bedeckt München
vgwortpixel

Polizeifotos aus der RAF-Zeit:Ein Werk von elementarer Wucht

Dann traf der Künstler Hendricks die Fotografin Magdalena Kopp. Eine Frau, die ihr ganzes Leben nicht glücklich war, am glücklichsten vielleicht noch, wenn sie in der Dunkelkammer stand. Das konnte sie nun tun für dieses Projekt - fünf Jahre lang. Sie und Hendricks haben aus den Polizeibildern das "Revolutionäre Archiv" gemacht, ein Buch wie ein Ziegelstein, ein "Argument", wie das die Demonstranten nannten, das man auch hätte werfen können (Verlag der Buchhandlung Walther König, 472 Seiten, 38 Euro).

Rot, schwer, dick. "Fast ein Totschläger", sagt Hendricks. Was er schon ein paar Mal als Videoinstallation, als Ausstellung ausgewählter Bilder gezeigt hat, ist nun mit der Hilfe von Kopp und dem Grafiker Harald Pridgar zu einem Werk von elementarer Wucht geronnen.

Kunst und Terror, Bild und Tod. Und die Frau, die das alles zusammenbringt. Der Videokünstler Hendricks und die Ex-Terroristin - für ihn war es sofort klar: Sie war das Missing Link, um seinen Fotoschatz zu bergen.

Der größte Schatz: ein Vergrößerungsapparat

Doch Kopp, die im Juni gestorben ist, war zeitlebens ein zurückhaltender, misstrauischer Mensch. Sie sah sich das alles an, sie hatte Interesse. Sie versuchten es dann auch drei Tage miteinander, später freundeten sie sich sogar an. "Aber nach den drei Tagen waren wir beide gottfroh, dass der andere wieder weg war", sagt Hendricks. "Sie war kein positiver Mensch."

Das war sie bei Gott nicht. Magdalena Kopp war ein Mensch des Zweifels, vor allem an sich selbst. Eine Frau, die aus ihrer kleinbürgerlichen Enge in Neu-Ulm herauswollte, nach Frankfurt ging, von dort in den Untergrund, nach Syrien, nach Libyen, in die DDR, nach Ungarn. Sie ließ sich von Carlos quasi wie als Beute ihrem Freund Weinrich wegnehmen. Erst als er in Haft saß, kehrte sie nach Deutschland zurück.

Die einzige Konstante in diesen Jahren waren ihre Augen, ihre Hände, ihr Talent. Sie hatte Fotografin gelernt, sie hatte mit der legendären Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann gearbeitet. Und ihr größter Schatz war ihr Vergrößerungsapparat - eine Maschine, groß und schwer wie ein Kühlschrank. Sie schleppte das Trumm auf ihrer Flucht durch die Welten sogar mit nach Venezuela.

Der Regisseur Nadav Schirman hat ihr 2012 in dem Film "In the Darkroom" den Platz in der Dunkelkammer des Terrors zugewiesen. In der Dunkelkammer fälschte sie für ihre Genossen Pässe, Führerscheine, tauschte Bilder aus. Diese Frau, die so lange das System bekämpft hatte, entwickelte nun in ihren letzten Lebensjahren die Bilder der Bullen. Und sie tauchte ein in ihre eigene Jugend, in das Frankfurt der Hausbesetzer, der Demonstranten, der roten Fahnen.

Sie sah nun mit den Augen der Polizei: Banküberfall Neu-Isenburg, unten die Dresdner Bank, daneben die "Teppich Etage". Und oben wie verirrt, ein Mann mit Maschinenpistole auf dem Dach. Ein älterer Mann in Anzug und weißem Hemd, der wie festgefroren am Eingang der Bank steht, davor ein Opel Rekord, in den ein Mann mit Mütze und Maschinenpistole eine Geisel zwingt. Die Bilder danach: die zersplitterte Seitenscheibe des Opels, der Steckschuss in der Zierleiste. Das Blut auf dem Beifahrersitz.

Angst, Gegenwehr, Kampf, Tod

Man muss gar nicht wissen, wie dieser Überfall ausgegangen ist. Man sieht: Angst, Gegenwehr, Kampf. Tod. Es sind existenzielle Momente, die in diesem Buch Seite für Seite füllen. Das ist nicht Happening, das ist nicht Joschka Fischer mit seinen Turnschuhen. Fischer war auf einigen dieser Bilder im Polizeiarchiv zu sehen, auch Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt bei großen Wahlkundgebungen.

Überall schaute die Polizei zu. Hendricks hat diese Fotos aber nicht ausgewählt. "Wir wollten keine Prominenten, das lenkt nur vom Eigentlichen ab." Und das Eigentliche ist der Archetypus des Menschen, der eine existenzielle Bedrohung erlebt.

Diese Bedrohung hat auch Kopp erlebt, sie konnte mit den Gefühlen, die diese Bilder hervorrufen, umgehen. Sie kannte sie. Offener sei sie gewesen in dieser Arbeit, entspannter als zuvor, sagt Hendricks. Aber glücklich? "Glücklich ist sie nicht geworden." Wenn es um die großen Fragen ihres Lebens ging, dann wurden ihre Augen weit - und sie verstummte. Nun liegt da das "Revolutionäre Archiv". Eine Zeit- und vielleicht auch eine Lebens-Erklärung.