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Pop:20 Jahre Afterhour

Aim of Design

Ein paar Jahre hat sie pausiert, nun kehrt sie zurück, die Band "The Aim Of Design Is To Define Space". In ihrem neuen Video reflektieren sie das traurige neue Berlin - ohne Anflug von Nostalgie.

(Foto: The Aim Of Design Is To Define Space)

Die Band "The Aim Of Design Is To Define Space" zeigt im neuen Video Berlins bauliche Mutlosigkeit und lädt zum "Dialog mit der Jugend".

Die beste Berliner Band, die nie richtig berühmt wurde, ist zurück, oder: die schlaueste Berliner Band, die man aufgrund ihres Namens immer auch ein bisschen prätentiös finden konnte. The Aim Of Design Is To Define Space. Wer sich so einen Namen gibt, der will ja gar nicht von jedem toll gefunden werden. Die Nix-Checker, die Feinde der Schlauheit, sollen ruhig mit den Augen rollen. Wie auch immer: Die Band mit dem mutmaßlich längsten Bandnamen der Popgeschichte, gegründet ums Jahr 2000 herum zwischen Erkner, dem brandenburgischen Gosen und Berlin-Mitte, pausierte einige Jahre. Es waren Jahre, in denen Berlin einen neuen Flughafen bekam, oder so, und ein altes neues Schloss. Es waren Jahre, in denen man jedes Mal, wenn man als Journalist ins Soho House in der Torstraße 1 musste, um dort Star X oder Star Y zum Interview zu treffen, daran zurückdachte, wie schön das war, als die Band draußen - vor dem einstigen Kaufhaus Jonaß, das später zum Haus der Reichsjugendführung gemacht wurde und noch einmal später zum Sitz des Zentralkomitees der SED - mit einer Horde supercooler Ostberliner BMX-Kids vorbeiradelte, in einer Szene ihres herrlich postadoleszenten "Geboren im Winter"-Videos (2007). Inzwischen ist in Berlin so gut wie jeder Freiraum genutzt, fast jede Lücke, die noch an die Nazis und/oder die DDR erinnern mochte, mit ästhetisch anspruchslosester Investoren-Architektur gefüllt. Das Immobilien-Pendant von Spritzschaum, wenn man so will.

Manche der Berliner Orte sind auch auf den zweiten oder dritten Blick kaum zu identifizieren

Darum scheint es in dem Video zu der Comeback-Single "AIM #@%!$" zu gehen. Sie ist gerade auf Monkeytown Records erschienen, dem Label des berühmten Berliner Rave-Duos Modeselektor. In dem Video sieht man nicht The Aim Of Design Is To Define Space selbst - auch wenn sie immer noch gut aussehen, besonders Texter "Schulzky" und Sänger "Einhorn". Man sieht: Berliner Orte, von denen manche auch auf den zweiten oder dritten Blick kaum zu identifizieren sind. East Side Gallery, Flottwellstraße am Gleisdreieck, das Ufer an der Stralauer Allee - alles voll mit dieser generischen, irgendwie modernen, neu hochgezogenen Mutlosigkeit.

Die Musik dazu klingt so, wie sich der Titel "AIM #@%!$" schon liest: wirr, wütend, tosend. Der Song ist quasi eine Berliner Überschreibung von "Born Slippy", dem Underworld-Hit aus dem britischen Raver-Film "Trainspotting". Da ist ein fetter Techno-Rumms, der durch Hall noch fetter wird. Darüber ist der Laberflash eines Berliner Ravers gelegt. Er redet ohne Punkt und Komma, vom "Ost-Blues", von der "Besoffene-Ferienwohnung-Boomer-Invasion", der "Lonely-Planet-Zomby-Fuckery", und so weiter. Da ist wohl jemand nach zwanzig Jahren Afterhour aus dem Club gestolpert und erkennt seine Stadt nicht wieder. Alles ist nur noch ein langes, verstrahltes "Hääää?".

Hängengeblieben, würde man sagen. Wobei sich The Aim Of Design Is To Define Space bewusst sind, dass man als Band gegen Gentrifizierung oder überhaupt gegen den Wandel einer Stadt natürlich anspielen kann - aber aufhalten wird man sie dennoch nicht. So verlockend ein Neunzigerjahre-Nostalgie-Trip auch ist, künstlerisch ist er eher eine Falle. Weswegen die Band in dem Video gar nicht zu nostalgisch wird, sondern eher den Nostalgie-Mechanismus selbst befragt: Als Stellvertreter für sich haben sie einen präpubertären Skater-Jungen engagiert. Ein unbeschriebenes Blatt, sozusagen. Der Junge blickt schon sehr lässig und superernst in die Kamera. Und steht vor der Volksbühne. Und sie haben ihm ein Ramones-T-Shirt angezogen!

"Das Westberlin Nick Caves, der Neubauten, des Linientreu haben wir leider verpasst ..."

Da lauert also die Frage, was von den ganzen kulturellen und subkulturellen Mythen bleibt, wenn sie im Lauf der Zeit Warenform annehmen, wenn sie verscherbelt werden, als T-Shirt, als Religion, als Lebensstil. Und was ist, wenn der Mythos eine ganze Stadt ist? Eine Stadt, die wie Berlin Beute und Kapital zugleich ist? All diese Fragen beantwortet das Video nicht, aber das ist ja auch gar nicht seine Aufgabe.

Die Veröffentlichung dieser tollen Single werden The Aim Of Design Is To Define Space an diesem Freitag mit einem Konzert im Kreuzberger SO36 feiern, dem legendären Punk- und Postpunk-Schuppen. Das passt natürlich ausgezeichnet zum Thema Nostalgie: "Als Ostberliner und/oder Zu-spät-Geborene kennen wir die popkulturelle Insel Westberlin nur aus Erzählungen: Das Westberlin Nick Caves, der Neubauten, des Linientreu mit seiner magischen Anziehungskraft haben wir leider verpasst, also holen wir es uns zurück", schreibt die Band mit subtilster Ironie in der Presseankündigung zum Konzert. Zurückholen geht natürlich nicht, und das wissen sie auch. Was geht, ist zitieren. Weswegen der Abend, bei dem auch die Bands Gewalt und Die Kerzen mit auftreten werden, unter dem Motto "Dialog mit der Jugend" steht.

Ein Martin-Kippenberger-Zitat. "Dialog mit der Jugend" nannte Kippenberger das berühmte Selbstporträt, das er 1981 von sich - mit einbandagiertem Kopf und gebrochener Nase - malte, nachdem er im SO36 mit der sagenumwobenen "Ratten-Jenny" aneinandergeraten war. Kippenberger war damals Geschäftsführer des Ladens und repräsentierte all das, was die Kreuzberger Punks hassten. Ein aus Köln zugezogener Kunstheini mit Geld ist Chef unseres "Esso"? Feindliche Übernahme! Auf ihn mit zerbrochener Bierflasche!

Das heißt: Auch damals knallte es in Berlin schon, wenn das zu bewahrende Alte auf das unwillkommene Neue traf, wenn es um Geld versus symbolisches Kapital ging. Wem gehört die Stadt? Nur gerade scheint die Antwort ausnahmsweise leicht zu fallen: denen, die über sie singen.

Dialog mit der Jugend. Mit The Aim Of Design Is To Define Space, Gewalt und Die Kerzen. Freitag, 18. Oktober, 19 Uhr. SO36, Berlin-Kreuzberg.