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Politische Signale aus der Türkei:Im Geist des Eroberers

Friday Prayer at Hagia Sophia Mosque

Und wenn ein christlicher Geistlicher so erschienen wäre? Mit dem Geschichtsbild eines aufgeklärten Islam hat dieser Auftritt wenig zu tun.

(Foto: ddp/abaca press)

Die Rückumwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee hat mit praktischer Politik mindestens so viel zu tun wie mit gelebtem Glauben. Die Zeremonie des Freitagspredigers, der mit einem Säbel auftrat, erinnert an sehr düstere Zeiten.

Von Tomas Avenarius

Das war schon ein seltsames Bild. Ein Prediger, der sich während seiner Ansprache auf ein Schwert stützt, als Vertreter einer Religion des Friedens? Bei der Wiedereröffnung der Hagia Sophia in Istanbul als Moschee stand der Freitagsprediger wahrhaftig im vollen Ornat und mit einem Krummsäbel auf der Gebetskanzel. Nun weiß jeder, dass die Aktion Hagia Sophia mindestens so viel mit praktischer Politik zu tun hatte wie mit gelebtem Glauben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan mobilisiert damit seine Anhänger in Zeiten sinkender Zustimmung mit der Erfüllung der fast neunzig Jahre alten Forderung, das von Atatürk im Handstreich zum Museum gemachte Gebetshaus wieder für die Gläubigen zu öffnen.

Beim vormodernen Inhalt der Predigt blieben muslimische Vordenker erstaunlich still

Aber wäre etwas Vergleichbares bei einer christlichen Versammlung oder gar während einer Messe geschehen - in welcher Form auch immer, es fällt einem außer dem Einreiten von Sankt Martin auf dem Kirchplatz keine ein -, hätte die islamische Welt aufgeschrien. Sofort hätte sie die Rückkehr des blutigen Geistes der Kreuzfahrer angeprangert. Zu Recht. Im Fall der zeremoniellen Rückumwandlung der 1500 Jahre alten Kirche vom Museum in ein islamisches Gebetshaus war dies alles anders. Bei der Zeremonie, bei der die türkische Staatsführung anwesend war und der Präsident aus dem Koran rezitierte, hielt Freitagsprediger Ali Erbaș als Chef der türkischen Religionsbehörde mit Hintersinn einen Säbel in der Hand: Er begründete es mit einer Tradition aus der Zeit der Sultane. Bei all dem, und vor allem bei dem vormodernen Inhalt der Predigt, blieben muslimische Vordenker erstaunlich still.

Das Geschichtsbild dieser Predigt jedenfalls hat mit einem Islam des 21. Jahrhunderts nichts zu tun - außer vielleicht, man nähme unfairerweise den Islam des bewaffneten Dschihad als Islam des neuen Jahrhunderts an.

Getragen war die Istanbuler Ansprache vom Geist des "Eroberers", Sultan Mehmed II. Der hatte Konstantinopel 1453 eingenommen und die Hagia Sophia nach dieser Niederlage der Christen in eine Moschee umbenannt. Noch vor Sultan Mehmed wurden all die Männer aufgezählt,die die berühmte Stadt schon davor hatten erobern wollen oder später dazu beigetragen hatten: Angefangen mit dem Propheten Mohamed selbst. Über seinen Gefährten Ayub al-Ansari, der im siebten Jahrhundert während einer früheren Belagerung Konstantinopels gestorben war. Frühere Sultane, die Anatolien eroberten bis zum osmanischen Meisterarchitekten Sinan, der das marode Bauwerk mit einem Minarett versah und mit Stützpfeilern stabilisierte. Auch die heutigen "Gelehrten und Intellektuellen und die prominenten Führer in ihrer Weisheit und ihrem Wohlwollen" fehlten nicht. Über all dem schwebte somit auch der Geist des Dschihad, der Verteidigung und Verbreitung des Islams auch mit militärischen Mitteln.

Natürlich gibt es akzeptable Gründe, die Hagia Sophia wieder als Moschee zu nutzen. Die Ergriffenheit und Freude vieler türkischer Muslime, die sich zeigte, ist nur einer. Viele Türken lehnten Atatürks Entscheidung ab, weil diese die Moschee zum Museum herabgewürdigt und die osmanische Geschichte der Türkei quasi zu annullieren versucht habe. Um so ernüchternder aber die religiös-politische Begleitmusik durch Regierung und Religionsbehörde: Da kam der Rückgriff auf "das Recht des Schwerts" als Begründung dafür, dass die Hagia Sophia "auf Ewigkeit" Moschee bleiben solle. Da war der kaum verhohlene Versuch, den Präsidenten als Urenkel und Erfüller der Politik des Eroberer-Sultans zu profilieren. Und da war die Negation der byzantinisch-christlichen Vorgeschichte. Und damit von Geschichte selbst.

In der Hagia-Sophia-Predigt fing die Existenz der 2300 Jahre alten Stadt Byzanz-Konstantinopel-Istanbul praktisch erst an mit dem Bau der Kirche 537 nach Christus. Dass die Stadt in der Antike ihre Rolle spielte, dass sie als Konstantinopel zentrale Bedeutung für das Christentum hat, blieb fast unerwähnt: "Einer der wertvollsten Orte des Glaubens, Wissens und der Weisheit in der Geschichte der Menschheit", so der Prediger lakonisch. Der in den USA lehrende Historiker Baki Tezcan hat dieses Geschichtsverständnis kritisiert: "Dies bedeutet die tatsächliche Loslösung der Geschichte Istanbuls vor dem Jahr 1453."

Ein populistischer Mix aus Nationalismus und Muslimbruderhaftigkeit

In Saudi-Arabien, Hüter eines reformfeindlichen Islam, beginnt für religiöse Vertreter die Weltgeschichte mit der Verkündigung des Koran und dem Propheten Mohamed. Die Zeit davor ist Dschahiliya, die Ära unfrommer Präzivilisation; sie zählt kaum zur Menschheitsgeschichte. Salafisten und militante Dschihadisten teilen dieses Geschichtsverständnis. Aber die Türkei? Schwer vorstellbar. Und, falls doch, mehr als nur bedauerlich.

Präsident Erdoğan zielt mit seiner Instrumentalisierung der Hagia Sophia nicht nur auf die türkischen Muslime ab. Mit seinem populistischen Mix aus Nationalismus, neo-osmanischer Vergangenheitsverklärung und kaum verdeckter Muslimbruderhaftigkeit bietet er sich an als Führerfigur der Muslime weltweit, als Kämpfer gegen jede Ungerechtigkeit: Sei es die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik in Palästina, der Krieg in Syrien oder die Islamfeindlichkeit in Europa.

Sollte Erdoğans Kalkül aufgehen, könnte dies die eigentliche Folgewirkung dieser bemerkenswerten Freitagspredigt ausmachen: Die Mobilisierung der mit der politschen Situation in ihren Heimatländern oft unzufriedenen Muslime im Dienste eines türkischen Präsidenten, der vor allem erst einmal um seinen Machterhalt zu Hause kämpft.

© SZ vom 28.07.2020

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