Politkunstaktion Tiger in der Arena

Das Zentrum für politische Schönheit fährt für seine neue Aktion "Flüchtlinge fressen - Not und Spiele" große Geschütze auf.

Von Mounia Meiborg

Noch zwölf Tage bis zum Untergang. So steht es am großen Käfig, der vor dem Maxim-Gorki-Theater mitten in Berlin aufgebaut ist. Vier Tiger rekeln sich im Rindenmulch. Ein Dompteur im Gladiatorenkostüm schwingt die Peitsche. In zwölf Tagen sollen hier, so die Ankündigung, Flüchtlinge den Tigern zum Fraß vorgeworfen werden. Die aktuelle Flüchtlingspolitik, die manche leben und andere sterben lässt, soll als römischer Gladiatorenkampf re-enacted werden.

Wieder einmal haben die Aktionskünstler um Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit (ZPS) ein Untergangsszenario inszeniert. Diesmal heißt es "Flüchtlinge fressen - Not und Spiele" und geht so: Das ZPS hat ein Flugzeug gechartert, das Joachim 1 heißt. Am 28. Juni soll es 100 syrische Flüchtlinge aus Izmir nach Berlin bringen - auf einem sicheren Weg also, der allerdings gegen Paragraf 63, Absatz 3 des Ausländergesetzes verstößt. Demnach müssen Fluggesellschaften Strafen von 1000 bis 5000 Euro bezahlen, wenn sie einen Menschen ohne Pass oder gültiges Visum befördern. Bundespräsident Joachim Gauck soll den Bundestag bis zum 24. Juni davon überzeugen, den Passus zu streichen und den Flug zu ermöglichen. Wenn nicht, werden in Berlin Flüchtlinge, die sich freiwillig dazu bereit erklären, geopfert.

Die Aktion bedient sich der bewährten Zutaten des ZPS. Ein symbolischer humanitärer Akt wird inszeniert (syrische Kinder aufnehmen, Europas Grenzen öffnen, im Mittelmeer ertrunkene Migranten beerdigen), dabei wird auf reale historische Ereignisse angespielt. Nur, dass diese Anspielungen diesmal ins Leere laufen. Um Parallelen zwischen der durchbürokratisierten EU und dem Römischen Kaiserreich zu finden, braucht es reichlich Fantasie. Der Hinweis, beide Systeme seien "barbarisch", hilft da auch nicht. Anders als bei ihrer bisher besten Aktion, der "Kindertransporthilfe des Bundes", die auf die Transporte deutscher Kinder während des Zweiten Weltkriegs verwies, gibt es diesmal keine historische Anknüpfung, die funktioniert. Damals meldeten sich 7000 Deutsche, die syrische Kinder aufnehmen wollten. Die Fiktion hatte die Wirklichkeit überschrieben.

Diesmal ist alles von Anfang an Theater. In einer nachgebauten Bundespressekonferenz - holzvertäfelter Tisch, blauer Hintergrund - erklären die Aktionskünstler um den Dramaturgen André Leipold mit ernsten Gesichtern ihre Aktion. Fragen dürfen nicht gestellt werden. Im Foyer steht verloren eine römische Sänfte herum. Zwischen altem Rom und Berliner Bundesrepublik ist diese Inszenierung vor allem eines: unentschieden.

Die Filmemacher beherrschen ihr manipulatives Handwerk besser. Im vierminütigen Trailer zur Aktion gibt's dramatische Bilder, Hollywood-Musik, dazu eine große Portion Personalisierung und Simplifizierung (natürlich ist das Problem nicht der Paragraf 63, Absatz 3. Auch ohne ihn würden Flüchtlinge, die ohne Aufenthaltstitel am Flughafen landen, sofort zurückgeschickt). Joachim Gauck wird zum Retter stilisiert. Mit der postheroischen Gesellschaft wollen sich die Aktionskünstler offenbar partout nicht abfinden - und sehnen sich anscheinend nach Zeiten römischer Imperatoren zurück.

Ein Touch von Weltuntergang liegt über allem. Am Tigerkäfig läuft der Countdown. So entsteht ein Szenario der Dringlichkeit, das kein Argument, kein Zögern, keinen Widerspruch zulässt. Und das suggeriert, man stehe an einem historischen Scheideweg und müsse wählen. Eine rhetorische Taktik, die übrigens auch der "Islamische Staat" gern benutzt. Der aggressive Humanismus der Aktionskünstler zeigt hier seine totalitäre Seite. Und ist dabei unfreiwillig komisch.