Politisches Jugendbuch Eingekesselt

Ein Geschwisterpaar gerät auf gefährlich abenteuerlichen Wegen in die Belagerung und den Krieg um Leningrad.

Von Siggi Seuss

Davide Morosinotto, der in diesem Jahr mit seiner "Mississippi-Bande" für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist, widmet sich in seinem neuen Roman "Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow" einem historischen Thema, der jahrelangen Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, der über eine Million Zivilisten zum Opfer fielen. Lässt sich unsagbares Leid sagbar machen? So wie vor einigen Jahren, im Resultat umstritten, John Boyne und David Safier versuchten, die Nazityrannei auf die Ebene von Erzählungen für Jugendliche zu transformieren, erzählt nun Davide Morosinotto von den Anfängen der Leningrader Blockade an Hand der fiktiven Tagebücher eines dreizehnjährigen Zwillingspaars aus Leningrad, Viktor und Nadja. Die beiden werden bei einem Kindertransport kurz vor der Einkesselung der Stadt getrennt und verlassen Leningrad in verschiedenen Zügen.

Dramaturgisch, stilistisch und gestalterisch ist Morosinotto ein beeindruckender Roman gelungen. Der Autor veranschaulicht die Ereignisse mit zahlreichen Dokumenten, Bildern, Karten und Zeitungsausschnitten und lässt aus drei verschiedenen Perspektiven erzählen: aus der Sicht Viktors (in roter Schrift), aus der Sicht Nadjas (in blauer Schrift) und - in Form von Rand- und Zwischenbemerkungen - aus der Sicht eines Volkskommissars, der das Verhalten der beiden jungen Menschen nach dem Ende des Krieges beurteilen soll: Schuldig oder nicht schuldig? Angeblich haben sich Viktor und Nadja während ihrer Odyssee von Juni bis November 1941, die sie am Ende wieder zusammenführt, zahlreicher Verstöße und Verbrechen schuldig gemacht. Allein die geschilderten Kriegsereignisse - Hunger, Kälte, unzählige Leichen am Wegesrand, der Tod naher Menschen - machen manche Passagen des Romans schwer lesbar. Dazu kommt, dass der Zug, in dem sich Nadja befindet, nach Meldungen der sowjetischen Nachrichtenagentur angeblich bombardiert wurde. Es gebe keine Überlebenden, heißt es. Morosinotto gesteht in seinem Nachwort, er habe versucht, sich "so eng wie möglich an die historischen Tatsachen zu halten", aber er wisse, fügt er entschuldigend hinzu, dass ihm "dabei möglicherweise Fehler unterlaufen sind". Gelegentlich habe er auch bewusst historische Tatsachen verfälscht, weil es für seinen Roman notwendig gewesen sei. In einem Interview ergänzt er, er habe kein trauriges Buch schreiben wollen, sondern einen Roman der Hoffnung.

Zu diesem Zweck formt er seine beiden jugendlichen Helden zu Figuren, die das Erlittene zum Wohle der menschenfreundlichen Botschaften ihres Schöpfers psychisch nahezu unverletzt zu überstehen scheinen. Das unerschöpfliche Reservoir der Kinder an positiven Energien lassen sie zwar Trauer, Angst und Schmerz spüren, im übernächsten Augenblick aber schon wieder an das glückliche Ende ihrer Mission glauben. Schließlich kann sich der Junge sogar noch als vaterländischer Held betrachten, weil es ihm gelingt, einen Versorgungskorridor in die umzingelte Stadt zu entdecken. Hier siegt zweifellos der begnadete Erzähler und Fantast Morosinotto über den Tatsachen verpflichteten Chronisten. Er spielt mit Elementen der Wirklichkeit und entkräftet dadurch zwar die Macht des wirklich Geschehenen, wie sonst aber sollen Geschichten jungen Lesern die Augen, oder besser: das Herz für "die Hoffnung" öffnen, vor den Abgründen des Krieges. (ab 13 Jahre)

Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2018. 440 Seiten, 18 Euro.