Politische Dystopie Europa als Festung

Martin Schäuble: Endland. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2017. 221 Seiten, 15 Euro.

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In dem aktuellen Zukunftsroman "Endland" regiert die Nationale Alternative in Deutschland.

Von Fritz Göttler

Fana ist sprachlos - das darf nicht sein!, denkt sie. Eben hat Samira, ihre beste Freundin, gesagt: "Du bist herzlich zu meiner Hochzeit eingeladen." Ein unerwarteter, verstörender Satz. Die zwei Mädchen sitzen im Café Genève in Addis Abeba, erst wollte Samira nicht heraus mit der Sprache, hat nur ab und zu geschluchzt, also hat Fana ihr erzählt, von ihrem neuen Job, in einer Krankenstation in der Provinz, in Afar, als nicht ausgebildete Hilfsärztin. Karla hat sie angefordert, eine deutsche Ärztin, die sich dort für die Bevölkerung einsetzt und Fana angeworben hat.

"Endland" ist ein Roman über Deutschland heute, der bewusst in der Fremde einsetzt, weil hier, in der sogenannten Dritten Welt, auch die Zukunft Europas und Deutschlands sich entscheiden wird. "Mustafa wäre fast verhungert", erzählt Fana. "Seine Frau und seine Kinder auch. Das Haus der Familie ist zerstört, das Vieh tot." Dem Land droht eine neue Hungerkatastrophe, schlimmer als die der Achtziger. "Die Zwillinge auf der Intensiv haben es nicht geschafft. Zu wenig Erythrozyten." Zu wenig rote Blutkörperchen.

Nicht nur klimatisch ist das Land von Dürre bedroht, auch die alten sozialen Strukturen sind ausgetrocknet. Fanas Sprachlosigkeit angesichts Samiras Hochzeit - das darf nicht sein! - ist ein Reflex darauf. Samira ist 18, ihr Vater will sie endlich verheiraten - und hat einen Mann für sie ausgewählt: Selbst in der Hauptstadt gilt die traditionelle, streng patriarchalische Ordnung weiter. Verwaltung und Politik sind ganz und gar korrupt.

Ordnung herrscht dagegen in Deutschland - die "Nationale Alternative" ist inzwischen an die Regierung gekommen, sie propagiert Europa als Festung, Deutschland ist aus der EU ausgetreten - die Briten haben es mit dem Brexit vorgemacht -, man hat eine acht Meter hohe Mauer an der Grenze zu Polen hochgezogen, wie Trump es für die Grenze zu Mexiko propagiert, mit Stacheldraht obendrauf. Man spricht statt von Flüchtlingen von Invasoren. "Keine Durchmischung" ist die Parole. Der Wald mit seinen hohen Bäumen wirkt in diesem Deutschland so romantisch wie gefängnishaft. In dieses Deutschland soll Fana gehen, um Medizin zu studieren.

An der Grenze im Einsatz sind die jungen Soldaten Anton und Noah, man erlebt sie gleich bei einem nächtlichen Alarm. Strömender Regen, die Situation ist völlig unübersichtlich und unberechenbar. Schießbefehl! Femije, rufen die Gestalten, die offenbar gerade über die Grenze kommen - es sind Kinder unter ihnen! Zwischen Fana und Anton und Noah wechselt der Roman gelassen seine Perspektiven.

Martin Schäuble hat einen politischen Roman geschrieben - nach dem großen Vorbild von George Orwells "1984" - der unsere Gegenwart nur eine kleine Drehung in die Zukunft hinein verlängert - Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, krude populistische Parolen bestimmen die Lehrjahre der jungen Helden. Anton wird für einen subversiven Spezialauftrag rekrutiert, Noah taucht in einer Hackergruppe unter, Fana macht in einer TV-Talkshow auf die schlimmen Verhältnisse aufmerksam. Eine Änderung der poltischen Lage erscheint möglich, eine Revolution im "Endland"?

Es ist ein kluges Buch, manchmal zu klug womöglich, das macht es dann ein wenig naiv. Die Figuren sind scharf gezeichnet, aber es gibt wenig Grautöne. Eine der schillernden verschwindet schnell aus dem Geschehen, der Lehrer Blomenkamp, der mit den jungen Soldaten den "Arturo Ui" von Brecht liest - die Gangsterversion vom Aufstieg der Nazis in den Dreißigern: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch ..."

In einer schönen Gegenbewegung landen die beiden Jungs am Ende dort, wo Fana aufgebrochen ist, in Addis Abeba. Und Samira zeigt ihre Hand - kein Ring an den Fingern. Keine Heirat.