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Pop:Abgesang und Wiedergeburt

Jeder Raum, in dem diese Musik erklingt, wird sich verändern: Bob Dylans "The 1966 Live Recordings" sind das Pop-Archiv-Ereignis des Jahres.

Von Max Dax

Die verdammte Akustikgitarre bringt's nicht mehr. Sie verstimmt sich ständig. Gefühlt endlos versucht der Sänger, sein Instrument wieder aufführungsfähig zu machen. Dabei spricht er zu seinem zunehmend ungeduldiger werdenden Publikum: "C'mon! Wenn ich heute Abend hierhergekommen wäre, um euch zu sehen, würde ich mich nicht so benehmen." Dränggg. Buhrufe aus dem Publikum. Doioioioinggg. "I'm very sorry! Ihr könnt ja Bowling spielen gehen, warum seid ihr nur so gelangweilt?" Dengeldengel. "Das passiert mir mit meiner elektrischen Gitarre nie." Dengel. Nach etlichen, surreal unterhaltsamen Minuten beginnt der nächste Song. Die Gitarre stimmt wieder.

Von Bob Dylans Konzert im Pariser Olympia am 24. Mai 1966 gab es bisher nur eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Fotos von Dylans Tourfotografen Barry Feinstein, unter anderem eines, das den Sänger im Hotel George V beim Ausblasen der Kerzen seiner gigantischen, mehrstöckigen Geburtstagstorte zeigt: Drei Nächte vor dem Ende seiner zweiten Welttournee feierte Bob Dylan bestens dokumentiert seinen 25. Geburtstag mit französischer Popstar-Prominenz wie Johnny Hallyday, Charles Trenet und Françoise Hardy. Die Aufnahme des Pariser Konzertes galt hingegen bis vor Kurzem als Heiliger Gral unter Dylans verschollenen Konzertaufnahmen.

Das Pariser Konzert, das Dylan vor einer gigantischen, den gesamten Horizont der Bühne füllenden amerikanischen Flagge - Provokation im Vietnamkrieg! - vor ausverkauftem Haus gegeben hat, ist jetzt auf zwei CDs veröffentlicht worden. Und mit ihm kommen 34 weitere CDs, die alle verfügbaren Mitschnitte der 1966er Tour jetzt in einer kompakten, ziegelsteingroßen Box versammelt: "Bob Dylan: The 1966 Live Recordings".

Wer kommt bei einer solchen Mammutveröffentlichung — zumal Dylan ja gerade auch der Literaturnobelpreise verliehen wurde — nicht reflexhaft auf den Gedanken, dass ein solcher Berg von Tonträgern, die noch dazu stets ein und dieselbe Songauswahl abbilden, ein billiger Versuch sei, ein Momentum später Popularität kommerziell auszunutzen?

Dylan

Der heilige Gral unter den einst verschollenen Konzertaufnahmen des Meisters: Bob Dylan im Pariser Olympia am 24. Mai 1966, seinem 25. Geburtstag.

(Foto: AP)

Tatsächlich dürfte es sich bei den "1966 Live Recordings" indes um die Pop-Archiv-Sensation des Jahres 2016 handeln - vergleichbar womöglich nur mit der Vorstellung, von Jean Luc Godard, Andy Warhol oder Michelangelo Antonioni seien in einem Archiv etliche Stunden unveröffentlichter Filme gefunden und veröffentlicht worden.

Jeder Raum, in dem diese Musik erklingt, wird sich verändern

Bezeichnenderweise beginnt die Aufnahme der ersten in der Box enthaltenen CD vom Konzert in Sydney am 13. April 1966 mit einem Bandsalat, aus dem heraus sich aber bald eine intensive, konzentrierte Gesangs- und Klangstimmung entfaltet, die nur als magisch bezeichnet werden kann. In die Stille des aufmerksam lauschenden Saals hinein singt Bob Dylan die bittere Liebesballade "Visions Of Johanna". Wie es sonst fast nur mit intimen Jazzaufnahmen aus den Sechzigern passiert, wird sich jeder Raum, in dem diese Musik erklingt, verändern. Es ist merkwürdig, aber wahr: Da werden Zeilen gesungen wie "Lights flicker from the opposite loft / In this room the heat pipes just cough / The country music station plays soft / But there's nothing, really nothing to turn off", und seine Stimme, eingebettet in den Raumklang der Aufnahme, teleportiert den Hörer in einen ätherischen Moment, an dem Dylan mehrere Transformationen zugleich durchläuft.

Einerseits verabschiedet sich Dylan mit belegter Stimme von dem Sound, mit dem er erst zwei Jahre zuvor weltberühmt geworden war. Er verabschiedet sich vom akustischen, hypnotischen Vortrag nicht nur der Protestlieder (er singt keine), sondern, mit dem erwähnten "Visions Of Johanna", sogar von einer Nummer, die zum Zeitpunkt der Live-Aufnahme noch unveröffentlicht ist. Sie wird erst wenige Wochen später auf dem Album "Blonde On Blonde" - und dort elektrifiziert arrangiert - erscheinen. Dylans Performance ist gleichwohl oder gerade deshalb hoch konzentriert, jede Silbe wird mit fast schon penibler Klarheit und Wachheit ausgesungen. Sich selbst begleitet Dylan mit einer lyrisch angeschlagenen, ruhigen, minimalistischen Spielweise auf der akustischen Gitarre sowie gelegentlichen, extrem schneidenden, pointierten Mundharmonika-Soli. Einer uralten Vortragsform - Folk, beeinflusst vom Blues und schottischen Balladen - injiziert Bob Dylan in diesen Momenten eine Modernität, die auch fünfzig Jahre später noch Fragen stellt.

Nur wenige Minuten später: Nach dem stets identischen Akustik-Programm und einer kurzen Pause kehrt Dylan mit kompletter Band und diesmal elektrisch verstärkt in für damalige Zeiten größtmöglicher Lautstärke auf die Bühne zurück und spielt weitere acht Songs. Es ist Musik der Zukunft. Und wie ein Negativ materialisiert sich hier die Idee einer Moderne, nur dieses Mal ist sie ins Morgen gerichtet. Diese Inszenierung von Abgesang und Wiedergeburt liefert Dylan während seiner dreimonatigen Tournee insgesamt 48 Mal. Jedes Mal der gleiche Konzertablauf, niemals dieselbe Stimmung. Das ist die aufregende Geschichte der "1966 Live Recordings". Dass Dylan seine eigene, elektrifizierte Vision der Rock-Moderne gegen den großen Widerstand nicht weniger seiner Fans durchsetzen musste, ist der ewige Mythos der Ereignisse um Dylan im Jahr 1966. Zum Gegenstand popkultureller Diskussionen wurde die Tour durch eine zunächst illegale, später dann offiziell veröffentlichte Aufnahme aus der Londoner Royal Albert Hall, die tatsächlich wenige Abende zuvor in der Free Trade Hall in Manchester aufgenommen worden war. Da schrie bekanntlich ein Fan, von der Abkehr des Sängers von der Folkmusik enttäuscht: "Judas!" Ebenso bekanntlich antwortete Dylan von der Bühne: "You are a liar."

Fast die gesamte Tour über sah sich Bob Dylan einer schwankenden Begeisterung des Publikums während seiner knapp einstündigen Solo-Show und einer von Stadt zu Stadt unterschiedlich lautstark zum Ausdruck gebrachten Ablehnung während seines fast ebenso langen elektrischen Sets gegenüber. Dass man jetzt diese Reibungsenergie über mehrere Konzerte hinweg verfolgen und so vergleichen kann, erklärt, weshalb genau diese Konfrontation von Sänger und Publikum, diese Annahme der maximalen energetischen Aufladung eines Konzertabends, rückblickend als Initialzündung von Dylans Weg weg vom Entertainer hin zum selbstbestimmten Künstler gilt. Wenn man die Aufnahmen heute zum ersten Mal mit eigenen Ohren hört, wundert man sich auch gar nicht mehr, dass Punkrocker von Tom Verlaine über Jeffrey Lee Pierce bis hin zu Mark Stewart die aggressive, fordernde Haltung Dylans gegenüber seinem Publikum generationsübergreifend als beispielhaftes Rollenmodell aufgreifen sollten.

Von den Konzerten in Europa 1966 gibt es einen bis dato nie veröffentlichten - und auch in der 36-CD-Box nicht enthaltenen - Film von D. A. Pennebaker namens "Eat the Document". In schwarz-weißen Cinéma-vérité-Bildern und in Sound und Bild radikal-intuitiv geschnitten, reiht diese 52-minütige Dokumentation Aufnahmen von Bahnfahrten durch England, Backstage-Dialoge, Ausblicke aus Hotelfenstern und sonstiges vermeintlich Nebensächliches sowie etwas Live-Material zu einem elektrisierenden größeren Ganzen aneinander. In jedem Schnitt werden dabei die Möglichkeiten der assoziativen Narration im Film ausgelotet. Nicht unähnlich ging Dylan in den Konzerten mit seiner Musik vor.

In Paris übrigens wurde Dylan bei seinem elektrischen Set nicht ausgebuht. Auch das ist eine Erkenntnis dieser Aufnahmen. Zuvor fast immer. Auch drei Abende später in London wieder. Moderne Zeiten waren das, man wünscht sie sich fast zurück.

© SZ vom 15.12.2016
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