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Pop-Architektur:Rosa Welle

Architektur als Pop Art: Berlins auffälligstes Gebäude "Umlauftank 2" ist restauriert worden. Nun leuchtet es wieder in tiefem Blau und Zuckerguss-Pink.

Von Peter Richter

Pink! Und zwar was für eins: Es hat den Ton eines frisch geputzten Sparschweins und die Konsistenz von eingefärbten Marshmallows. Das mysteriöseste Bauwerk Berlins leuchtet neuerdings wieder in einem so strahlenden Tiefblau und einem dermaßen süßen Zuckergummi-Rosa durch die Büsche, dass man sich vorkommen muss wie Gulliver in der Spielwarenabteilung vom Land der Riesen. Oder wie die Westberliner, die in den Siebzigerjahren hier vorbeikamen und sich damals schon fragten, was dieses neugebaute Monumental-Dingsda am Tiergartenrand eigentlich sein soll - diese blaue Box auf dieser quietschend pinken Röhre.

Denn nachdem es danach von der Witterung über die Jahre praktisch bis zur Unsichtbarkeit heruntergewaschen worden war, ist das mysteriöseste Bauwerk Berlins nach längeren Sanierungs- und Auffrischungsarbeiten nun gleichzeitig auch wieder das auffälligste. Sogar das neue Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes mit seinen regalkilometerlangen Aktenordnerfassaden ist ein offenes (und ziemlich ödes) Buch dagegen.

Vor dem pink-blauen Apparat in der Größe eines veritablen Hochhauses haben dagegen die meisten Leute selbst dann hartnäckig Fragezeichen in den Gesichtern, wenn man ihnen in aller Sachlichkeit erklärt, dass es sich um Ludwig Leos "Umlauftank 2" für die Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau der Technischen Universität Berlin handelt, was aus der Form eigentlich zweifelsfrei ersichtlich sein sollte. Allerdings muss man dazu natürlich wissen, was ein Umlauftank ist. Und die meisten Leute wissen noch nicht einmal, wer der Architekt Ludwig Leo war, es sei denn, sie gehören zu den Fans einer spezifisch Westberliner Architekturmoderne. Denn die wiederum bekommen bei dem Namen des Mannes, der außerhalb Berlins kaum etwas und in Berlin auch nicht viel hinterlassen hat, ein geradezu religiöses Leuchten in den Augen.

Bevor die Spielzeugindustrie Pink zur "Mädchenfarbe" erklärte, stand diese für das Gegenteil

Nun hatte die Wüstenrot-Stiftung den Bau von HG Merz aufwendig sanieren lassen, einem Architekten, der zuvor schon an der Alten Nationalgalerie und der Staatsoper einen Sinn für die empathische und gleichzeitig auch emphatische Wiederbelebung der Architekturen älterer Meister bewiesen hat. Dieses Wiederaufblühen eines lange vom Unterholz verschluckten Baus sollte dieser Tage mit einem großen Buch und einer kleinen Ausstellung gefeiert werden. Nun musste die Ausstellung den allgemeinen Umständen in der Corona-Krise zum Opfer fallen. Aber das Buch, immerhin, ist jetzt in dem feinen Kunstverlag Spector Books in Leipzig erschienen, und das heißt auch: Während man in Berlin zwar rätselnd um das Ding herumjoggen kann, bis der Kopf die Farbe der Röhre hat, kann man auch überall sonst nachlesen, was eigentlich da drin steckt. Nämlich Wasser und Schiffsschrauben.

Man wollte damals jede Farbe, die ein bisschen optimistischer war als das Grau an den Brandwänden und in den Gesichtern der Kriegerwitwen.

(Foto: Philipp Lohöfener)

Der Architekturhistoriker Gregor Harbusch, ein promovierter Ludwig-Leo-Experte, erklärt hier auch für Laien halbwegs verständlich, wie das Wasser mit einer gewaltigen Turbine von unten durch die Röhre gepumpt wird, damit oben in der Halle das Verhalten von Schiffsmodellen in der Strömung getestet werden kann, bevor das Wasser wieder nach unten fließt. Wer zuvor nie etwas von Kavitation gehört hatte, weiß trotzdem nach ein paar Seiten, dass diese tückische Entwicklung von Gasblasen an Schiffsschrauben im Prinzip nur diese Anordnung der Dinge zuließ und kaum eine andere.

Auf hinreißenden Fotos sieht man Ingenieure einer zukunftsgläubigeren Zeit solche Sachzwänge besprechen, mit bumsfest gezogener Krawatte unterm Anzug, Zigarette in der Hand und mutigen Siebzigerjahre-Koteletten - einen Mann wie Christian Boës zum Beispiel, den der damalige Senatsbaudirektor Hans Christian Müller nur mit Mühe und Amtsgewalt davon abhalten konnte, gleich das ganze Bauwerk alleine zu entwerfen.

Müller hatte die Aufgabe dann seinem Studienfreund Leo zugeschustert, um das ingenieurtechnische Denken gewissermaßen baukünstlerisch zu kanalisieren. Das Ergebnis gleicht nun innen einem Schiffsraum, in dessen Zentrum statt des Dieselmotors wiederum verkleinerte Schiffsmodelle stehen, als wäre das Ganze eine Matrioschka-Puppe, und von außen ist es gewissermaßen Berlins Äquivalent zur Techno-Architektur des Pariser Centre Pompidou von Richard Rogers und Renzo Piano.

Ein Umlauftank - das wissen nur wenige - dient dazu, das Verhalten von Schiffsmodellen in Strömungen zu testen.

(Foto: Wüstenrot-Stiftung)

Es ist so gesehen kein Wunder, dass Leos Arbeit nicht zuletzt in England bei der technofuturistischen Gruppe Archigram auf Begeisterung stieß, die ja ganz Ähnliches propagierte: Maschinen als Gebäude, Skulpturen als Architektur, neue, industrielle Materialien... Die sogenannte "Rosa Röhre" ist vermutlich das weltgrößte Beispiel für die gestaltprägende Rolle von Polyurethan-Schaum im Zentrum einer Metropole.

Technisch war der Schaum zur Wärmedämmung nötig. Und die Farbe? In einem rührenden Interview beschreibt einer der Schiffsbauingenieure von damals, wie verstörend das Pink auf die Westberliner wirkte. Rührend ist das Interview vor allem deshalb, weil hier von all den herrlichen Ideen die Rede ist, die diese Wasserbauingenieure damals noch so hatten, etwa den Zusammenschluss der städtischen Gewässer zu einer Kette von Erlebnisbädern, komplett mit künstlicher Strömung und Wellen zum Surfen und allem, woran es sonst noch fehlte, in der ummauerten Stadt.

Nach dem Dafürhalten von Senatsbaudirektor Müller zählten dazu eindeutig auch jede Art von Farbe, die ein bisschen optimistischer war als das Grau an den Brandwänden und in den Gesichtern der Kriegerwitwen: Er war der Mann unter dessen Ägide in Westberlin eine einzigartige Ära der sogenannten Pop-Architektur anbrach. Fast alle Beispiele sind inzwischen Fälle für den Denkmalschutz, und die Auffrischung von Leos Umlauftank 2 ist schon mal ein erfreuliches Zeichen der Wieder-Wertschätzung solcher Gesten in einer Zeit, in der Berlins Baugeschehen sich vor allem auf die Errichtung von unterwäschefarbenem Investorenbarock mit bodentiefen Fensterschlitzchen konzentriert.

Der Umlauftank 2 ist das weltgrößte Beispiel für die gestaltprägende Rolle von Polyurethanschaum.

(Foto: Marcus Ebener)

HG Merz hat also nicht nur den PU-Schaum um die Röhre erneuert, in den über die Jahrzehnte Spechte ihre Schnäbel und sogar Birken ihre Wurzeln geschlagen hatten. Er hat auch das Pink wieder zum Leuchten gebracht, das er in diesem Fall darauf zurückführt, dass Leo sich von der industriellen Einfärbung und Verpackung bestimmter Baufertigteile inspirieren lassen hatte. Allerdings ist Merz mittlerweile selbst eine Art Spezialist für eminent rosafarbige Gebäude. Zuletzt hatte er der sanierten Staatsoper Unter den Linden eine entsprechende Auffrischung verpasst und dabei auf Friedrichs II. Vorliebe für diesen Ton verwiesen. Denn lange bevor die Spielzeugindustrie auf den sonderbaren Gedanken verfiel, Pink zur angeblichen "Mädchenfarbe" zu erklären, stand diese, wenn überhaupt, dann eher für das Gegenteil. Den gut meinenden Kampagnen gegen die "Pinkifizierung" der Welt, die dieses wirklich ärgerliche, weil auch noch irrige Genderklischee leider noch perpetuieren, indem sie es bekämpfen, wird diese knallige Farbe vermutlich auch nicht mehr viel sympathischer, wenn man darauf hinweist, dass sie jedenfalls in Berlin sogar einen deutlichen Unterton von Militarismus hat: Selbst das barocke Zeughaus, die Waffenkammer der Hohenzollern, musste außen schon so leuchtend rosa sein wie die frisch durchbluteten Wangen eines Soldaten beim Marschieren.

Leos Ingenieurs-Pink ist in diesem Sinne nicht ganz so harmlos freundlich wie es auf den ersten Blick vielleicht aussieht. Denn auch dieses Gebäude hat einen kriegerischen Kern. Der Eingang liegt nämlich in einem Gebäudeteil, in dem Wilhelm II. einst Schiffsmodelle für die kaiserliche Marine testen ließ, in absurder Entfernung von jedem offenen Gewässer, aber in praktischer Nähe zum Kriegsministerium. Sogar bei Leos pink-blauem Mysterienbau dürfte es zumindest in der Planungsphase noch um den Test von militärisch relevantem Gerät gegangen sein, obwohl das der alliierte Status der Stadt gar nicht zuließ. Umso verheißungsvoller macht sich dieser Farbkontrast aber auf dem hinreißenden Umschlag des Buchs, in dem alle diese Erstaunlichkeiten jetzt nachzulesen sind.

Ludwig Leo: Umlauftank 2. Hg.: Wüstenrot-Stiftung. Spector Books, Leipzig 2020. 28 Euro.

© SZ vom 16.05.2020

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