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Politische Literatur:Die Sprache der Gerechten

Was können Künstler tun, wenn Populisten erstarken? Welche Instrumente bleiben, wenn die Sprache das erste Opfer der Brutalität ist? In Berlin suchen Literaten Strategien gegen den Aufstieg der Rechten.

Von Vincent Sauer

Im Prenzlauer Berg hängen dieser Tage einige Deutschlandfahnen vor den Fenstern. Es findet sich dort aber auch eine Fahne, auf der Orange auf Weiß der Titel einer Literaturkonferenz zu lesen ist, die an diesem Wochenende hier stattfand: "Ängst is now a Weltanschauung". In Vorträgen und literarischen Performances, aber auch vielstündigen Arbeitsgruppen, setzten sich Literaten hier mit der Frage auseinander, wie und ob Literatur in Zeiten von AfD und Trump etwas gegen die Erosion der Demokratie tun kann.

"Die Sprache ist ein Kampfplatz, den man nicht den Rechten mit ihrer aushöhlenden Rhetorik überlassen darf", sagte die österreichische Dramatikerin Gerhild Steinbuch vor dem Auftakt. Als 2016 Norbert Hofer von der FPÖ beinahe österreichischer Bundespräsident geworden wäre, hat sie sich mit den Autoren Jörg Albrecht, Thomas Arzt, Sandra Gugić und Thomas Köck zu dem Autorenkollektiv "Nazis & Goldmund" zusammengetan und einen Blog unter gleichem Namen gestartet, auf dem wöchentlich ein Beitrag mittels sprachkünstlerischer Kritik zeigt, wie die rassistische Rhetorik funktioniert und Angst für ihre Zwecke nutzt. Da ein Blog sich aber nur reaktiv zu Hetze äußern kann und die einvernehmliche Ablehnung rechter Positionen ihnen nicht automatisch etwas entgegensetzt, kam die Konferenz zustande.

Ein Künstler darf sein Publikum beschimpfen. Er darf es aber nicht für dumm verkaufen

Rund 30 Teilnehmer wurden ins Ballhaus Ost eingeladen, per Videokonferenz nahmen auch Stimmen aus dem europäischen Ausland an der Debatte teil, einige Externe diskutieren lebhaft mit. Entscheidende Schwierigkeiten für Künstler, die sich organisieren und politisch wirken wollen, wurden bereits an den ersten zwei Abenden thematisiert, in den Vorträgen von Jagoda Marinić und Kathrin Röggla. Marinić fragte, wie sich die Widerspenstigkeit künstlerischer Produktion in eine mögliche politische Organisation übertragen ließe, und die Schriftsteller sich nicht am Ende "in einer Struktur beweisen, die sie gar nicht sind." Und Röggla mahnte, Kunst könne ihr Publikum beschimpfen, sollte es aber nicht für dumm verkaufen.

In den drei Arbeitsgruppen, die den Kern der Veranstaltung bildeten, wurde aber schnell klar, dass man hier kaum Gefahr lief, das Publikum übereilt mit fertigen Wahrheiten zu konfrontieren. Das Risiko bestand eher darin, in ergebnisoffenen Diskussionen zu versanden. Im Gegensatz zu den deutschtümelnden Intellektuellen, die vor wenigen Monaten die zwei Sätze kurze "Gemeinsame Erklärung 2018" schlicht mit ihrem (nach akademischem Grad oder der jeweiligen Berufsbezeichnung guten Namen) signierten, um sich gegen die "Beschädigung Deutschlands durch illegale Masseneinwanderung" zu positionieren und den Rest dem Volkszorn zu überlassen, diskutierte man im Ballhaus von früh bis spät.

Literarisches Schreiben müsse Risiken eingehen, ein abgesichertes Vokabular verlassen und den Ballast einzelner Begriffe genau abwiegen, um populistischer Sprache etwas entgegenzusetzen, sagte die Lyrikerin Katharina Schultens. Die Singer-Songwriterin Bernadette La Hengst betonte, dass kollektives Wirken für politische Literaten sei dringlich wie lange nicht: "Mit Vereinzelung kommen wir nicht weiter."

Dass man weiter miteinander arbeiten wolle, war recht schnell Konsens. Allerdings schienen viele Teilnehmer der Konferenz nicht nur das Erstarken der Rechten zu fürchten, sondern auch eine gewisse Verbindlichkeit. In einem mehrköpfig verfassten Hydra-Manifest wird abstrakt von der "Ängst vor dem Ich" und der "Ängst vor dem Wir" gesprochen. Als Antwort auf Seehofers Heimatministerium ist ein "Ministerium für Empathie" in Planung. Schließlich findet sich in einem Text, der Aussagen der Teilnehmer aus den Gruppen versammelt, der Satz "Wir erinnern uns an ein Europa, das solidarisch gewesen sein wird." Das Futur II macht wohl eine Gefahr deutlich, die bei jedem Treffen aufkommt, bei dem Künstler über Politik diskutieren. Während sie versuchen, eine ästhetisch versierte "glänzende Demonstration" vorauszusetzen, um politisch zu handeln, scheren sich Gauland und Höcke nicht um innovative Formen.

Wenn Angst zu einer Weltanschauung mit gewalttätigen Konsequenzen geworden ist, ist es dann wirklich sinnvoll, darüber zu diskutieren, Aufmerksamkeitsökonomien in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschieben? Rechten ging es schließlich schon immer um mehr als einen Diskursabbruch.

© SZ vom 19.06.2018

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