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Politisches Abenteuer:Wilde Jungenstreiche

Leonora Leitl: Held Hermann. Als ich Hitler im Garten vergrub. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2020. 256 Seiten, 19,95 Euro.

Die Erinnerungen des Großvaters als Kind in den letzten Kriegsjahren in Österreich sind für die Autorin die Grundlage für wilde Jungsgeschichten.

Von Siggi Seuß

Das letzte Jahr des Zweiten Weltkrieges erzählt aus der Perspektive Jugendlicher, die hin- und hergerissen waren zwischen Hoffnung, Skepsis, Angst und Verzweiflung. Unter den Geschichten, die sich diesem Thema widmeten, waren auch Josef Holubs Erzählungen über seine Jugend im Böhmerwald, vor allem "Der rote Nepomuk" und "Lausige Zeiten". An ihn erinnert der zwölfjährige Hermann aus dem Städtchen Freistadt im österreichischen Mühlviertel, in Leonora Leitls Roman "Held Hermann. Als ich Hitler im Garten vergrub".

Die Grundstimmung des Romans prägen Jungenfreundschaft und die Ablehnung der NS-Ideologie durch Hermanns Familie. Der "Held Hermann" ist ein fiktiver Charakter. Zwar hält sich die 1974 geborene Autorin und Illustratorin in der Rahmenhandlung an die historischen Fakten und die Erzählungen ihres Großvaters und schreibt: "Viele Figuren, die in diesem Buch vorkommen, hat es in Wirklichkeit gegeben." Die Erlebnisse des jungen Hermann und seiner Freunde jedoch sind frei erfunden, auch die Annäherung an eine - tatsächlich existierende - sozialdemokratische Widerstandsgruppe in der Region.

Dennoch ist Leonora Leitls Roman stimmig, spannend und in gewisser Weise sogar farbenfroh. Sie hat ihre Geschichte mit Szenen aus Hermanns Leben und mit Freistädter Stadtbildern illustriert, in koloriertem Linoldruck. Und sie schildert das Milieu, in dem der Junge mit resoluter Mutter (er nennt sie "Die große Eisenfaust"), kleiner Schwester und etwas älterem Bruder aufwächst - der Vater ist an der Front -, kenntnisreich und vor allem mit liebevoller, manchmal auch augenzwinkernder Zuneigung. In der Arbeiterfamilie gibt es keinerlei Sympathie für die Nazis und die beiden Jungs lassen sich auch nicht von den paramilitärischen Aktionen der Hitlerjugend hinters Licht führen, an denen sie als Pimpfe teilnehmen müssen. Wenn man Hermanns Weltsicht beschreiben wollte, könnte man sagen: eine Mischung aus sozialdemokratischer Erziehung, Realitätssinn, Gerechtigkeitsempfinden, Indianerromantik, Abenteuerlust, altersgemäßen Nöten und immer präsenter Angst vor dem Zugriff der Machthaber.

Über allem schwebt das Damoklesschwert der Denunziation. Ein falsches Wort kann zur existentiellen Gefahr für die ganze Familie werden. Zudem vermutet Hermann, dass die Eltern Kontakt zu einer Widerstandsgruppe halten. Die ständige Bedrohung rückt die Autorin immer wieder in alltäglichen Ereignissen ins Bild. Mit sicherem Sprachgefühl, glaubwürdigen Dialogen und einem feinen Gespür für Räume, besonders für die kleinen Refugien, die sich Hermann und seine Freunde schufen, um sich für Augenblicke geschützt zu fühlen. (ab 13 Jahre)

© SZ vom 28.12.2020
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