Politikwissenschaft Der Unstaat

Franz Neumanns Buch "Behemoth", erstmals 1942 erschienen, diente dem Krieg gegen Nazideutschland. Seine klassische Analyse des Regimes blieb aktuell.

Von Götz Aly

Franz Neumann zählt zu den bedeutendsten Politikwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1900 in Kattowitz geboren und starb 1954 bei einem Autounfall in der Schweiz. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern Ernst Fraenkel und Hugo Sinzheimer - allesamt aus jüdischen Familien stammende, zur linken Sozialdemokratie zählende Juristen - arbeitete er während der Weimarer Republik an einem Arbeitsrecht, das diesen Namen verdient. Alle drei mussten 1933 fliehen. So führte der nationalsozialistische Terror zum Thema und zur Sprache, in der Neumanns Hauptwerk 1942 in London erschien: "Behemoth, Structure and Practice of National Socialism", die erweiterte Fassung folgte 1944.

Im babylonischen Judentum fungierte Behemoth als allzerstörerisches Ungeheuer, als Monster, das mit böser Macht nichts will als den Untergang alles Menschlichen. Im Namen dieser mythischen Schreckensgestalt verdichtete Neumann seine zentrale These: "Da der Nationalsozialismus ein Unstaat ist, ein Chaos, eine Herrschaft der Gesetzlosigkeit und der Anarchie, welche die Rechte wie die Würde des Menschen 'verschlungen' hat und dabei ist, die Welt durch die Obergewalt über riesige Landmassen in ein Chaos zu verwandeln, scheint uns dies der richtige Name für das nationalsozialistische System: Der Behemoth."

Er wollte die innere Dynamik des nazistischen Regimes verstehen

Die von Alfons Söllner und Michael Wildt besorgte Neuausgabe folgt der deutschen Erstübersetzung von 1977. Während Söllners Einleitung gediegen in Leben und Werk des Autors einführt, verengt Wildts Beitrag "Franz Neumann und die NS-Forschung" den Blick auf Historiker-KleinKlein. Man fragt sich, warum Wildt den im Nachwort zur Erstausgabe hervorgehobenen Ernst Nolte nicht nennt, der 1967 als einsamer Rufer in der deutschen Historikerwüste schrieb: Neumanns "Behemoth" "ist die kenntnisreichste und umfassendste Analyse des Nationalsozialismus, die bis heute das Licht erblickt hat". Recht hatte Nolte, egal, was er später vertrat. Es hat etwas Liberalstalinistisches, wenn solche Verdienste wegretuschiert werden. Dass man heute viele Details des NS-Staates genauer fassen kann als 1941, erscheint mir banal. Für diese Einsicht benötigt niemand die ermüdenden Hinweise auf mittelmäßige Aufsätze und Qualifikationsarbeiten aus den vergangenen zehn Jahren. Wildt hätte sich besser auf das Spannende, das bis heute Gültige in Neumanns Großwerk konzentriert. Davon ist das Buch überreich.

Neumann schloss den "Behemoth" im Sommer 1941 zum einen mit dem Ziel ab, für den entschlossenen Krieg gegen Hitlerdeutschland zu werben: "Mehr und bessere Flugzeuge, Panzer und Gewehre sowie eine vollständige militärische Niederlage werden den Nationalsozialismus im Bewusstsein des deutschen Volkes vernichten." Zum anderen ging es ihm darum, die innere Dynamik des nazistischen Behemoth-Regimes zu verstehen. So erkannte er den Verfall älterer autoritärer Strukturen und die stabilisierende Wirkung neuer, sehr viel flacherer Hierarchien. In der Ausgabe von 1944 erklärte er den geringen Widerstand der Deutschen gegen die ersichtlich selbstzerstörerische Naziführung mit dieser bestürzenden Einsicht: "Die Teilnahme an einem so ungeheuren Verbrechen wie der Ausrottung der Ostjuden machte die deutsche Wehrmacht, das deutsche Beamtentum und breite Massen zu Mittätern und Helfern des Verbrechens und machte es ihnen daher unmöglich, das Naziboot zu verlassen." Enteignungen, Verbrechen, Pogrome und Massenmorde nutzte die deutsche Führung seit 1938 absichtsvoll als Mittel zur Korruption, sozialen Integration und Fesselung ihres Volkes. Die empirischen Belege für diese These ließen sich erst Jahrzehnte später im Goebbels-Tagebuch nachlesen. Aber auch Thomas Mann sah diesen Zusammenhang bereits 1941, während ihn die deutsche Zeitgeschichtsforschung standhaft ignoriert, sich in Details einzelner Ministerien oder Konzerne ergeht und Begriffe wie "Rassenantisemitismus" oder "Zivilisationsbruch" mit Erklärungen verwechselt.

Lesenswert und aufklärend sind auch Neumanns Hinweise zu Friedrich List, unserem noch heute vielgefeierten Promotor des Deutschen Zollvereins und des Eisenbahnbaus. Neumann charakterisiert ihn mehrmals als den "ersten ausgesprochenen Nationalsozialisten" - "er war nicht nur Vorläufer, sondern ein vollkommener Nationalsozialist" (und übrigens Antisemit). Hier stimmte der exilierte Sozialist analytisch mit dem gleichfalls exilierten ordoliberalen Wilhelm Röpke überein, der vom Genfer Exil aus mit dem Sozialistenfeind Friedrich August von Hayek zusammenarbeitete. Darüber hinaus verband alle drei noch mehr. Sie wollten die vollständige militärische Niederlage der Deutschen, aber nicht ihre Vernichtung, um sie hernach unter wohlwollendem Zwang auf den Weg zu Freiheit und materiellem Glück zu führen. Sie sollten - um es mit Franz Neumann zu sagen - "die Möglichkeiten einer Nation auf demokratischer Grundlage statt einer autoritären entfalten", und zwar in einem "neugestalteten", "vereinigten Europa".

Wer sich für jüngere deutsche Geschichte oder für die vielen heute bestehenden Formen massengestützter, mal halbdemokratisch, mal populistisch-diktatorisch erscheinender Herrschaftsformen interessiert, wird den "Behemoth" mit Gewinn lesen. Da heißt es über die Herrschaftsweise in chaotisierten Staaten, in denen geltendes Recht und tradierte Institutionen Stück für Stück von unterschiedlichen Machtcliquen ausgehebelt werden: "Kompromisse (...) brauchen weder in einem Gesetzestext niedergelegt noch institutionalisiert zu werden (wie die gentlemen's agreements zwischen Monopolindustrien)." Stattdessen "reicht es völlig aus", wenn sich die Führer unterschiedlicher Interessen "auf eine bestimmte Politik einigen" und diese dann "über die ihnen zur Verfügung stehenden Apparate zur Durchführung bringen". "Nach einem über allen Gruppen stehenden Staat besteht kein Bedürfnis" mehr, weil dieser der gewissermaßen mafios ausgehandelten Absprachen und stets vorläufigen Ausbalancierungen von Interessen hinderlich sein könnte. Franz Neumann spricht auch über unsere Gegenwart.

Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933 - 1944. Hrsg. von Alfons Söllner und Michael Wildt. Übersetzt von Hedda Wagner und Gerd Schäfer. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2018. 750 Seiten, 38 Euro.