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"Donbass" im Kino:Im Theater des Krieges

Filmstills

Fratzen aus der Kriegsregion - Szene aus "Donbass".

(Foto: Verleih)

Sergei Loznitsa zeigt in "Donbass" die umkämpfte Region der Ostukraine als Ort surrealen Horrors. Die Wirklichkeit ist inszeniert - und trotzdem tödlich.

"Schauen Sie sich um", schnauft der Typ in der schwarzen Lederjacke. Das Personal der Frauenklinik steht ungläubig im Eingang des Zimmers, in dem der Mann einen Schrank nach dem anderen öffnet und an jeder Ecke etwas Neues hervorzaubert: Fleisch, Toilettenpapier und Pampers. Wie, das Krankenhaus sei unterversorgt gewesen? Sehen Sie selbst! Ist doch alles da!

Dann wird das Personal hinausgeschickt, und der Typ geht ins Nebenzimmer, wo der Chefarzt sitzt und ihn mit einem warmen Kompliment empfängt: "Sie sind ein großer Schauspieler." Er hat dem aufgebrachten Personal nur eine Komödie aufgetischt. Dann besiegeln die beiden Männer den Deal: Der Chefarzt kriegt alles, die Kühlschränke voller Fleisch und auch die Pampers. Wozu auch immer er die braucht.

Das Krankenhaus befindet sich im Donbass, jener Region der Ostukraine, in der seit 2014 der Konflikt zwischen prorussischen, von Russland unterstützten Separatisten und regierungstreuen ukrainischen Truppen tobt. Korruption und Opportunismus blühen, die Propaganda läuft auf Hochtouren, das Leben verkommt zur Klamotte. Da ist eine Gruppe von Statisten, die für einen Filmdreh zurechtgemacht werden, um nach einem - inszenierten - Sprengstoffanschlag auf einen Bus vor Fernsehkameras betroffene Statements abzugeben. Den Anschlag sollen die "Faschisten" begangen haben, aus dem Westen, aus der regulären Ukraine oder gleich aus Deutschland. Die nächste Episode spielt in einem prunkvollen Sitzungssaal - die Mitarbeiter einer Zeitung singen eine Hymne. Dann betritt eine Frau den Saal und entleert einen Eimer Fäkalien über dem Chefredakteur - offenbar hat er einen verleumderischen Artikel über sie veröffentlicht. Die Szene erinnert an eine Operette, mit Gesang, Geschrei und dramatischen Gesten.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der ukrainische, vor allem durch Dokumentarfilme bekannt gewordene Sergei Loznitsa für den Konflikt in seiner Heimat interessiert. Schon in "Maidan" beschäftigte er sich dokumentarisch mit Bildern der ukrainischen Revolution. "Donbass", der dieses Jahr auf dem Festival von Cannes lief, ist nun ein Spielfilm, bestehend aus dreizehn angeblich auf realen Ereignissen beruhenden Episoden. Es geht um Propaganda, Armut, militärische Willkürherrschaft, menschliche Verrohung. Aber der Donbass ist für Loznitsa weniger ein konkreter geografischer Ort, an dem ein politischer Konflikt ausgetragen wird, als die weitläufige Kulisse einer Inszenierung, eines großen Kriegstheaters, bevölkert von lauter Schauspielern wie dem Typen in der schwarzen Lederjacke. Dafür hat Loznitsa in Cannes zu Recht einen Preis für seine Regieleistung erhalten.

Loznitsa zeigt, wie im Bürgerkrieg eine neue Realität ausgerufen wird

Loznitsa dehnt seine Kulisse schnell aus. Er geht rein ins Kriegsgebiet, an Checkpoints im Niemandsland, in Busse, die es durchqueren. Die resigniert vor sich hinblickenden Fahrgäste sprechen leise über ihre zerstörten Häuser, zu denen sie gerade zurückkehren oder bald zurückkehren werden. Wie Loznitsa ihre leisen Unterhaltungen filmt, ist beeindruckend, denn wenn gesprochen wird, sieht man nie, dass sich die Münder bewegen - ihr Sprechen kehrt nur ihre Stummheit nach außen. Auf diese Weise werden sie als Angehörige eines schweigenden Volkes erkennbar, die sich längst daran gewöhnt haben, Spielball anderer Instanzen und Interessen zu sein, die sie nicht verstehen und zu denen sie sich nicht äußern können. Es sei denn in einem innerlichen, privaten, inoffiziellen Gemurmel.

Loznitsa zeigt, wie eine neue Republik und mit ihr eine neue Realität ausgerufen wird. Um staatliche Territorien umzudefinieren, muss die Wahrnehmung der Wirklichkeit selbst neu geordnet werden - durch Symbole und mediale Bilder. Da sind die Fahnen der neuen Republik, die überall herumwehen, die Fake News im Fernsehen und die Bilder auf dem Handy, das Milizen einem Journalisten vor die Nase halten und ihn glauben machen wollen, die Spuren eines Massakers vor sich zu haben. In "Austerlitz" von 2016 hatte Loznitsa gezeigt, dass die Massen an Fotos, die Touristen in der Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen machen, eine adäquate Erinnerung an diesen Ort verstellen. In "Donbass" entsteht nun durch die Bilder eine ganz neue Realität - eine Parallelwelt, die von informellen, parastaatlichen Machtstrukturen regiert wird.

Die Wirklichkeit wird nur noch durch Bilder gemacht. Aber das macht sie nicht weniger real oder tödlich. Nachdem die Milizen dem Journalisten ihre "Beweise" vorgelegt haben, hagelt es Bomben. Und um einen Angehörigen der ukrainischen Truppen, den prorussische Milizen an einen Laternenpfahl gebunden haben, sammelt sich ein Mob, der mit dem blutenden und gedemütigten Soldaten erst für Selfies posiert und dann zunehmend in Lynchstimmung verfällt. Niemand wird verschont in diesem Kriegstheater. Die Schauspieler von heute sind die Leichen von morgen.

Donbass, UKR 2018. - Regie und Buch: Sergei Loznitsa. Kamera: Oleg Mutu. Mit Boris Kamorzin, Valeriu Andriuta. Edition Salzgeber, 121 Min.

© SZ vom 30.08.2018

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