Süddeutsche Zeitung

Politische Korrektheit:Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen

In der Affektgesellschaft wird erst zurückgewiesen, dann nachgedacht. Dabei täten diesem Land ein paar wirkliche Debatten gut.

Als der durchtriebene und machtverliebte Fürst Metternich sich eine Auswahl von Versen des deutschen Dichters Heinrich Heine kommen ließ, blätterte er spitzmündig in den champagnerlaunigen Texten, zitierte vor seinen Speichelleckern wohl dies und das amüsante Aperçu, um dann, so die Überlieferung, den fabelhaften Satz zu sagen: "Vorzüglich, muss sofort verboten werden."

Damals, in den Zeiten der aristokratischen Hegemonie, konnte man den Misston, der das Orchester der Einhelligkeit störte, mit der lässigen Geste des Fliegenklatschers vom Tisch fegen, ein Handgriff war das, mehr nicht. Heute funktioniert es in totalitären Staaten noch so ähnlich - was Putin nicht passt, wird verfolgt, wer der chinesischen Nomenklatura mit Abweichungen vom Parteidiktat kommt, wird unter Hausarrest gestellt, und wer in Polen für die Pressefreiheit ist, wird böse unter Druck gesetzt. Solche Schikanen sind in einem freien Land undenkbar. Es gibt auch keinen Grund, von hoher Warte für kulturelle Ebenheit zu sorgen, das machen wir, bitte, schon selber.

Die Angewohnheit, das vermeintlich Anstößige zunächst mal einer moralischen Reinigungsfirma zu überantworten, hat ihren festen Platz in der Asservatenkammer der Affektgesellschaft: Zuerst muss das weg, dann kann man vielleicht noch mal drüber reden, aber das darf höchstens in einem möglichst auf Einigkeit getrimmten Diskurs geschehen.

Nachdem die Leitung der Frankfurter Buchmesse es dem rechten Antaios Verlag zugebilligt hatte, einen Stand zu vertreten, rief sie alle demokratisch Gesinnten dazu auf, gegen rechtskonservatives Gedankengut aufzubegehren. Allein der Gedanke daran, sich, in sei es noch so distanzierter Weise, zunächst einmal mit dem Weltbild der Rechten befassen zu wollen, scheint eine absurde Handlungshysterie auszulösen: Geschrei, Gestampfe und Gezeter - am Ende standen die Rechten als Saubermänner da, während die demokratische Mehrheitsgesellschaft eher wie ein reflexionsfeindlicher Abklatschverein rüberkam. Die Angst vor dem anderen Gedanken, vor der unsauberen Gesinnung ist inzwischen so groß, dass der Zwischenschritt des Nachdenkens zugunsten der automatischen Zurückweisung entfällt.

Im Frühsommer fiel ein paar Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin nach jahrelangem Herumscharwenzeln um die Mensamauer plötzlich Folgendes auf: Ein in spanischer Sprache verfasstes Gedicht des konkreten Poeten Eugen Gomringer stand dort in schönen schwarzen Buchstaben auf die weiße Wand geschrieben; es enthielt, übersetzt, die Worte: Frauen, Alleen, Blumen, ein Bewunderer. Die lesenden Studierenden waren sich schnell einig, dass dieses sich so harmlos gebende Gedicht in Wahrheit ein misogynes Machwerk sei, weil dort die Frau als Objekt männlicher Begierde vorgestellt werde. Kurzum, da war, wie Brecht so schön singt: "Tünche nötig". Das Gedicht muss überpinselt werden, damit im intellektuellen Ruheraum der Uni wieder Frieden und Wohlsein herrschen.

Die Prorektorin der Hochschule, Bettina Völter, lobte die angestrebte Dampfreinigung als "gewaltfreies, demokratisch legitimiertes und auch ideologie-, diskriminierungs- und klischeesensibles Verfahren" - so als sei es bereits eine demokratische Hochleistung, dass die Lyrikexperten der Uni dem 92-jährigen Gomringer nicht gleich den Hals umgedreht haben.

Reden? Ja, aber nur mit Worten, die nicht im Verdacht stehen, dass böse Menschen sie nutzen

Der wirklich ganz große und anstößige Irrsinn in Bettina Völters Stellungnahme aber ist das Wort "Verfahren". Ein Verfahren ist ein Prozess der Abwägung, in welchem ein Argument ins Verhältnis zum Gegenargument gesetzt wird. Hier wurde aber nicht abgewogen, hier wurde nur gehandelt - weg damit, ehe vielleicht sogar noch jemand mit dem diskriminierenden Besteck der Philologie aufkreuzen könnte. Es ist nämlich so, dass in einem Gedicht alle Schandtaten geschehen dürfen, die in der realen Welt verboten sind. Im Gedicht darf gemordet werden, und die Bluttat darf gefeiert werden; es darf mit Männern und Frauen auf jede Weise umgegangen werden; ein Gedicht ist kein safe space, kein feministischer Raum, sondern ein wilder Ort - man könnte so weit gehen zu sagen: Im Gedicht darf sogar geraucht werden. Eine Begründung der Studenten, das Gedicht zu schleifen, lautete: In der Umgebung der Mensa sei es ziemlich dunkel, und Frauen würden dort öfters belästigt. Vor diesem düsteren Hintergrund sei das Gedicht geradezu zynisch.

Man könnte der Einfachheit halber von einem besonders blöden Beispiel von politischer Korrektheit reden. Aber die Political Correctness war immerhin ein Debattenbegriff, man stritt sich um Deutungshoheiten, es wurden ideologische Grabenkämpfe geführt, und die Frage, was opportun sei, zog eine Kontroverse nach sich. In der neuen Affektgesellschaft dagegen muss man nicht mehr groß reden. Es reicht völlig aus, ein schwiemeliges Unbehagen geltend zu machen - was früher das Argument war, ist heute das Es-fühlt-sich-falsch-an-Sentiment: Irgendwas stimmt nicht mit einem Text, einer Meinung, einer Weltsicht - schon ist das Ding im Staubsauger der ethischen Raumpfleger verschwunden.

Kürzlich besetzten autonome Menschen die Volksbühne in Berlin, weil sie erstens aus ganz grundsätzlichen Erwägungen heraus den neuen Intendanten Chris Dercon nicht wollen und zweitens eine Art Vergesellschaftung der Intendanz fordern - seltsame Ideen, von denen man dachte, sie seien für immer in den Dokus über die frühen Siebziger archiviert, aber egal.

Noch ehe unter den Befürwortern und Gegnern eine Diskussion aufkam, erinnerte eine der Gesprächsleiterinnen daran, dass man sich hier in einem "queeren, antifaschistischen und feministischen Raum" aufhalte. Das Gelände war also mindestens dreifach vermint: Wer reden möchte, darf das nur unter der Maßgabe tun, dass seine Sprache keine Minderheit kränkt und keine Begriffe enthält, die im Verdacht stehen, auch von bösen Menschen benutzt zu werden.

Wie irre ist das eigentlich, wenn Auseinandersetzung, Kontroversen und Debatten, die dieses Land seit den Sechzigerjahren ohnehin erst mühsam, dann aber sehr leidenschaftlich gelernt hat, inzwischen unter Bikramyoga-Bedingungen stattfinden sollen? Wie trist und tonlos wird ein Gespräch, bei dem man seine Worte nicht dahingehend wägt, ob sie treffend sind, sondern ob sie eventuell auch zum Wortschatz der AfD-Politiker gehören? Wer in der sprachlichen Auseinandersetzung seine Instrumente absichtlich stumpf macht, nur weil sie jemand mit den Waffen der Demokratiegegner verwechseln könnte, der hat schon verloren. Und wer sich in einen gebohnerten moralischen Nebenraum zurückzieht, überlässt die Wohnung den Vandalen. Denn auch, wenn wir es manchmal ziemlich ungemütlich finden: Eine Debatten-Gesellschaft darf sich nicht zu fein sein, auch die unfrischen, auch die angefaulten und unappetitlichen Ansichten anzuhören. Diese sind nämlich Teil von ihr, sie kommen aus ihr oder entstehen ihretwegen - es gibt kein Recht auf die ungestörte Feier der eigenen moralischen Anständigkeit.

Kleine Rempelei unter Demokraten

Im Sommer dieses Jahres stand das Buch "Finis Germaniae", das der inzwischen gestorbene Publizist Rolf Peter Sieferle geschrieben hatte, auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel hatte sich für das Buch, dessen Inhalt als völkisch-national bis rechtsextrem empfunden wurde, so heißherzig eingesetzt, dass es eine breite Öffentlichkeit erreichte. Die Chefredaktion des Spiegel entschloss sich kurzum, das Buch aus der Liste, deren Titel es aufgrund von Verkaufszahlen und Empfehlungen auf die jeweiligen Ränge schaffen, zu entfernen. "Der SPIEGEL, der sich auch bei historischen Themen als Medium der Aufklärung versteht", so heißt es in einer öffentlichen Begründung, "will den Verkauf eines solchen Buches nicht befördern."

Natürlich verzichtete die Erklärung darauf, sich mit dem Inhalt des Buches eingehend zu befassen, Medium hin, Aufklärung her. Es reicht ein Unbehagen, um eine Liste, die eigentlich den Eindruck redaktioneller Unabhängigkeit suggeriert, mit dem Dampfreiniger zu bearbeiten.

Exakt diese klandestine, verdruckste Art, mit dem Unappetitlichen, dem politisch und ästhetisch Unbehaglichen zu verfahren, steht in so krassem und diskursiv schwachen Verhältnis zu den rhetorischen Höllenfahrten der extremen Rechten - was die Bedenkenträger verdruckst als amoralischen Müll wegbringen, holen sich die Gaulands und Weidels wieder aus der Tonne, und dann basteln sie ihre Trompeten daraus.

Die Frage lautet leider immer: Ist das politisch sauber oder muss das weg? Es gibt kein Dazwischen mehr. Das Dazwischen wäre die unaufgeregte Auseinandersetzung mit Weltsichten. Aber die Angst, sich schon allein bei der Berührung mit nicht auf den ersten Blick als politisch unbedenklich einordbaren Standpunkten eventuell schmutzig zu machen, ist so groß, dass man lieber umgehend die Putzkolonne holt.

Alle rufen nach Höflichkeit. Aber die Auseinandersetzung findet leider nicht im Streichelzoo statt

Es ist unter Journalisten heute sehr chic, sich in ständigem Konsensabgleich zu üben und solche Kollegen abzumahnen, die so ungeschickt sind, mit einer Meinung aufzukreuzen, die womöglich nicht den aprilfrischen Atem des "So wie ihr alle seh ich's auch" hat. Wenn der Redakteur einer großen Tageszeitung in einem Kommentar schreibt, er halte es für ungeschickt, türkischstämmige Korrespondenten in die Türkei zu entsenden, mag das eine Ansicht sein, die nach Widerspruch schreit. Den Kommentar, wie geschehen, indiskutabel und infam zu nennen, bedeutet nichts anderes, als den Meinungsabweichler zu exekutieren. Kann schon sein, dass es mühevoll ist, Respekt auch denen zu zollen, denen die Luft im safe space zu stickig geworden ist und denen der flott hingelegte Free-Deniz-Gruß als Ausweis politischer Okayheit eben nicht immer ausreicht.

Es hat sich in Deutschland ohnehin die Gewohnheit eingebürgert, sprachliche Äußerungen öffentlicher Menschen mit übertriebener Empfindlichkeit zu bewerten. Als die frisch gewählte SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles scherzte, die CDU werde in den kommenden parlamentarischen Auseinandersetzungen "in die Fresse kriegen", kamen sofort die publizistischen Tischsitten-Gouvernanten und drohten mit dem Schrubber. So als sei die parlamentarische Hausordnung unmittelbar außer Kraft gesetzt, wenn jemand ein plebejisches Wort, dazu noch im Scherz, in die Welt wirft.

Leute, was wollt ihr eigentlich? Erst ist euch die politische Rede zu lammfromm und konform. Dann kommt ein bisschen Pfeffer in die Bude, und ihr rümpft die Nase. Darf es künftig nur noch eine mit dem Schmierfett der Angemessenheit imprägnierte Sprache geben? Soll alles Reden immer schön auf Zimmertemperatur gestellt sein, weil sonst der Firnis der Zivilisation reißt und alles am Ende nur der AfD nützt? Es ist ohnehin schon irre, wie diese verklemmte Wutblöker-Partei inzwischen als rhetorische Referenzgröße hergenommen wird, an der man die Blütenreinheit seines eigenen Wortschatzes überprüft. Wenn jemand in der Flüchtlingsdebatte schon den Begriff "Alternative" benutzt, wie es der frühere Münchner Oberbürgermeister Christian Ude in seinem jüngsten Buch tat, hat er im Grunde das demokratische Spektrum bereits hinter sich gelassen.

Wer derlei wirklich glaubt, der legt wenig Vertrauen in die Kraft der politischen Rede. Ist eine kleine Rempelei unter Demokraten nicht immer noch etwas anderes und erfrischenderes als das lodenmuffige Halali eines Erzreaktionärs? "Eins in die Fresse, mein Herzblatt", diese hübsche Platte von Wolf Biermann aus den frühen Achtzigern soll man sich allein des Titels wegen wieder ans Regal lehnen.

Es ist eine unschöne Mischung aus Unsicherheit, Überheblichkeit und Unkenntnis, die zu dieser falschen Verfeinerung der Gesprächskultur führt. Kürzlich haute die Nachwuchsorganisation der Grünen heraus, dass der Begriff "Heimat" bitte aus der öffentlichen Raum zu verschwinden habe. Der Grund: Heimat besitze ausschließenden Charakter und sei von den "antiaufklärerischen Romantikern" sowie den - offenbar in deren unmittelbarer Nachfolge stehenden - Nationalsozialisten missbräuchlich genutzt worden. Historischer Unsinn, durch nichts belegt, wird in blasierter Arroganz zur Maxime erhoben.

Dies steht in schönster Nachbarschaft zu den ständigen Rufen nach einer neuen Höflichkeit, nach Anstand in der Auseinandersetzung und Sanftmut im Wettstreit mit dem Gegner. Allesamt schöne Tugenden aus dem Streichelzoo. Aber dort findet die Auseinandersetzung gerade leider nicht statt. Die extreme Rechte hat in diesem Land einen Kampf eröffnet, der übrigens auch ein Kampf mit Ideen ist, so krude und mottig die sein mögen in ihrem altväterlichen Carl-Schmitt-Junkertum. Aus dem geschützten Raum heraus kann man in diesem Kampf keinen Blumentopf gewinnen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3731727
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 04.11.2017/doer
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.