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Polnische Gegenwartsliteratur:Kein Glück ohne Bitternis

„Sorglose, mädchenhafte Ausgelassenheit“: In ihrem Buch bringt Monika Sznajderman die Fotografien zum Sprechen, die Verwandte aus Übersee ihr geschickt haben. Hier laufen ihre Großmutter Amelia (links), deren Cousine Frania und die Mutter Franias im Jahr 1928 über eine Wiese in Miedzeszyn.

(Foto: Monika Sznaiderman)

Ein Beitrag zur Vergangenheitspolitik: Die Verlegerin und Autorin Monika Sznajderman erzählt in ihrem Buch "Die Pfefferfälscher" die Geschichte ihrer polnisch-jüdischen Familie.

Seit Kurzem will die polnische Regierung per Gesetz dafür sorgen, dass Polen nicht mehr in Zusammenhang mit der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg gebracht werden darf. Tatsächlich ist der häufig verwendete Ausdruck "polnische Konzentrationslager" irreführend. Dass die Sachlage damit aber nicht hinreichend geklärt ist und es um mehr als Geschichtspolitik geht, zeigt die 1958 geborene Autorin und Verlegerin Monika Sznajderman. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Andrzej Stasiuk, hat sie in ihrem Verlag Czarne ein Forum für unabhängige Literatur geschaffen.

Es ist eine sehr persönliche, so spannende wie traurige Geschichte. Sie ist geprägt davon, dass Sznajdermans Eltern ganz unterschiedlicher Herkunft sind: die Mutter stammt aus einer polnischen Gutsherrenfamilie, ihr bald neunzigjähriger Vater hat Auschwitz überlebt. Noch die Jugend seiner Mutter war unbeschwert. Amelia Rozenberg war eine emanzipierte höhere Tochter aus dem assimilierten Judentum, leichtsinnig und gescheit. Sie veröffentlichte Erzählungen, posierte auf Fotos als Bäuerin, die Kohl verkaufte, tanzte gern und schrieb schöne Briefe: "Wenn man wenigstens auf diesen Frühling wie auf eine fahrende Straßenbahn aufspringen und mit der Zeit reisen könnte, dann würde es sich lohnen, ein paar Knochenbrüche zu riskieren. Weil aber die Welt nicht so vollkommen ist, wie der Mensch sie eingerichtet hätte, wenn er Gott wäre, so ist, wie der Dichter richtig sagt, jedes Glück mit Bitternis angemacht."

Die andere Großmutter , die Gutsherrentochter Maria Lachert, hätte sich mit Amelia wohl gut verstanden. Auch sie sprach mehrere Sprachen, trank Whiskey, rauchte Zigaretten, wirkte emanzipiert. Die beiden lernten sich nie kennen. Amelia starb während eines Pogroms in der ukrainischen Stadt Zloczow am 3. Juli 1941. Sie war mit Monika Sznajdermans Vater und seinem kleinen Bruder vor den deutschen Truppen nach Osten geflohen.

Eine Überlebende hat geschildert, wie polnische Bekannte das Pogrom im Schloss erlebten, bei dem dreitausend Juden gedemütigt und dann von deutschen Soldaten erschossen wurden: "Ich hörte, wie die Jankowskis sich unterhielten: ,Nun, jetzt haben wir den Juden wenigstens eine Lektion erteilt.' Die Jankowska war eine ältere Frau, die Mutter des Arztes. Sie zählte einzelne Menschen auf, die man hinaufgetrieben hatte und freute sich:,Gut, dass es den nicht mehr gibt und jenen, der Kommunismus ist ihnen endgültig vergangen. Unsere Polen haben es nie verstanden, so radikal mit ihnen abzurechnen, wie die Deutschen'."

Manchmal scheint es, als müsse die Autorin gegen alle Schweiger die große Trommel rühren

In Yad Vashem werden auch viele Polen als Gerechte geehrt. Andere haben vom antisemitischen Regime der deutschen Besatzer profitiert. Oft durch Plünderung oder Übernahme von Wohnungen oder Häusern. Nach dem Krieg hatten die Profiteure Angst vor Rückkehrern. Eliasz Sznajderman, ein Onkel, der es wieder nach Radom schaffte, wo die Sznajdermans - über Generationen tatsächlich Schneider - bis zur Verfolgung gelebt hatten, beschreibt die Stimmung in seinen Erinnerungen. Im Frühsommer 1945 tauchen Flugblätter auf, die den wenigen verbliebenen Juden befehlen, die Stadt zu verlassen. Ein angeheirateter Verwandter wird umgebracht. In ganz Polen gibt es neue Pogrome. Eliasz Sznajderman emigriert nach Australien.

Zu den Leuten, die das Klima schufen, in dem er nicht mehr leben wollte, gehörte Gutsherr Zygmunt Lachert, ein Bruder der anderen Großmutter von Monika Sznajderman. Ursprünglich waren die Lacherts Liberale mit einem Hang zur Freimaurerei. Doch während der Dreißigerjahre rückte die "Nationale Partei" (SN), der Zygmunt als höherer Funktionär angehörte, abrupt nach rechts. Sie wurde, so Sznajderman, "offen faschistisch". Weit vorausschauend forderte man schnell mal ein "judenfreies Nachkriegs-Polen".

Sznajderman macht es sich nicht leicht. Sie überprüft jedes Urteil doppelt, denn die Sachlage ist oft nicht einfach. Ein paar Kilometer vom Gutshof der Lacherts entfernt liegt Lezcna, ein damals mehrheitlich jüdisches Dorf, in dem Zygmunt Lachert Freunde hatte. Doch offensichtlich übernahm er eine Position, die für Teile der polnischen Oberschicht typisch war und auch aus Deutschland gut bekannt ist: privat kann man Juden schätzen, aber das sind nicht die, gegen die sich die Politik richtet.

In seinen Erinnerungen erzählt Lachert, wie er, viel zu spät, wieder nach Leczna kommt. Er sieht Leichen und Verletzte, vermisst seine "Freunde" und realisiert: "Wir haben uns alle gerettet. Sie sind alle umgekommen."Ein Erwachen nach dem großen Versäumnis? Noch im Rückblick stellt Lachert das bisher verdrängte Elend in Lezcna und im Warschauer Ghetto der Situation der wohlhabenden Juden gegenüber, die "die quälende Hoffnungslosigkeit mit Champagner herunterspülen."

Manchmal wirkt Sznajderman argumentativ umständlicher und pathetischer als hierzulande üblich. Wohl, weil die Geschichtsbewältigung der "Pfefferfälscher" in Polen so stark ist. Es scheint, als müsste die Autorin gegen alle Schweiger die große Trommel rühren. Mehrmals lässt sie ein "Wir" auftreten, das bei der Vernichtung der Juden zugeschaut habe. Manchmal meint sie damit die Lacherts, manchmal alle Polen - und hält damit dem offiziellen Patriotismus den Spiegel vor. Aber die wirkliche Stärke dieses leidenschaftlichen Buchs liegt in den vielen kleinen und großen Geschichten, die das Leben der Juden wie der Konservativen im Polen des zwanzigsten Jahrhunderts gleichermaßen anschaulich machen.

Dass die Gutsherrenfamilie, bis auf einen kommunistischen Bruder, im Nachkriegspolen unten durch musste; dass das Gut heute vor sich hin zerfällt, ist eine böse Ironie der Geschichte. Am Ende ist klar: beide Teile der Familie gehörten, zu verschiedenen Zeiten, der falschen Seite an. Dass Sznajdermans Vater, der als Sechzehnjähriger aus Auschwitz befreit wurde, seine Geschichte ohne psychische Schäden überlebt hat, ist ein Wunder. Und gut für das Buch ist, dass viele Fotografien, die den Zweiten Weltkrieg in Amerika überstanden, auch die unbeschwerte Vorkriegswelt nachvollziehbar machen.

Monika Sznajderman: Die Pfefferfälscher. Geschichte einer Familie. Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Martin Pollack. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 277 Seitern, 28 Euro.