hingegen ist Pop, so schnurgerade wie die Autobahn zum Gardasee. Keine Metaebene, keine Spielchen. Nur das Klischee, das gute, wahre, schöne: Amore Autogrill.

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