Alben der WocheGitarrennoten schwer wie Teenagertränen

Sein posthumes Album zeigt Lil Peep als Pionier, dem Großruhm geblüht hätte. Und Planningtorock setzt nach der Beerdigung des Patriarchats auf Introspektion.

J Mascis - "Elastic Days" (Sub Pop)

Kuschelrock hat unter Pop-Connaisseuren wohl zurecht einen eher schlechten Ruf. J Mascis, langhaariger Kopf der Band Dinosaur Jr., macht sich auf seinem neuen Soloalbum "Elastic Days" (Sub Pop) daran, diesen Begriff neu zu besetzen. Behutsam geschrubbte Akustikgitarren, eine Stimme wie ein verkaterter Sonntagmorgen: leicht angekrächzt und doch wohlig sanft. Und eben jene ausufernden Gitarrensoli, die man wie eine Hängematte an den Songenden festknüpfen will, um sich in sie hineinzukuscheln. Nun stehen ausufernde Gitarrensoli gleich im Verdacht des streberhaften Muckertums. Und heilige Dilettanten waren Dinosaur Jr. trotz rumpelrockiger Vergangenheit im Grunge-Umfeld natürlich nie. Im Gitarrenspiel von J Mascis geht es jedoch niemals um Virtuosität, sondern immer um Gefühl. Das passt viel besser zu diesen Songs, die auf herrlichste Weise Leistung verweigern. Im Titelsong "Elastic Days" werden die Tage elastisch, die Zeit dehnt sich, irgendwann dröppelt eine Gitarre herein. Entspannungsmusik, ja, aber nicht auf diese hinterhältige, auf Selbstoptimierung ausgelegte Art, sondern mit klar antikapitalistischer Haltung: "I don't peak too early/ I don't peak at all", singt Mascis auf "See You At the Movies". Ich erreiche meinen Höhepunkt nicht zu früh. Ich erreiche ihn gar nicht. Von Julian Dörr

9. November 2018, 05:052018-11-09 05:05:26 © SZ.de/doer