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Politische Unterhaltung:Wenn das Ego zweimal klingelt

Karen Duve

Karen Duve hat sich eine Endzeit-Republik erfunden: Staatsfeminismus, CO2-Punkte-Vergabe vom Amt, Wirbelstürme, Verjüngungspillen, Flächenbrände. Wer soll das schaffen?

(Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz)

Klaustrophobisch eng, unendlich öde, brutal banal: In Karen Duves Roman "Macht" sieht die Zukunft stark nach den bundesrepublikanischen Siebzigern aus.

Von Frauke Meyer-Gosau

Der Bundeskanzler des Jahres 2031 heißt Olaf Scholz, und natürlich ist seine Berufsbezeichnung nicht länger männlich: Nach Einführung des "Staatsfeminismus" in der Bundesrepublik amtiert Olaf Scholz als "männliche Bundeskanzlerin". Dies wiederum würde ihm als 73-Jährigem selbst unter heutigen politischen und medizinischen Bedingungen einigermaßen locker auch ohne "Ephebo" gelingen, jene kleinen Pillen, mit denen man sein physisches System künftig massiv wird verjüngen können - Greise sehen danach wie 30-Jährige aus; wer sich mit der täglichen Dosis etwas zurückhält, geht immerhin als fescher 50-Jähriger durch.

Allerdings hat "Ephebo" auch eine weniger angenehme Nebenwirkung: Bei voller Tagesdosis beträgt das Krebsrisiko innerhalb von fünf Jahren 25 Prozent, innerhalb von zehn Jahren steigt es auf 60 Prozent. Und da man mit dem Empfang des Medikaments alle Ansprüche auf Leistungen der Krankenkasse aufgibt, ist die Aussicht, eines nicht zu fernen Tages elend im Zwölf-Bett-Zimmer irgendeines Hospizes zu verenden, durchaus realistisch. Wer sich hingegen einer religiösen Sekte wie den "Johannesjüngern der sieben Posaunenplagen" anschließt, bekommt im Krankensaal wenigstens schmerzstillende Mittel und sogar noch ein bisschen menschliche Zuwendung obendrauf. Die Teilnahme selbst an grotesken religiösen Ritualen fällt bei solchen Aussichten immer mehr Menschen leicht.

2031: Olaf Scholz regiert als "männliche Kanzlerin", die CSU kämpft für ein Betreuungsgeld

Was Karen Duve sich für ihren neuen Roman "Macht" an Zukunftsbildern hat einfallen lassen, siedelt insgesamt auffallend nah an der Gegenwart: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander, eine ökologisch orientierte Regierung zwingt ihren Bürgern durch die Vergabe von "CO₂-Punkten" umweltfreundliches Verhalten auf. Benzin und Fleisch sind rationiert, wer sein monatliches Punktekonto erschöpft hat, wird Zwangsvegetarier und Radfahrer - eine Maßnahme, um die weitere Zunahme von Stürmen, Dürren, Überflutungen und Flächenbränden einzudämmen.

Auch die politische Situation hat sich gegenüber 2016 kaum wesentlich zugespitzt. Während die CSU immer noch für ein Betreuungsgeld kämpft, versuchen Flüchtlinge die Mauern um Ungarn, Frankreich und Indien zu überwinden, andere ertrinken im Ärmelkanal oder vor der italienischen Küste. Und wenn wieder mal ein Orkan übers Eigenheim in Hamburg Wellingstedt hinwegrast, können die Bewohner sich in den "Prepper-Raum" im Keller zurückziehen - was konkrete Vorstellungen von den Lebensbedingungen in der Zukunft anlangt, ist Karen Duve in "Macht" nicht viel Neues eingefallen.

Das ist für einen Zukunftsroman natürlich eher ungünstig. Aber zentral geht es hier ja auch um ein ganz anderes Thema, das uns ebenfalls schon länger bekannt ist: Wie kommen die Männer mit der Dominanz erfolgreicher Frauen klar? Sebastian Bürger jedenfalls, "Pressereferent des Demokratiekomitees" und einst in ökologischen wie feministischen Fragen progressiv gesinnt, widerruft in dem Moment, da seine Frau Christine mitsamt den Kindern Binja-Bathseba und Racke sich von ihm trennt, einen anderen Mann findet und zum Sprung ins Bundeskanzleramt ansetzt, all seine früheren Haltungen. Er verwendet nicht nur eine Menge Geld und Energie darauf, in seinem Haus möglichst alles in den Originalzustand der Sechziger- und Siebzigerjahre zurückzuversetzen und bei Ebay einen Opel Rekord Coupé von 1965 zu ersteigern. Überdies kidnappt er voll Rachedurst seine Ex-Frau, die "Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung". Er sperrt sie in seinen Keller, kettet sie an, lässt sich mit "mein Gebieter" anreden und erniedrigt sie zur Sexsklavin. Erst als er ein Verhältnis mit seiner Jugendliebe Elisabeth beginnt, wird die Sache brenzlig. Und schließlich sitzen zwei geknechtete, entrechtete Frauen im Keller, während Sebastian unter Zuhilfenahme seiner letzten CO₂-Punkte auf die Flucht geht.

Werden die Frauen befreit werden? Wird der Macho seiner gerechten Strafe zugeführt werden? Kann Christine womöglich doch noch hoffen, das Amt der Bundeskanzlerin von Olaf Scholz zu übernehmen?

Das sind hier so die letzten Fragen. Doch so wenig Karen Duves Zukunftsfantasien irgendeine neuartige Vision für das politische und ökologische Szenario der kommenden Jahrzehnte anzubieten haben, so wenig löst sich das sexistische Machtspiel im Vorstadthaus vom Spießermief der bundesrepublikanischen Siebziger: alles klaustrophobisch eng. Alles unendlich öde. Alles brutal banal.

Eine Zukunft ohne Olaf Scholz, Ebay und Aldi kann sich Karen Duve offenbar nicht vorstellen, und ihr lustigster Satz, nachdem sie Smartphones in "Egos" umbenannt hat, heißt: "Mein Ego klingelt." Wenn am Ende dann noch der fieseste Bösewicht von allen sein im Grunde eben doch goldenes Herz entdeckt, fällt einem plötzlich ein Wort wieder ein, das ebenfalls der Gedankenwelt der Siebziger entstammt: reaktionär.

Karen Duve: Macht. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2016. 416 Seiten, 21,99 Euro. E-Book 18,99 Euro.

© SZ vom 18.02.2016
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